Drei Schweizer Firmen und ein venezolanischer Milliardendeal

Untersuchungsakten der Genfer Staatsanwaltschaft zeigen, wie Glencore, Trafigura und Vitol in einen Korruptionsfall verwickelt sind.

Namen wie Glencore, Vitol und Trafigura tauchen mehrfach in Genfer Strafuntersuchungsakten auf. Foto: Reuters

Namen wie Glencore, Vitol und Trafigura tauchen mehrfach in Genfer Strafuntersuchungsakten auf. Foto: Reuters

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Alles, was Rang und Namen hat im weltweiten Rohstoffgeschäft, trifft sich ab Montag im Lausanner Luxushotel Beau-Rivage Palace zum jährlichen Branchengipfel. Bundespräsident Ueli Maurer hält eine Ansprache. Dann widmen sich die Schwergewichte der Branche Themen wie erneuerbarer Energie, Rohölpreise oder Blockchain.

Nicht auf dem Programm steht ein grosser mutmasslicher Korruptionsfall, obschon er vermutlich viel zu tuscheln geben wird unter den ansonsten verschwiegenen Händlern. Denn nun zeigt sich: Namen wie Glencore, Vitol und Trafigura tauchen mehrfach in Genfer Strafuntersuchungsakten auf. Der kantonale Staatsanwalt Johan Droz ermittelt zwar nicht gegen die drei Unternehmen, die allesamt grösser sind als Nestlé oder ABB zusammen. Doch vor einem Jahr eröffnete er eine Strafuntersuchung gegen zwei venezolanische Manager wegen eines Milliardendeals mit den drei umsatzstärksten Schweizer Firmen und anderen Branchengrössen. Die Anschuldigungen: Korruption, Geldwäsche und Datendiebstahl.

Die beiden Verdächtigen arbeiteten für einen ebenso unbekannten wie undurchsichtigen Zwischenhändler namens Helsinge. Das Unternehmen mit Sitz in Jersey und mit Büros in Genf und Miami hatte nur eine Handvoll Mitarbeiter, war aber 14 Jahre lang ein bevorzugter Vermittler von Rohöl und Raffinierprodukten für die staatliche venezolanische Ölgesellschaft PDVSA.

Geschmiert und geschmiert – und dann noch gehackt

Glencore, Vitol und Trafigura geschäfteten mit der Kleinfirma – bis PDVSA vor einem Jahr in der Schweiz und in den USA eine Klage gegen Helsinge einreichte. Der Staatskonzern wirft dem Zwischenhändler vor, er habe gezielt PDVSA-Führungskräfte bestochen, die dafür gegen die Interessen ihres Arbeitgebers handelten. Mit Schmiergeld habe Helsinge vertrauliche Daten beschafft und diese an Rohstoffriesen vorab in der Schweiz verkauft.

PDVSA wirft der Kleinfirma auch vor, von Genf und Miami aus geheime Informationen von Computern der PDVSA abgefragt zu haben. Dies sei über einen «Klon-Server» geschehen, installiert von einem Komplizen, der Informatiker war. Auch diese Hacking-Aktion soll Helsinge und letztlich Glencore und den anderen Rohstoffhändlern einen Informationsvorsprung und damit illegale Handelsvorteile verschafft haben.

Die SonntagsZeitung hatte Einblick in die Strafermittlungsakten. Die Dokumente zeigen, welch zentrale Rolle Schweizer Rohstoff-giganten aus dem Raum Genf und der Zentralschweiz in einem der grössten mutmasslichen Wirtschaftsverbrechen spielten. Gemäss der Strafanzeige von PDVSA verschafften sich involvierte Firmen von 2004 bis 2017 über Helsinge Aufträge von mehr als40 Milliarden Dollar. Gemäss einer Tabelle verkaufte Glencore in dieser Zeit für mehr als 11 Milliarden Dollar Erdölprodukte an den venezolanischen Staatskonzern. Gleichzeitig kaufte das Zuger Unternehmen, das von Ivan Glasenberg geführt wird, von PDVSA Öl für 5 Milliarden Dollar.

Helsinge habe darauf «korrupte» PDVSA-Mitarbeiter mit 1,5 Millionen geschmiert.

Bei der Genfer Trafigura beliefen sich die Käufe auf rund 7,7 Milliarden und die Verkäufe auf mehr als 6,5 Milliarden. Mit Vitol und Lukoil stehen zwei weitere Unternehmen mit Hauptsitz in Genf an der Spitze der Rangliste.

