Schwere Vorwürfe gegen Unfallfirma von Budapest

Die Schweizer Betreiberin Viking lasse ihre Mitarbeiter bis zu 16 Stunden am Stück arbeiten, sagt ein ehemaliger Angestellter.

Der Kapitän wurde mittlerweile verhaftet: Die Viking ­Sigyn nach der Kollision in Budapest. Foto: Keystone

Der Kapitän wurde mittlerweile verhaftet: Die Viking ­Sigyn nach der Kollision in Budapest. Foto: Keystone

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Am Mittwochabend rammte das Kreuzfahrtschiff Viking ­Sigyn auf der Donau in der ungarischen Hauptstadt Budapest ein Ausflugsboot und versenkte es. Bisher wurden nur 7 der 35 Insassen gerettet. 21 werden noch immer vermisst – es ist unwahrscheinlich, dass noch jemand lebend geborgen werden kann.

Nun erhebt ein ehemaliger Mitarbeiter schwere Vorwürfe gegen die in Basel ansässige Betreiber­gesellschaft Viking River Cruises, der das 135 Meter lange Schiff gehört. Pál Kovács (Name geändert), ein in Budapest wohnender Ungar, der bei Viking von 2013 bis 2016 als Matrose auf den Strecken Amsterdam–Basel (Rhein) und Amsterdam–Budapest (Rhein–Main–Donau) arbeitete, sagt der SonntagsZeitung, die im Arbeitsvertrag verankerte wöchentliche Arbeitszeit von vierzig Stunden sei nie eingehalten worden. «Wir haben sie immer überschritten. Es ist gang und gäbe auf sämtlichen Schiffen.»

Die Gesellschaft habe von ihren Mitarbeitern erwartet, nach einer Schicht von acht Stunden noch eine weitere Achtstundenschicht zu leisten, sagt der Mann. Unterbrochen worden sei die Arbeitszeit nur durch eine Stunde Mittagspause, zweimal 15 Minuten Kaffeepause und eine Stunde fürs Abendessen. «Im Durchschnitt überschritten wir die reguläre Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag um fünf bis sechs Stunden.»

Selbst Kapitäne sollen zu lange gearbeitet haben

Noch schwerwiegender: Die überlangen Arbeitstage hätten nicht nur für Matrosen, Köche und Servicemitarbeiter gegolten, sondern auch für die Kapitäne, sagt Kovács. Deren Ruhezeiten seien zwar auf anderen Strecken eingehalten worden, «aber nicht auf der Strecke Amsterdam–Budapest». Beim Wechsel vom Main auf den Rhein bei Mainz seien die Viking-Schiffe ohne Pause weitergefahren. Das sei ein Verstoss gegen die Verordnung über das Schiffspersonal auf dem Rhein. Sie schreibt einen Halt von acht Stunden vor, wenn ein Schiff nach einer Fahrt von 18 Stunden zu einer solchen von 24 Stunden übergeht, wie es in Mainz der Fall ist.

Die ungarische Polizei hat den ukrainischen Kapitän des Unfallschiffs von Budapest am Donnerstag verhaftet. Es lägen «begründete Verdachtsmomente» gegen ihn vor, teilte sie mit. Gestern hat ihn ein Gericht offiziell beschuldigt (mehr dazu in der Box). Auch wenn die Unfallursache ungeklärt ist und für den Kapitän wie auch für Viking die Unschuldsvermutung gilt: Die Vorwürfe des ehemaligen Matrosen lassen den Verdacht aufkommen, dass Viking mit der Verletzung der Arbeits- und Ruhezeiten die Sicherheit von Passagieren und Besatzungsmitgliedern gefährdet.

Bildstrecke – Die Bilder vom Unglück auf der Donau

Jedenfalls ist es nicht der erste Unfall mit Todesfolge, in den Viking verwickelt war: 2016 rammte ein Viking-Schiff auf dem Main-Donau-Kanal bei der deutschen Stadt Erlangen eine Brücke – also genau auf der Strecke, auf der Kovács als Matrose die Missstände feststellte. 2004 hatte ein anderes Viking-Schiff auf der Donau in Wien bei einem verbotenen Wendemanöver einen Brückenpfeiler gerammt. Mehrere der rund 135 Passagiere erlitten Prellungen oder Schürfwunden.

