Schwimmen wie Arielle

Mermaiding entwickelt sich zur Trendsportart. Das Flossenschwimmen ist aber nicht ohne Risiko. Jetzt werden Sicherheitsempfehlungen ausgearbeitet.

Einmal Meerjungfrau sein: Die Kombination aus Schwerelosigkeit und Glitzerwelt fasziniert nicht nur die Mädchen im Hallenbad Opfikon. Bild: Thomas Egli

Einmal Meerjungfrau sein: Die Kombination aus Schwerelosigkeit und Glitzerwelt fasziniert nicht nur die Mädchen im Hallenbad Opfikon. Bild: Thomas Egli

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Die Verwandlung geht schnell: Über die Füsse eine Flosse und bis zu den Hüften ein mit glitzernden Schuppen bedeckter Fischschwanz. Schon werden aus Mädchen am gestrigen Nachmittag im Hallenbad Bruggwiesen in Opfikon ZH Meerjungfrauen.

Ein letztes Mal holen die Fabelwesen Luft, dann tauchen sie ab. Kopf voran. Die mit Strass verzierte Schwanzflosse schlägt kurz an der Wasseroberfläche auf und verschwindet sogleich in der Welt von Arielle. Mermaiding heisst die Schwimmform, welche weltweit die Herzen von Unterwasserprinzessinnen, aber auch so manch einem Neptun, höher schlagen lässt. Erfunden von einer Tauchlehrerin auf den Philippinen, begeistert das Flossenkostüm auch in der Schweiz Tausende Kinder.

«Es ist wundervoll, mit dem Flossenkostüm zu schwimmen», sagt Lia, 8, noch nach Luft japsend. «Einfach super», fügt Céline, 8, hinzu und gleitet gleich wieder in die Tiefe. Anders als im Märchen von Hans Christian Andersen haben die Meerjungfrauen im Bassin Stimmen. Sie schnattern voller Freude. «Es fühlt sich so an, als hätte ich tatsächlich keine Beine mehr», sagt Elodie, 8.

«Es ist wichtig, dass die Kinder richtig angeleitet werden.»Flavio Seeberger, Ausbildungsverantwortlicher 

Mit zehn anderen Mädchen besucht sie einen Schnupperkurs im Meerjungfrauen-Schwimmen, organisiert von Cristina Würgler. Die Schwimmlehrerin hat das Potenzial fürs Mermaiding als eine der Ersten hierzulande erkannt. «Die Kombination aus Schwerelosigkeit und Glitzerwelt macht den Reiz aus», sagt Würgler. Vor vier Jahren begann sie eine Handvoll Kinder zu unterrichten, heute besuchen jährlich über 2500 in der ganzen Schweiz ihre Kurse, und es werden laufend mehr. Zwar gibt es ein paar weitere Meerjungfrauen-Schulen, doch längst nicht genug. So sind auch die Bubble-Swim-Lektionen von Nina Pauli, die sie in verschiedenen Kantonen anbietet, kaum ausgeschrieben, schon ausgebucht.

Der Verband Swimsports hat nun reagiert und bildet zusammen mit Cristina Würgler Mermaid-Instruktoren aus. Zwölf haben diesen April ihre Ausbildung abgeschlossen. «Es ist wichtig, dass die Kinder richtig angeleitet werden», sagt der Ausbildungsverantwortliche Flavio Seeberger.

Denn so leicht und geschmeidig die Bewegungen mit den bunten Fischschwänzen aussehen, es braucht Kraft und Technik, um in die Fantasiewelt abtauchen zu können. Erschwerend für Anfänger: Die Tauchphase ist lang. «Es kann die Gefahr bestehen, dass die Kinder im tiefen Wasser in Stress geraten – auch weil die Beine in einem engen Schlauch aus Badekleidstoff stecken und strampeln nicht möglich ist», so Seeberger.

