Schweizer sind süchtig nach Proteinbomben

Migros, Coop und die Valora-Kioske füllen ihre Regale mit Eiweiss-Produkten. Ärzte ermuntern Patienten, sie zu kaufen. Doch das ruft Kritik hervor – sogar von Nestlé.

Eigentlich braucht es keine zusätzlichen Proteinprodukte für eine ausgewogene Ernährung. Foto: Basil Stücheli

Eigentlich braucht es keine zusätzlichen Proteinprodukte für eine ausgewogene Ernährung. Foto: Basil Stücheli

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ZürichAuf dem Frühstückstisch des Paars steht eine grosse Büchse der Sportlermarke Power Bar, ein Eiweisspulver mit einer 92-prozentigen Proteinmischung. «Der Arzt hat mir das für den Muskelaufbau verschrieben», sagt der Mann. Der Kollege im Büro ist bereits süchtig nach dem Energy-Milk-Drink, den der Milchverarbeiter Emmi mit 40 Gramm reinem Protein anreichert. Und die 66-jährige Mutter der Chefin schwört auf Anraten ihres Arztes auf High-Protein-Riegel. Erst waren es vor allem Sportler, die ihre Muskeln mit Protein-Shakes pumpten, jetzt sind die Eiweissbomben auch in der breiten Bevölkerung angekommen.

Die Proteinprodukte erobern immer breitere Regalflächen in den Läden: Eiweiss-Shakes, Joghurts, Porridge, Riegel, Chips – alle mit dem teuren Zusatz Protein. Noch 2015 führte Valora in ihren Kiosken und Convenience-Läden erst drei verschiedene Eiweiss-Produktlinien. Im vergangenen Jahr waren es bereits 51. «Wir haben unser Angebot an High-Protein-Produkten aufgrund der steigenden Nachfrage stetig ausgebaut», sagt Sprecher Kilian Borter. Und: «Wir wollen es weiter ausbauen.»

Bei den Jungen wird die Eiweissmanie zusätzlich von den ­sozialen Medien befeuert. Auf ­Instagram kann der Proteinbewusste bereits 82 verschiedenen Eiweiss-Influencern folgen. Da tummeln sich vom #Eiweisskönig über den #Eiweiss-Junkie bis zum #Eiweissflüsterer zahlreiche Werber für Proteinprodukte.

Beim Milchverarbeiter Emmi floriert das Proteingeschäft

App-Entwickler haben das grosse Marktpotenzial entdeckt. Im «Protein-Journal» zum Beispiel tippt der Eiweiss-Ängstliche alles ein, was er gerade in den Mund nimmt. Die App berechnet jedes konsumierte Gramm Eiweiss und zeigt an, wie viel Protein man bis zum Tagesziel noch einnehmen muss.

Die Detailhandelsriesen Coop und Migros reiten die neue Welle und vergrössern ihr Sortiment an High-Protein-Produkten ständig. Für Linienbewusste werden bereits Proteinsalate angeboten. Vergangene Woche hat Coop den Magermilchquark Skyr ins Kühlregal gebracht, der «fettfrei und eiweissreich» sei. Migros lanciert als neuen Eiweisshit die «Oh! High Protein Butter». Umsatzzahlen zu diesem Sortiment wollen weder Coop und Migros noch Valora verraten.

«Die Nachfrage seitens unserer Kunden nach besonders proteinhaltigen Lebensmitteln hat stark zugenommen», sagt Coop-Spre­cherin Yvette Petillon. «Eine eiweissbetonte Ernährung steht bei vielen Kunden hoch im Kurs.» Im Gegensatz zu Zucker und Fett werde Protein als «positiver Nährstoff» wahrgenommen.

Besonders hohe Nachfrage in der Schweiz

Emmi sieht in Proteinprodukten ein grosses Potenzial. Er hat schon früh auf diese Karte gesetzt. Bereits 2013 lancierte der Nahrungsmittelhersteller proteinreiche Produkte, die aber vom Detailhandel mangels Nachfrage rasch wieder aus den Regalen gekippt wurden. 2016 brachte Emmi den «Energy Milk High Protein» auf den Markt, der sich an eine jüngere Zielgruppe richtete. Erst als der Drink von natürlichem Zucker auf künstliche Süsse umgestellt wurde, kam der Durchbruch mit Wachstumsraten um 50 Prozent. Auch Emmi nennt diesbezüglich keine Umsatzzahlen oder Margen.

Die Gewinnspanne dürfte hoch sein. Für den Emmi-Drink muss der Konsument bei Coop tief in die Tasche greifen: Der Halbliter High Protein Schoko Milch-Shake kostet 4.35 Franken. Die Eiweissprodukte seien besonders in der Schweiz gefragt, heisst es bei Emmi. In anderen Ländern steckt der Molkereiverarbeiter mit Protein-Shakes erst in den Anfängen.