Viking halte zwar das Minimum an Sicherheitsvorschriften ein, das von den Behörden erwartet und überprüft werde, sagt Kovács. Und im Normalfall sei die Schiffsbesatzung angemessen ausgebildet. Doch: «Es gibt immer wieder Besatzungsmitglieder, die keine Fremdsprache sprechen und daher in einem Notfall bei Bergungsmassnahmen untauglich sind.» Und es komme vor, dass Matrosen den Dienst nicht ausgeruht antreten können, da sie zuvor das Sonnendeck auf-, oder vor dem Losfahren wegen der niedrigen Main-Brücken abbauen müssten.

Die überlangen Arbeitszeiten würden von Viking nicht abgegolten, sagt der ehemalige Matrose. Die Firma habe im Arbeitsvertrag festgelegt, dass Überstunden nicht bezahlt würden, sondern durch Freizeit zu kompensieren seien. Die Einsätze seien jedoch dermassen dicht nacheinander erfolgt, dass eine Kompensation praktisch unmöglich gewesen sei.

Bis Redaktionsschluss nahm Viking keine Stellung zu den Vorwürfen.



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(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.06.2019, 19:33 Uhr

Unterliess der Kapitän eine Warnung?

Die genauen Hintergründe des Unglücks sind weiterhin unklar. Von der Polizei veröffentlichte Überwachungsvideos zeigen, wie das 135 Meter lange Kreuzfahrtschiff «Sigyn» des norwegischen Unternehmens Viking mit grosser Geschwindigkeit den fünf Mal kleineren Ausflugsdampfer überholt und ihm dabei immer näher kommt. Es war kurz zuvor von Budapest zu einer mehrtägigen Kreuzfahrt Richtung Deutschland aufgebrochen.

Nach Informationen der ungarischen Zeitung «Magyar Nemzet» vom Samstag glauben die Ermittler, dass der Kapitän der «Sigyn» seinen Kollegen nicht über das Überholmanöver informiert und damit gegen die Schifffahrtsregeln verstossen habe. Auch soll er die Polizei nicht über die Kollision informiert haben.

Sicher ist, dass der Kapitän vorläufig in Haft bleibt. Ein Gericht in Budapest folgte einem entsprechenden Antrag der Staatsanwaltschaft mit der Begründung, der 64-jährige Ukrainer habe die Flussschifffahrt gefährdet. Dies würden Protokolle und Videoaufnahmen belegen. Zudem bestehe Fluchtgefahr, da der Mann Ausländer sei und über sehr gute Ortskenntnisse verfüge, berichtete die ungarische Nachrichtenagentur MTI unter Berufung auf die Ankläger. Der Haftbefehl war am Samstag genehmigt worden und gilt für für einen 30-Tage-Zeitraum. Was genau der Kapitän getan oder unterlassen haben soll, teilten die Ermittler nicht mit.

Bergung durch Hochwasser erschwert

Unterdessen behindern Hochwasser und reissende Strömung weiter die Bergung des gesunkenen Ausflugsdampfers, in dessen Inneren ein Grossteil der Vermissten vermutet werden. Auch am Samstag konnten Taucher das unter der Margaretenbrücke in sechs Metern Tiefe liegende Wrack nicht erreichen. Die Bergungsteams suchen Medienberichten zufolge nun nach Möglichkeiten, die Strömung rund um das Wrack einzudämmen.

Während auf der Brücke seit Samstag schwarze Trauerfahnen wehen, ging die Suche nach Vermissten entlang der Donau weiter. Wegen der starken Strömung wurde sie bis nach Serbien und Rumänien ausgeweitet - drei der sieben Toten waren kilometerweit flussabwärts entdeckt worden. (sda)

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