Seien Sie doch einfach mal nett

Freundlichkeit zahlt sich aus – gesundheitlich und finanziell. Eine Anleitung.

Sind sie nett? Am World Kindness Day können Sie es beweisen. Foto: Juan Moyano/plainpicture

Sind sie nett? Am World Kindness Day können Sie es beweisen. Foto: Juan Moyano/plainpicture

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Es sieht nicht gut aus für uns Schweizer. In einer Woche ist der World Kindness Day, also der Tag, an dem man nett sein sollte, und wir sind so gar nicht darauf vorbereitet. Weil wir unfreundlich sind. Das wird uns in Umfragen ja immer wieder vorgehalten; von Touristen und Expats zum Beispiel. Wir landen regelmässig auf einem der hintersten Plätze. Sogar die Bewohner in unserem eigenen Haus finden uns nicht nett: Von den Dingen, an denen sich Nachbarn am meisten stören, liegt die Unfreundlichkeit an zweitvorderster Stelle hinter dem Lärm.

Es muss also etwas dran sein. Die gute Nachricht ist: Man kann leicht etwas daran ändern; der World Kindness Day wäre der ideale Anlass dafür. Wenn Sie nun darob gleich übellaunig werden und wettern im Stil von «Ich brauche doch nicht so einen Pseudo-Welttag! Und überhaupt, warum soll ausgerechnet ich nett sein, wenn alle anderen es ja auch nicht sind?», dann sei Ihnen gesagt: genau deswegen.

Denn erstens zahlt sich Freundlichkeit aus, finanziell aber auch gesundheitlich, wie Sie gleich erfahren werden. Und zweitens: Man wird nicht einfach so von allein nett. Man muss es sich bewusst vornehmen. Wieso also nicht am World Kindness Day? Dieser wurde übrigens 1997 vom World Kindness Movement in Tokio lanciert, das inzwischen Organisationen aus rund 30 Nationen vereint, auch aus der Schweiz, und wird seither jeweils am 13. November gefeiert.

Sie haben also genau eine Woche Zeit, um netter zu werden. «Freundlichkeit ist der erste Schritt zum Beziehungsaufbau zu Menschen, beim Flirt im Tram, an der Kasse im Warenhaus oder bei einer Verkaufsverhandlung», sagt der Kommunikations- und Freundlichkeitstrainer Manfred Ritschard. Freundlichkeit sei das Öl für das Räderwerk der Kommunikation unter den Menschen. Also, los gehts! Aber übertreiben Sie es nicht. Picken Sie sich für den Anfang nur ein, zwei Aufgaben pro Tag heraus. Führen Sie diese dafür bewusst aus. Wie im Fitnessstudio.

1. Schaffen Sie Blickkontakt

Klingt einfach, aber Sie werden gleich merken: Es ist kompliziert. Ihre Mitmenschen sind entweder in irgendein elektronisches Gerät vertieft, oder sie schauen stur bis grimmig geradeaus. So wie Sie vermutlich normalerweise auch. Versuchen Sie für einmal, Ihren Blick zu heben und anderen Leuten ­bewusst ins Gesicht zu schauen: Ihrem Vis-à-vis auf dem Weg zur Arbeit oder den Personen aus Ihrem Bürogebäude, die Sie normalerweise ignorieren. Einfach so.

«Konzentrieren Sie sich darauf, während des Hinschauens einmal tief einzuatmen und auszuatmen», sagt Manfred Ritschard. Für Fortgeschrittene: «Versuchen Sie dabei, auf die Augenfarbe zu achten.» Anderen kurz ins Gesicht zu schauen, ist wie Kommunizieren ohne Worte. So knacken Sie für einen Moment die Schutzhülle, in der viele durch den Alltag wandeln. Die Umgebung wirkt zugänglicher, und Sie fühlen sich weniger isoliert.

2. Bitte lächeln, zur Not auch künstlich

Der erste Schritt wäre getan. Wenn Sie es nun noch schaffen, freundlich zu gucken, wäre das umso besser. Falls Ihnen nicht danach zumute ist, können Sie das freund­liche Gesicht auch einfach faken: Sie müssen bloss die Augenbrauen und Mundwinkel leicht anheben und fertig. Diese Mimik signalisiere seit Urzeiten: Ich bin harmlos, du kannst mir vertrauen, sagt Ritschard. Oft hebe das Gegenüber daraufhin ebenfalls die Augenbrauen. Freundlichkeit kann nämlich genauso ansteckend sein wie Übellaunigkeit. «Das Gute daran: Je länger wir so tun, als ob wir freundlich wären, umso freundlicher fühlen wir uns – das nennt sich das Kongruenzprinzip.» An dieser Stelle ein Hinweis: Falls Sie im Service arbeiten und ein Lächeln aufsetzen, versuchen Sie dieses, nachdem Sie dem Gast den Rücken zugedreht haben, noch etwa zwei Sekunden zu halten.

Auch die Japaner wissen schon lange um die Wirkung des Lächelns und haben den Smile Scan erfunden. Via Kamera analysiert dieser die Qualität des Lächelns und gibt je nachdem Anweisungen wie «Heben Sie Ihre Mundwinkel an». Diese Technik wird seit Jahren in Bahnhöfen oder Hotelréceptionen eingesetzt, um die Angestellten zu einem netten Ausdruck zu animieren, was wiederum die Kunden­zufriedenheit fördert. Firmen mit netten Mitarbeitenden können laut einer US-Studie gar ein Prozent mehr Umsatz erreichen.