Neu werden ab diesem Frühling in der Schweiz zahlreiche von Emmi hergestellte High-Protein-Produkte unter den Eigenmarken von Schweizer Detailhändlern lanciert, wie Emmi verrät. Für diesen Herbst seien weitere, noch nicht spruchreife Konzepte ­angedacht.

Die Gefahr ist gross, dass zu viel Protein gegessen wird

Der Proteinbomben-Trend provoziert aber auch Kritik. So meint Nestlé-Forschungschef Stefan Palzer, der in der Konzernleitung sitzt: «In unseren Breitengraden macht ein Proteinzusatz in der Ernährung nur bedingt Sinn, vorausgesetzt, man ernährt sich ausgewogen. In Milch und Käse nehmen wir genügend Protein auf.» Wichtiger sei ein Proteinzusatz in den Schwellenländern, wo gewisse Bevölkerungsschichten an Proteinmangel litten. Einzig für spezielle Bevölkerungsgruppen hält Palzer auch bei uns Proteinzusätze für sinnvoll. So führt Nestlé einige Produkte, um einen Proteinmangel zu decken. Zum Beispiel «Boost High Protein», eine Eiweissbombe mit Vitaminzusatz. Das sei besonders gut für ältere Personen, damit diese «ihren aktiven Lifestyle beibehalten» können, wie Nestlé wirbt.

Unterstützt wird die Kritik von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung. Gemäss ihrer Empfehlung sollten pro Kilo Körpergewicht mindestens 0,8 Gramm Eiweiss auf dem Speiseplan stehen. Bei einer 56 Kilo schweren Frau würde ein Eiweissdrink mit 40 Gramm Protein den Tagesbedarf schon fast decken. Die Gefahr ist also gross, dass zu viel Protein gegessen wird, sofern man sich abwechslungsreich mit Fleisch, Getreide und Milchprodukten ernährt und zusätzlich auch noch Proteinprodukte schluckt.

Migros-Sprecher Tristan Cerf räumt ein, dass die Schweizer im Durchschnitt genügend Proteine zu sich nähmen, wenn nicht sogar zu viel. Dass sich dieses Geschäft für die Migros auszahlt, erwähnt er nicht. Fragt sich nur, warum trotz aller Kritik und Selbstkritik ständig weitere Proteinprodukte auf den Markt geworfen werden. Ganz einfach: Es sind die satten Margen. Für 200 Gramm ordinäre Valflora-Vorzugsbutter bezahlt der Migros-Kunde 2.75 Franken. Für 200 g «Oh! High Protein Butter» muss er 3.95 Franken hinlegen. Also 44 Prozent mehr.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.02.2019, 07:30 Uhr

Kioskbetreiber Valora steht nicht auf dem Einkaufszettel von Coop

Der Detailhandelsriese Coop soll Interesse an der Kioskbetreiberin Valora haben – diese Spekulationen kamen Mitte Januar auf. Doch aus der obersten Führungsetage von Coop war diese Woche zu vernehmen, dass dieses Kaufgerücht falsch sei. Natürlich würde Coop gern einzelne gut gelegene Standorte von Valora übernehmen, aber sicher nicht den Konzern als Ganzes, sagt ein Topmanager. Brezelkönig hält er für attraktiv. Daran wäre wohl aber auch Konkurrentin Mi­gros interessiert. Und Brezelkönig wolle Valora nicht verkaufen.

Offiziell kommentieren weder Coop noch Valora die Verkaufsgerüchte. Angeheizt wurden sie von einem Analystenkommentar der Bank Vontobel. Die Spekulationen liessen den Aktienkurs des Kiosk­betreibers an einem Tag bis zu 15Prozent nach oben schiessen.

Valora-Chef Michael Mueller sagt: «Mich würde schon interessieren, wer dieses Gerücht in Umlauf gebracht hat.» Analysten und Broker würden nur auf solche Gerüchte ­reagieren und sie selbst nicht in Umlauf bringen, meint er – und stellt klar, dass Valora nicht der Urheber dieses Gerüchts sei: «Unsere Philosophie ist es, nicht den Aktienkurs, sondern das Geschäft zu pflegen.» Beide Unternehmen haben diese Woche ihre Bilanzen präsentiert. Valora betreibt unter anderem die K-Kioske, die Convenience-Läden Avec, die Kaffeekette Caffè Spettacolo, die Buchhandelläden Press & Books und den Take-away Brezelkönig. Valora ist vor allem in der Schweiz und in Deutschland, aber auch in Österreich und Luxemburg mit dem kleinflächigen Detailhandelsgeschäft präsent.

Gret Heer

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