«Schwule Albaner haben oft Frau und Kinder»

Besucher der Zürcher Balkan Gay Night zur Frage, weshalb sich so wenige von ihnen outen.

«Die Wahrheit holt irgendwann jeden ein»: Qendrim Selmonaj outete sich vor drei Jahren. Foto: Michele Limina

«Die Wahrheit holt irgendwann jeden ein»: Qendrim Selmonaj outete sich vor drei Jahren. Foto: Michele Limina

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Wo einst zwinglianische Sittenstrenge herrschte, florieren heute zahlreiche Clubs, Bars und Organisationen, die sich an homosexuelle Menschen richten. «Dennoch können weit nicht alle ihre Sexualität in Zürich offen leben», sagt Marco Uhlig, Geschäftsführer vom Gay-Club Heaven. Männer und Frauen, die ihr Coming-out noch vor sich haben, lassen sich gemäss Uhlig in allen Kulturkreisen, Altersklassen und Gesellschaftsschichten finden. An der Balkan Gay Night, einer beliebten Partyreihe im Heaven, sei ihr Anteil jedoch besonders hoch. Partygäste mit Wurzeln im Balkan sprachen mit der SonntagsZeitung über ihre tabuisierte Sexualität.


Qendrim Selmonaj, 20, Fachhändler

Als Kind albanischer Eltern bin ich mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Homosexualität falsch und eine Sünde ist. Als ich realisierte, dass ich auf Männer stehe, fiel ich in ein tiefes Loch. Ich machte mir schwere Vorwürfe und fragte mich, was ich bloss falsch gemacht hatte, dass ich schwul bin.

Vor drei Jahren merkte meine Mutter, dass es mir schlecht ging, und fragte, was los sei. Ich hielt es für den richtigen Zeitpunkt für mein Coming-out. Sie sagte daraufhin: «Du bist immer noch mein Sohn, ich liebe dich trotzdem.» Ich dachte: «Wow, das ist einfacher, als ich annahm.» Doch dann fügte sie hinzu: «Aber wir bringen das weg, das ist therapierbar. Dein Vater und ich haben es nicht verdient, dass unser einziger Sohn schwul ist.» Danach fing sie an, mich zu kontrollieren, und wollte nicht mehr, dass ich ausgehe.

Ich ging aber weiterhin in den Ausgang. Am Pride Festival wurde ich von jemandem erkannt, der meinem Vater Bescheid gab. Als ich nach Hause kam, fragte er mich, weshalb ich mich mit psychisch kranken Leuten abgeben würde. Das hat mich sehr verletzt. Denn diese Leute sind für mich wie eine zweite Familie. Ich antwortete meinem Vater, sein Sohn sei genauso krank wie die.

Dann eskalierte die Situation: Mein Vater griff mich körperlich an, meine Schwestern mussten ihn von mir wegziehen. Ich packte meine Sachen und zog danach erst mal zu meiner Grossmutter.

Ich glaube, sie weiss bis heute nicht, dass ich schwul bin. Wüsste sie davon, würde sie das mit Sicherheit verletzen. Im Kosovo wissen die meisten Leute gar nicht so genau, was Homosexualität bedeutet. Als ich letztes Jahr dort in den Ferien war, fragten mich Leute auf der Strasse, ob ich ein Mann oder eine Frau sei. Als ich sagte, dass das doch gar keine Rolle spiele, spuckten einige mich an. Offenbar wissen sie schlicht nicht, wie man mit jemandem umgehen soll, der weisse Haare, mehrere Ohrringe und einen femininen Stil hat.


Skandal: Dokfilm über die LGBTQI-Bewegung in Albaniens Hauptstadt Tirana. Video: YouTube / Elton Baxhaku


Als sich die Lage mit meinem Vater etwas beruhigte, zog ich zurück zu meinen Eltern. Der Vorfall wurde komplett tabuisiert, meine Familie tat, als sei nichts geschehen. Es war eine sehr schwierige Zeit. Ich fühlte mich unwohl, da ich das Gefühl hatte, etwas verheimlichen zu müssen, was Teil meiner Identität ist.