Weil so ein Smile Scan aber weder handlich noch günstig ist, hat die Kosmetikfirma Shiseido eine Smile-App entwickelt, die den Gesichts­ausdruck bewertet: von null Prozent (ausdruckslos) bis 120 Prozent (breites Lachen). Sie wurde letztes Jahr bei Flight-Attendants getestet und soll bald für Smartphones verfügbar sein. Bis dahin tut es ein Blick in den Spiegel und ein wenig gesunder Menschenverstand.

3. Hallo! Guten Tag!

Versuchen Sie, einen Tag lang so viele Menschen wie möglich zu grüssen, auch Fremde, und zwar mit fester Stimme und nicht mit nuscheligem Gebrummel. «Die freundliche Stimme ist so moduliert, dass sie am Schluss leicht hochgeht», sagt Manfred Ritschard. Das klinge etwa so, wie wenn man zufällig einen guten ­alten Freund treffe und ihn freudig überrascht grüsse.

4. Geizen Sie nicht mit Komplimenten

Sagen Sie dem Kollegen, dass ihm die Farbe seines Pullovers steht. Oder der Sitznachbarin, dass Sie ihre Schuhe schön finden oder ihren Ring. Sagen Sie dem Kellner, er habe einen super Job gemacht. Oder der Verkäuferin, dass die neue Brille gut zu ihr passt. Wenn Sie jetzt als Mann «Das darf man doch heute nicht mehr sagen, sonst wird man gleich als schmieriger Glüschtler dahingestellt» seufzen, seien Sie unbesorgt. Machen Sie keine grosse Sache draus, werden Sie Ihr Kompliment los und widmen Sie sich danach einfach wieder Ihrem Kram.

Übrigens: Dass Komplimente sich richtig lohnen, konnten Wissenschaftler der Uni Innsbruck diesen Sommer nachweisen. Sie kauften über 100 Glaces und 800 Kebabs bei verschiedenen Take-aways. Wer den Angestellten zuvor ein Kompliment gemacht hatte, erhielt im Schnitt eine zehn Prozent grössere Kugel oder einen üppigeren Kebab. Der Effekt nutzte sich nicht etwa ab, sondern verstärkte sich sogar – im Gegensatz zum Trinkgeldgeben.

5. Tun Sie etwas Selbstloses

Sind wir freundlich, schüttet unser Körper mehr Serotonin, also Glückshormone, aus und auch mehr vom Bindungshormon Oxytocin. Gleichzeitig sinkt der Gehalt des Stresshormons Cortisol. Wir werden entspannter, glücklicher und fühlen uns mit anderen stärker verbunden. Forscher konnten zudem zeigen, dass man nach vier Wochen eine deutlich positivere Lebenseinstellung hat, wenn man täglich etwas Gutes tut.

Sie müssen nicht gleich auf Mutter Teresa machen. Kleine Gesten reichen. Halten Sie anderen konsequent die Tür auf, ja, auch Sie, liebe Leserinnen. Lassen Sie beim Anstehen an der Kasse der Person hinter sich den Vortritt. Oder dem Camion, der von der Seitenstrasse einbiegen will. Halten Sie auch als Velofahrer vor dem Fussgängerstreifen an. Bieten Sie anderen Ihre Hilfe an, aber fragen Sie zuerst, statt wahllos irgendwelche Koffer zu schleppen oder Sehbehinderte am Arm zu zerren.

6. Keine Killerphrasen und ähnliche Reflexe

Wenn es in Ihnen brodelt, weil andere Ihnen den letzten Nerv rauben, ist es viel einfacher, Dampf abzulassen. Wer aber nett sein will, sollte sich beherrschen. Also nicht unnötig hupen oder motzen, auch wenn es kurzfristig guttut. Zudem sollten Sie sich sogenannte Killerphrasen verkneifen à la: «Keine Ahnung» (wenn Sie jemand nach dem Weg fragt) oder «Ich habe auch nur zwei Hände» (wenn jemand ein Bier bestellen möchte).

7. Bedanken Sie sich bei anderen, die etwas Nettes tun

Freundlichkeit soll gewürdigt werden, das ist dann wie Domino. Winken Sie dem Autofahrer zu, der Sie über die Strasse gelassen hat, er wird auch für den nächsten Fussgänger halten. Bedanken Sie sich beim Putzpersonal fürs Aufräumen im Büro, auch wenn dies zu dessen Job gehört, und zwar laut und deutlich. Und wenn Ihnen jemand einen Gefallen getan hat, schenken Sie ihm eine Kleinigkeit.

8. Sagen Sie Sorry

Und zum Schluss noch dies: Man kann nicht immer nett sein. Aber man kann sich entschuldigen, wenn man unfreundlich war. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Und lächeln Sie dabei. Wenn Sie sich vordrängeln. Oder wenn Sie unerlaubterweise mit dem Velo auf dem Trottoir fahren. Oder wenn Sie laut waren.

Sehen Sie? Nettsein ist ganz einfach. Falls Sie es auf den 13. November trotzdem nicht ganz hinbekommen: Am 21. November ist der World Hello Day, am 1. März der World Compliment Day und am 21. September der World Gratitude Day.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2017, 16:48 Uhr

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