Schweizer zahlen eine Milliarde zu viel für Medikamente

Krankenkassen zeigen erstmals: Die Prämien würden deutlich sinken, wenn die Arzneipreise so günstig wie in der EU wären.

127 Franken mehr pro Kopf: Medikamente sind hierzulande bedeutend teurer als in vergleichbaren EU-Ländern. Im Bild: Coop-Vitality-Apotheke in Feuerthalen. Foto: Keystone

127 Franken mehr pro Kopf: Medikamente sind hierzulande bedeutend teurer als in vergleichbaren EU-Ländern. Im Bild: Coop-Vitality-Apotheke in Feuerthalen. Foto: Keystone

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Eylea bedeutet Hoffnung für Patienten und Ärger für ­Krankenkassen. Das Medikament des Pharmakonzerns Bayer wirkt gegen eine ­weitverbreitete Augenkrankheit. Ohne das Mittel würden ­Tausende betagte Menschen erblinden. Der Konzern macht damit 100 Millionen Franken Umsatz. Die Schweiz ist für Bayer eine Goldgrube. Denn das Unternehmen darf Eylea hier viel teurer verkaufen als im Ausland: In Frankreich etwa liegt der bewilligte ­Fabrikabgabepreis pro Packung bei umgerechnet 660 Franken, in der Schweiz bei satten 990 Franken.

Eylea ist kein Einzelfall. Erstmals hat der Krankenkassenverband berechnet, wie viel Geld Schweizerinnen und Schweizer sparen könnten, wenn alle jährlich verbrauchten Medikamente so günstig wären wie in vergleich­baren Ländern in der EU. Die Auswertung liegt dieser Zeitung vor. Der Befund ist frappant: Die bereinigte Differenz zwischen EU- und Schweizer Preisen liegt bei 1,1 Milliarden Franken. Das entspricht 127 Franken im Schnitt pro Kopf der Schweizer Bevölkerung. Für eine vierköpfige Familie würde laut Krankenkassenverband eine jährliche Prämienreduktion von rund 380 Franken drinliegen. Bei den Berechnungen hat Santésuisse die Medikamentenpreise ausschliesslich mit Preisen reicherer europäischer Länder ­verglichen. Das sind: Dänemark, Deutschland, Niederlande, Grossbritannien, Österreich, Frankreich, Schweden, Belgien, Finnland.

«Desillusionierte» Politiker im Kampf gegen die Pharma

Gesundheitsminister Alain Berset kämpft zwar seit Jahren für tiefere Medikamentenpreise. Eine erste Senkung hat der Sozialdemokrat auch durchgeboxt. Doch die ­Preise sind noch immer überteuert. Denn Bersets Gegner sind stark und unberechenbar: Es sind einerseits die gut organisierte Schweizer Pharmalobby und andererseits viele Parlamentarier, die zwar in der ­Öffentlichkeit tiefe Gesundheitskosten fordern, wenn es um konkrete Massnahmen geht, dann aber doch lieber dagegen stimmen.

Santésuisse-Präsident Heinz Brand fordert vom Bundesrat ­Nägel mit Köpfen. Man dürfe nicht länger dulden, dass «viele Medikamente, deren Patentschutz abgelaufen ist, bis zu 100 Prozent mehr kosten als im Ausland». Der Bündner SVP-Nationalrat fordert, dass der Bundesrat die bereits 2017 von Experten vorgeschlagenen Massnahmen zur Kostensenkung nun ohne weitere Verzögerung umsetzt. Es gäbe laut dem Santésuisse-Präsident einfache Lösungen: Statt wie bis jetzt nur alle drei Jahre, müsste die Behörde die Medikamentenpreise jedes Jahr überprüfen und gegebenenfalls nach unten anpassen. Alleine mit dieser Massnahme liessen sich laut Brand «bereits Hunderte Millionen Franken sparen».

Pharmalobby sträubt sich schon jetzt

Doch Brand weiss wie Berset um die übermächtige Gegnerschaft: «Im Parlament sitzen sehr viele Leistungserbringer des Gesundheitswesens, etwa Vertreter der Ärzte, der Spitäler und der Pharmalobby», sagt der Gesundheitspolitiker. «Sie alle haben kaum Interesse an Kostensenkungen, oft bilden sie unheilige Allianzen.» Ähnliche Erfahrungen hat der CVP-Nationalrat Christian Lohr gemacht. Der Thurgauer kämpft als unabhängiger Gesundheitspo­litiker für tiefere Medikamentenpreise. Er sagt: «Wenn man im ­Gesundheitswesen etwas bewegen will, wird man schnell desillusioniert.» So hat Lohr jüngst eine ­parlamentarische Initiative ein­gereicht. Sie fordert ein Beschwerderecht für Krankenkassen. Diese ­sollen sich wehren können, wenn die Behörde bei einer Arznei einen zu hohen Preis festlegt. Die Kommis­sion habe den Vorstoss zwar an­genommen, aber gleichzeitig blockiert, weil sie angeblich einen Entscheid des Bundesrats abwarten wolle, klagt Lohr. «So werden die Geschäfte verzögert, über ­Monate, immer wieder.»

In der Tat: Die Pharmalobby sträubt sich schon jetzt gegen die vorgeschlagenen Massnahmen zur Senkung der ­Medikamentenpreise. Anita Geiger vom Pharmaverband Interpharma sagt, eine jährliche Preisüberprüfung, wie Brand sie fordert, lehne man ab, «weil der Aufwand für Behörden und Firmen verdreifacht würde und in ­keinem Verhältnis zu den erzielten Einsparungen» stünde. Auch ein Beschwerderecht für Krankenkassen will die Pharma nicht.



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Erstellt: 12.10.2019, 22:19 Uhr

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