Mit 18 zog ich deshalb zu meinem damaligen Freund. Ausser mit meiner Mutter, die wollte, dass ich zurückkomme, hatte ich während dieser Zeit fast keinen Kontakt zu meiner Familie. Als ich mich ein Jahr später von meinem Freund trennte und wieder zurückzog, fragte dann auch niemand, wo ich war, wie es mir ging und was ich das Jahr über so gemacht hatte. Meine Familie verdrängt meine Sexualität einfach komplett. Meine Mutter denkt, das alles sei bloss eine Phase gewesen. Sie glaubt noch immer, ich würde eines Tages eine Frau heiraten und Kinder machen.

Ich werde mein Leben aber offen leben, ob es meine Eltern akzeptieren oder nicht. Damit möchte ich auch etwas am Bewusstsein der albanischen Gemeinschaft in der Schweiz ändern und anderen Mut machen, die in derselben Situation stecken. Die Balkan Gay Night ist dafür ein wichtiger Anlass, sie bringt unsere Gemeinschaft vorwärts. Ich bin sehr froh, dass ich in der Schweiz geboren bin. Im Kosovo hätte ich niemals die Gelegenheit gehabt, mich zu outen und meine Sexualität so zu leben, wie ich sie fühle.

Ich würde es begrüssen, wenn mehr schwule Albaner offen leben würden – anstatt zu heiraten und ihre Frauen zu betrügen. Dieses Phänomen ist weitverbreitet, die meisten schwulen Albaner in der Schweiz haben Frau und Kinder. Doch die Wahrheit holt irgendwann jeden ein. Auch meine Familie. Sie wird mich eines Tages verstehen.


Bojan Stokic*, 36, keine Angabe zum Beruf

Ausser meiner Frau und den Leuten in diesem Raum weiss niemand, dass ich schwul bin. Ich werde es meinen Eltern auch nicht erzählen. Ich bin alt genug, um zu entscheiden, mit wem ich Sex habe und mit wem nicht. Ich habe erst mit 30 richtig realisiert, dass ich schwul bin. Zuvor hatte ich manchmal Männer angeschaut, wenn ich sie hübsch fand. Dass ich schwul bin, wollte ich damals aber nicht wahrhaben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit meiner Frau bereits zwei Kinder. Wir leben auch heute noch zusammen.

Meine Frau weiss mittlerweile, dass ich auf Männer stehe, meinen Freund habe ich ihr aber nicht vorgestellt. Für mich war dieser Prozess enorm schwierig. Ich fühlte mich scheisse. In mir tobte ein Konflikt, da ich plötzlich nicht mehr wusste, was richtig und falsch ist: das, was dir deine Familie ein Leben lang erzählt hat, oder das, was du tief in dir spürst.

Balkan-Hits bis in die frühen Morgenstunden: Tanzboden des Heavens. Foto: zVg

Mit meinen Kindern spreche ich darüber, dass es Männer gibt, die andere Männer lieben. Und dass das okay ist so. Ich möchte nicht, dass sie mit denselben konservativen Wertvorstellungen aufwachsen wie meine Generation. Dass ich selber einer dieser Männer bin, werde ich ihnen aber erst sagen, wenn sie in die Oberstufe kommen. Ich muss sie jetzt noch nicht mit solchen Sachen belasten.


CounTessa, 31, Resident-DJane im Heaven

Meine Familie stammt ursprünglich aus Kroatien. Sie weiss nicht, dass ich lesbisch bin. Dieses Geheimnis hindert mich und meine Freundin daran, in unserer Beziehung weiterzukommen. Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir gerne zusammenziehen würden. Dazu müssten wir aber erst unseren Eltern Bescheid sagen, was zumindest für mich unvorstellbar ist. Für meine Eltern würde wohl eine Welt zusammenbrechen.

