Jetzt kommen die Glücksmanager

Sie sollen im Unternehmen Achtsamkeit und gute Laune verbreiten. Sind die «Chief Happiness Officers» bloss Ausdruck einer neuen Krise?

Gute Laune im Büro: Glücksmanager sollen für ein besseres Arbeitsklima sorgen. Foto: Getty Images

Gute Laune im Büro: Glücksmanager sollen für ein besseres Arbeitsklima sorgen. Foto: Getty Images

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Die einen stehen auf einer Blumenwiese, andere halten einen Telefonhörer in der Hand, schauen keck über die Schulter in die Kamera oder kuscheln mit ihrem Hund. Sie alle haben eines gemeinsam: das Pepsodent-Lächeln. «Ich bin super happy, und du kannst es auch sein», das ist die Botschaft Dutzender Schweizer Linkedin-Nutzer, die bei der Suche nach dem Begriff «Chief Happiness Officer» auftauchen.

Ihr Job: Arbeitnehmer glücklich machen. Ihr Aufgabenbereich ist nicht wirklich klar definiert. Je nachdem, wen man fragt, fällt die Antwort anders aus. Die einen legen Wert auf Apéros oder Sport- und Freizeitaktivitäten, die anderen sehen sich eher als Ansprechpartner bei Problemen und eine Art Coach.

Auch in der Schweiz halten die Chief Happiness Officers Einzug, wenn auch vergleichsweise langsam. Die meisten von ihnen bieten mit Agenturen Beratungsleistungen für Unternehmen an. Ihre Firmen heissen «Workhappy», «Peopleup» oder «Happy at Work» und zählen laut eigenen Angaben Konzerne wie Ikea, Coop oder Shell zu ihren Kunden. Grössere Betriebe beginnen erst nach und nach, sich auch intern mit dem Thema zu befassen. Etwa das Waadtländer Universitätsspital (CHUV), das das Projekt «Lebensqualität am Arbeitsplatz» lanciert hat. Im nahen Ausland sind die Glücksmanager bereits weiter verbreitet. So haben etwa rund 200 Firmen in Frankreich einen Chief-Happiness-Officer-Club gegründet. Mitglieder sind unter anderem der Kosmetikriese L’Oréal, die Grossbank BNP Paribas und die Staatsbahn SNCF.

Angefangen hat der Happiness-Trend bei Google

Hinter dem Trend steckt eine einfache Annahme der Firmen: Glückliche Mitarbeiter sind produktiver. Begonnen hat alles wenig überraschend beim Suchmaschinenriesen Google – genauer gesagt, bei Chade-Meng Tan, dem 107. Mitarbeiter, den Google je eingestellt hat. Seine Jobbezeichnung: Jolly Good Fellow, frei übersetzt: gutgelaunter Zeitgenosse. Er sah seine Aufgabe darin, seine Kollegen über Achtsamkeit und emotionale Intelligenz zu unterrichten.

2015 hängte Chade-Meng Tan seinen Job bei Google an den Nagel. Seither schreibt er Bücher, bloggt und doziert über Dinge, die sich wohl alle am ehesten unter dem Begriff «Selbstfindung» zusammenfassen lassen. Happiness ist inzwischen ein lukratives Business.

So lukrativ, dass es bereits mehrere Unternehmen gibt, die die sogenannten Chief Happiness Officer ausbilden. Ein Anbieter entsprechender Kurse nennt sich «Woohoo», benannt nach dem Schrei, den man eigentlich auf Achterbahnfahrten, in Wasserrutschen oder Halfpipes erwartet – aber nicht am Arbeitsplatz. Mehr als 100'000 Leute aus aller Welt haben sich bei der dänischen Firma bereits weiterbilden lassen.

«Wir sehen, dass sich das nach und nach im ganzen Unternehmen ausweitet.»Maud Coderey

Eine davon ist Maud Coderey aus Lausanne. Die 42-Jährige leitet das Glücksprojekt am Waadtländer Unispital. Der Kurs in Kopenhagen war eine von vier Schulungen zum Thema, die sie seit 2012 absolviert hat. «Zuvor arbeitete ich bei einer riesigen internationalen Firma, war aber sehr unglücklich», erinnert sie sich. Den Ausweg habe sie gefunden, indem sie sich mit dem Thema befasst habe. «Mir ist klar geworden, dass unser Wohlbefinden am Arbeitsplatz sich direkt auf unsere Kreativität und Produktivität auswirkt», sagt sie. Den Job beim Grosskonzern hängte sie daraufhin an den Nagel – und befasst sich inzwischen hauptsächlich damit, wie sie das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter bei der neuen Stelle steigern kann.

Ihr Ziel sei es, erklärt Coderey, die Art und Weise, wie die Leute denken, zu ändern. «Es geht darum, dass man sich wieder mehr gegenseitig zuhört, sich nicht mehr unterbricht, Wert legt auf die zwischenmenschlichen Beziehungen.» Immerhin verbringe man einen erheblichen Teil seiner Lebenszeit mit den Arbeitskollegen. Es sei wichtig, dass man sich gegenseitig helfe und gute Taten vollbringe. Dazu erstelle sie aber keine konkreten Regeln. «Mein Team und ich leben es vor, und wir sehen, dass sich das nach und nach im ganzen Unternehmen ausweitet.» Das Ganze funktioniere in einem Betrieb wie dem Unispital Lausanne mit 11'000 Angestellten aber natürlich nicht von einem Tag auf den anderen, sondern erfordere viel Geduld.

Kritiker sehen Zeichen einer zunehmenden Sinnentleerung

Codereys Ausführungen zeigen: Die konkrete Tätigkeit der Glücksmanager in den Unternehmen ist schwer fassbar. Kritiker zweifeln daran, dass sich durch die Schaffung der Funktion die Unternehmenskultur ändern lasse, so zum Beispiel Felix Frei. Der Happiness-Trend ist in den Augen des Arbeitspsychologen «völliger Unfug». Er befasst sich in seinem Buch «Aufbruch zu Autonomie – So kann die Zukunft der Arbeit gelingen» mit dem Thema und sieht den Aufmarsch der Glücksmanager als Zeichen einer zunehmenden Sinnentleerung. «Es gibt immer mehr Bullshit-Jobs, in denen die Mitarbeiter keine Erfüllung finden.

Sie arbeiten beispielsweise tagelang an Powerpoint-Präsentationen, die sowieso niemanden interessieren», erklärt der Psychologe. «Daher meint man, man müsse die Mitarbeitenden hätscheln und pflegen, damit sie den Bullshit weiter getreu mitmachen.» Glück, so ist Frei überzeugt, liege nicht in der Verantwortung des Arbeitgebers. Wenn der Job keinen Sinn mache, solle man ihn besser wechseln. Zu denken, dass man mit Yoga- und Achtsamkeitskursen, mit Apéros oder Gratisessen allein gute Mitarbeiter halten könne, sei eine Illusion. «Man kann rostiges Eisen so oft man will neu lackieren, aber das ändert nichts daran, dass es unter dem Lack weiter rostet.»

* Dieser Artikel erschien am 6. Januar 2019 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.01.2019, 15:08 Uhr

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