Wie stark sich das Flossenkostüm auf das Tauchen und Schwimmen auswirkt, haben australische Forscher untersucht. Ihr Fazit: Je jünger die Nixen, desto grösser die Schwierigkeiten. Und bei allen Kindern reduziert sich die Schwimmfähigkeit um 70 Prozent. Daher darf in West-Australien nur Meerjungfrau sein, wer 50 Meter schwimmen kann und mindestens zehn Jahre alt ist.

Der Spass mit Flosse ist nur für gute Schwimmer geeignet

Bei Cristina Würgler schlüpfen auch schon Sechsjährige ins Kostüm – sofern sie gut schwimmen können. Dies testet die Lehrerin jeweils vor Kursbeginn. «Die Schwimmfähigkeit ist nicht altersabhängig», sagt sie. Trotzdem würde Würgler es begrüssen, wenn es schweizweite Empfehlungen gäbe. Swimsports ist aktuell daran, solche auszuarbeiten. Mindestens verlangt wird, dass ein Kind sich allein mit diversen Armtechniken über Wasser halten kann. Das Meerjungfrauen-Schwimmen für Kinder unter sechs Jahren sowie in freien Gewässern wie den Seen oder Flüssen erachtet Swimsports als ungeeignet.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) und die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) unterstützen die Ausarbeitung solcher Empfehlungen. Allerdings würde die SLRG noch einen Schritt weitergehen und nach dem Vorbild Australiens das Flossenschwimmen erst ab 10 Jahren zulassen. Insbesondere, da Ertrinken bei Kindern die zweithäufigste Unfall-Todesursache ist. Drei Kinder kommen jährlich im Wasser um. «Ein Kind kann in weniger als 20 Sekunden untergehen und ertrinken – und das fast immer lautlos», sagt Philipp Binaghi von der SLRG. Deshalb sollte auch im Pool oder im Freibad immer eine erwachsene Person die Nixen beaufsichtigen. Bis heute hat die BfU keinen tödlichen Schwimmunfall registriert, bei dem ein Fischschwanz-Kostüm eine Rolle spielte. Trotzdem rät sie dazu, solche Meerjungfrauen-Flossen nur in einem sicheren Umfeld zu benutzen.

In manchen Hallen- und Freibädern gibt es aus Sicherheitsgründen ein Mermaiding-Verbot. Eine einheitliche Regelung fehlt jedoch. So sind die Kostüme in See- und Flussbädern des Sportamts Zürich sowie in Becken, in denen die Kinder nicht stehen können, verboten. Und in Bädern des Sportamts Bern sind Flossen grundsätzlich nicht erlaubt. Es liegt aber im Ermessen des Bademeisters, Ausnahmen zu gestatten. Beispielsweise, wenn die Platzverhältnisse es zulassen.

Trend könnte noch populärer werden

Thomas Reutener, Geschäftsleiter des Verbands der Hallen- und Freibäder, sagt: «Schweizweit gibt es die verschiedenartigsten Bäder, somit ist es Sache des Betreibers, je nach Situation ein Verbot durchzusetzen.» Er rät aber, das Mermaiding nur in abgesperrten Bereichen zu üben, denn die Flossenschläge können auch andere Schwimmer stören oder treffen.

Reutener geht davon aus, dass das Schwimmen im Nixenkostüm noch populärer wird, weil es künftig mehr Mermaid-Instruktoren geben wird. Davon geht auch Cristina Würgler aus. Neben den Kursen designt und vertreibt sie seit zwei Jahren auch Fischschwanz-Sets für 149 Franken. «Da es zu wenig robustes Material gab, entwickelten wir die Produkte selber weiter», sagt sie. Ihre Firma Mjss mit Sitz in Greifensee ZH verkauft mittlerweile hunderte Flossen pro Jahr, Tendenz steigend.

Müde, aber mit einem grossen Wunsch steigt Elodie aus der Unterwasserwelt in Opfikon: Ein Meerjungfrauen-Kostüm soll es sein. «Leider hatte ich erst gerade Geburtstag.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.07.2018, 18:41 Uhr

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