PDVSA beschreibt in ihrer Anzeige ein Beispiel «einer echten Korrelation zwischen korrupten Zahlungen und Verträgen von Handelsunternehmen»: 2005 habe Helsinge in nur sechs Monaten mehr als 8,5 Millionen Dollar von Glencore, Trafigura, Vitol und anderen Rohstoffhändlern «für Re­präsentationskosten» erhalten. Helsinge habe darauf «korrupte» PDVSA-Mitarbeiter mit 1,5 Millionen geschmiert.

Millionen auf Bankkonten blockiert

Der Staatskonzern des sozialistisch regierten Landes stellte der Genfer Justiz auch E-Mails zur Verfügung. Daraus geht hervor, wie Helsinge Schweizer Rohstoffhändler über Ausschreibungen, Ladungen, Aktien und strategische Pläne der PDVSA informierte. «Behandeln Sie dies streng vertraulich», schrieb ein Helsinge-Manager 2005 an seine Kontakte bei ­ Trafigura. «Bitte denken Sie daran, dass es für Sie sehr heikel ist, dieses Dokument zu haben.»

Bei einer Hausdurchsuchung in Genf beschlagnahmten die Ermittler ein grünes Notizbuch mit goldenen Punkten, das einem Buchhalter von Helsinge gehörte. Es zeigt, wie die Firma bis mindestens 2017 riesige Ölmengen mit Schweizer Händlern abgewickelt hat. In einer Befragung sagte einer der Schweizer Helsinge-Direk­toren, dass das Unternehmen noch vor kurzem unter anderem mit den Rohstoffhandelsfirmen Gunvor, Mercuria und Vitol zusammengearbeitet habe.

Für den Anwalt von PDVSA in der Schweiz, Guerric Canonica, müssen die Genfer Ermittler das Verhältnis zwischen Helsinge und den Schweizer Händlern genau untersuchen: «Warum haben diese Händler einen Vermittler wie Helsinge dazwischengeschaltet, wenn sie doch die Genehmigung hatten, direkt mit PDVSA zu verhandeln?»

«Es ist im Ölgeschäft nicht ungewöhnlich, einen Vermittler zu haben.»Daniel Tunik, Rechtsanwalt

Die betroffenen Schweizer Rohstoffriesen reagieren wortkarg auf Anfragen. Glencore, Lukoil und Trafigura wollen keine Stellung nehmen. Vitol erinnert daran, dass die von der PDVSA in den USA eingereichte Zivilklage, die ähnliche Vorwürfe wie die Anzeige in der Schweiz enthält, jüngst von einem Richter abgewiesen wurde. Mercuria erklärt, dass sie «strenge Regeln für die Einhaltung der geltenden Gesetze und Vorschriften» befolgt. Gunvor bestätigt, dass sie «für einen begrenzten Zeitraum» mit Helsinge gehandelt habe. Die Firma bestreitet aber jedes Fehlverhalten und schreibt, sie sei an keinen der von PDVSA beschriebenen Machenschaften beteiligt gewesen.

Die Anwälte der beiden beschuldigten Helsinge-Manager äussern sich detailliert. Jean-Marc Carnicé sagt, dass sein Klient und das Unternehmen «alle Straftaten und jegliche Korruption» bestreiten, genauso wie jegliche Beteiligung an Computer-Hacks. Ihm zufolge waren die Beziehungen zwischen Helsinge und den Händlern «in der Geschäftswelt Venezuelas üblich». Der in der Anzeige zitierte E-Mail-Verkehr lasse keinerlei belastende Schlussfolgerung zu. Auch Daniel Tunik, Rechtsanwalt des zweiten Beschuldigten, erklärt, dass sein Mandant alle Vorwürfe der PDVSA bestreite. Die Anschuldigungen seien bereits in Venezuela untersucht worden, was zu einem Freispruch geführt habe.

Zum Korruptionsverdacht sagt Tunik: «Es ist im Ölgeschäft nicht ungewöhnlich, einen Vermittler zu haben. Sie müssen sich mit Menschen umgeben, die wissen, wie Ausschreibungen funktionieren. Helsinge kannte die Funktionsweise und konnte deswegen seine Dienstleistungen anbieten.» Die Offerten, die Helsinge vermittelte, seien erfolgreich gewesen, weil sie die besten gewesen seien.

Die Genfer Staatsanwaltschaft hat einige Millionen Dollar auf Konten der Banken Pictet, Crédit Agricole und BNP blockiert. Ferner hat sie das 7-Millionen-Anwesen des einen Beschuldigten im Genfer Nobelquartier Champel beschlagnahmt.

Erstellt: 24.03.2019, 21:17 Uhr

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