Resident DJane der Balkan Gay Night: CounTessa. Foto: zVg

Auch rechtlich stehen wir vor grossen Herausforderungen. Meine Freundin kommt aus Uganda, und wir hätten gerne Kinder, die uns von der Hautfarbe her ähneln, damit sie sich mit beiden Eltern identifizieren können. Eine Option dafür wäre das sogenannte Ropa-Verfahren, bei dem die befruchtete Eizelle einer Partnerin in die Gebärmutter der anderen eingepflanzt wird. Das Verfahren ermöglicht eine gemeinsame Mutterschaft. In Österreich, wo wir leben, ist dieses Verfahren jedoch verboten.

Ich spiele immer wieder gerne an der Balkan Gay Night, die für die Schweiz ja, glaub ich, doch sehr einzigartig ist. Viele der Besucher hier sind ungeoutet. Für sie ist das ein spezieller Ort, an dem sie ihre Kultur für einmal mit ihrer Sexualität in Einklang bringen können. Obwohl hier Serben, Kroaten, Albaner und Schweizer aufeinandertreffen, ist die Stimmung sehr friedlich, nationale Konflikte spielen keine Rolle.


Bojken Shkoza*, 32, Fachmann Gesundheit

Meine Familie würde ausflippen, wenn sie wüsste, dass ich hier bin. Das hat aber weniger mit ihrer Religion als mit der Kultur zu tun. Es ist noch nicht so lange her, dass Albanien kommunistisch war. Und Homophobie war in der Sozialistischen Volksrepublik Albanien weitverbreitet, Homosexualität galt als Ausdruck westlicher Dekadenz, die bis 1995 mit zehn Jahren Haft bestraft wurde.

Als ich realisierte, dass ich schwul bin, lebte ich noch in Albanien. Die Schwulenszene bewegt sich dort im Untergrund. Es gibt bestimmte Wälder, in denen man sich treffen kann, aber keine Bars oder Clubs. Ich war deshalb oft im Ausland, in Italien und Griechenland, weil ich mich in Albanien nicht zu Hause fühle. Seit drei Jahren lebe ich mit meinem Mann in der Schweiz. Ich würde gerne meine Mutter einladen und ihr meinen Partner vorstellen. Vielleicht würde sie es akzeptieren, wenn sie vor Ort sehen könnte, dass viele Schwule hier offen leben. Mein ­Vater und meine Brüder hingegen würden das niemals verstehen.

An meinem Arbeitsplatz und in der Schule habe ich mich nicht geoutet. Nicht, weil ich generell Angst davor hätte, nicht akzeptiert zu werden, sondern weil ich nicht auf meine Sexualität reduziert werden will. Ich verstehe auch überhaupt nicht, wieso sich alle unbedingt outen wollen. Wieso muss das jeder wissen? Sexualität ist ja etwas Privates. Wofür kämpfen die überhaupt? Solange niemand weiss, dass ich schwul bin, kann ich auch keine Probleme bekommen.


Marco Uhlig, 40, Geschäftsführer Heaven

Als ich vor bald 20 Jahren für eine Stelle als Pfleger von Berlin in die Schweiz kam, gab es in Zürich bereits eine Schwulenszene, aber ich fand sie musikalisch etwas eintönig. Überall lief Techno. Privat hörte ich aber gerne Hip-Hop und R ’n’ B. Anstatt zu meckern, bin ich jemand, der handelt, wenn ihm etwas fehlt. Also stellte ich die erste Gay-Hip-Hop-Party auf die Beine und taufte sie Boyahkasha. Damals lachten mich alle aus. Heute gibt es die Partyreihe noch immer – und sie läuft ziemlich gut.

Die Balkan Gay Night hingegen ist ein Relikt meiner Vorgänger, die vor rund zehn Jahren im ehemaligen Schwulenclub T & M ins Leben gerufen wurde. Damals standen aber noch die Drag-Shows im Zentrum, wofür das T & M über die Landesgrenzen hinaus bekannt war. Trotz guter Besucherzahlen galt die Partyreihe intern nicht gerade als Kassenschlager, dennoch entschied ich mich dazu, das Konzept fortzuführen und weiterzuentwickeln. Insbesondere für die Balkan-Gemeinschaft, in der es überdurchschnittlich viele ungeoutete Männer hat, ist es wichtig, dass es einen Safe Space wie das Heaven gibt, in dem sie ihre Sexualität offen leben können.

«Die Zahl der Hass-­Delikte steigt wieder»: Marco Uhlig führt seit sieben Jahren das Heaven. Foto: Michele Limina

Obwohl die balkanische Mehrheitsgesellschaft nicht gerade als schwulenfreundlich bekannt ist, wurden wir noch nie dafür angefeindet, in einem Schwulenclub Balkanmusik zu spielen. Wir verunglimpfen die Musik ja auch nicht, sondern zelebrieren sie.

Dennoch steigt nun nach einer Zeit der Entspannung wieder die Zahl der Hass-Delikte gegen Schwule. Das Klima hat sich leider gedreht, auch wegen Trump und rechtspopulistischen Politikern. Dadurch ist Homophobie in unserer Gesellschaft wieder salonfähig geworden. Mit dem Heaven kämpfen wir gegen diese Entwicklung, damit sich die Zustände der Vergangenheit nicht wiederholen.

Nach meinem Coming-out hat mich mein Vater zu Hause rausgeschmissen. Damals war ich gerade mal 17 Jahre alt. Als ich in der Schweiz ankam, hallten seine Worte «Du bist für mich als Sohn gestorben» noch lange in meinem Kopf nach. Später hat er mir dann noch die Schuld für seine Scheidung gegeben. Heute haben wir gar keinen Kontakt mehr. Vielleicht ziehe ich aus dieser Enttäuschung die Kraft für meine Arbeit.

*Namen geändert



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Erstellt: 24.11.2019, 11:24 Uhr

«Wir wurden mit Steinen ­beworfen»

Wie ist die Situation für Homosexuelle in Albanien?
Die Kosten eines Coming-outs sind in Albanien sehr hoch, nur die wenigsten wagen den Schritt. Man muss damit rechnen, Familie, Job und Status zu verlieren. 40 Prozent der Bevölkerung glauben, Homosexualität sei eine Krankheit, die heilbar ist.

Wie reagieren die Familien?
Manchmal schicken Eltern ihre Kinder zu einem Arzt, der sie umpolen soll. Ich kenne auch Fälle, wo Jugendliche von der Schule genommen und zu Hause eingesperrt wurden. Oft werden die Kinder aus Angst vor einem Gesichtsverlust einfach aus dem Haus geschmissen. Wir haben deshalb ein Heim für Obdachlose gegründet.

Leitet in Tirana ein LGBT-Haus: Xheni Karaj. Foto: Philippe Stalder

Albanien führte 2010 als Voraussetzung für EU-Beitritts-Gespräche ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz ein. Wie konsequent wird es angewendet?
Die meisten Delikte werden gar nie gemeldet, da das Vertrauen in die Institutionen nicht besonders hoch ist. Insbesondere auf dem Land besteht die Gefahr, dass der Polizist, der die Anklage rapportiert, die Eltern informiert und den Kläger gegen seinen Willen outet.

Sie haben 2012 die erste Tirana Gay Pride organisiert. Wie wurde sie öffentlich wahrgenommen?
An der ersten Pride waren wir gerade mal zwölf Personen. Wir wurden mit Flaschen und Steinen beworfen, und in den Medien gab es eine regelrechte Hysterie, die Leute hatten Angst, dass wir die Familien zerstören wollten. Die letzten paar Jahre verlief die Pride relativ friedlich, rund 300 Personen nahmen daran teil. Mittlerweile erfahren wir Unterstützung aus der Bevölkerung.

Nahmen Coming-outs bekannter Personen in der Folge zu?
Leider nicht, öffentliche Personen outen sich kaum. Schauspieler und Musiker haben Angst, dass sie Fans und Aufträge verlieren würden. Und Politiker meiden das Thema komplett, aus Angst, Wähler zu verlieren.

Was müsste sich ändern, damit sich die Lage in Albanien verbessert?
Politik und Medien müssen als Erstes ihre Haltung und ihren Ton ändern. Über Homosexualität wird immer noch oft herablassend gesprochen. Und dann braucht es gesellschaftlich respektierte Vorbilder, die hinstehen und sagen: «Ich bin gay, findet euch damit ab.»

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