Senioren im Unruhestand

Selbstverwirklichung hört nicht mit 65 auf. Viele Pensionierte engagieren sich freiwillig weiter. Einige fangen beruflich sogar nochmals von vorne an

Enkelhüten genügt nicht: Für Senioren entstehen neue Berufsbilder. Foto: Getty Images

Enkelhüten genügt nicht: Für Senioren entstehen neue Berufsbilder. Foto: Getty Images

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Ruhestand, das war einmal. Das Bild des Rentners im Schaukelstuhl wirkt heute schon fast beleidigend. Senioren besteigen Berge, reisen um die Welt, trainieren, gehen zur Uni, daten andere Senioren und bespassen wann immer nötig die Enkel. Das ist gut so, denn im Schnitt leben Schweizerinnen und Schweizer nach der Pensionierung noch 15 Jahre bei guter Gesundheit – Tendenz steigend. Das Ganze hat nur einen Haken: Enkel und Hobbys allein machen auf Dauer nicht glücklich, wie Umfragen zeigen. Spätestens nach drei bis vier zufriedenen Jahren, die man mit Ausflügen, Kinderhüten und Gartenarbeit problemlos ausgefüllt hat, kommt die Sinnkrise. Irgendetwas fehlt. Erfolgserlebnisse. Herausforderungen. Anerkennung.

Es ist der Moment, in dem man realisiert: Selbstverwirklichung hört nicht mit 65 auf. Die plötzliche Bedeutungslosigkeit nach der Pensionierung trifft Männer meist härter als Frauen, weil sie sich stärker über den Job definieren. Doch anders als früher nehmen Rentner festgefahrene Altersbilder nicht als gegeben hin. Im Gegenteil: Pensionierung bedeutet Aufbruch. Für viele beginnt ein Lebensabschnitt, der genauso ergiebig gestaltet werden will wie die Jahre davor, als man noch Teil der Leistungsgesellschaft war. Und natürlich schwingt der Wunsch mit, weiterhin wahrgenommen zu werden, und zwar nicht nur als fitte Grosseltern. Kurzum: Die neuen Alten wollen eine gesellschaftliche Aufgabe, die ihren Fähigkeiten gerecht wird – und die vor allem auch ihr Ego befriedigt.

Die Freiwilligenarbeit hat sich verdoppelt

Google findet auf Anhieb rund ein Dutzend Portale in der Schweiz, die mehr oder weniger attraktive Jobs für Rentner vermitteln. Reich werden diese damit kaum, doch das ist zweitrangig. Die meisten Senioren leisten ohnehin Gratisarbeit, als Freiwillige. Sie machen Fahrdienste für Betagte, kochen für Flüchtlinge, packen bei Sport- und Kultur-Events mit an. Männer bringen sich typischerweise mehr in Vereinen ein, Frauen bei der persönlichen Betreuung. Bemerkenswert ist, dass beide Geschlechter zunehmend engagiert sind. 2016 arbeitete gemäss Statistiken des Bundes mehr als die Hälfte der 65- bis 74-Jährigen unentgeltlich, 2010 waren es nur knapp 38 Prozent. Bei den Ü-75-Jährigen hat sich die Freiwilligenarbeit in sechs Jahren sogar fast verdoppelt – von 17 auf 30 Prozent.

Dass Engagement im Alter immer selbstverständlicher wird, beobachtet die Pro Senectute schon länger. «Senioren wollen weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilhaben und sich zugehörig fühlen», sagt Peter Burri Follath, Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung. Auch die Vorbereitung auf die Pensionierung habe einen grösseren Stellenwert als vor zehn Jahren. In Pro-Senectute-Beratungen werden deshalb nicht nur finanzielle Fragen und Freizeitgestaltung thematisiert. «Wir ermuntern die Senioren, sich eine Tätigkeit zu suchen, bei der sie spüren, dass sie gebraucht werden.» Das ist sinnstiftend und schützt vor Vereinsamung, insbesondere nach dem Tod des Ehepartners.

Freiwillige, die bei der Pro Senectute arbeiten, sind zu 70 Prozent selbst Rentner. Der Vorteil: Sie treffen Gleichgesinnte im ähnlichen Alter. Einer von ihnen ist Urmi Mischler aus Gibswil ZH. Der 77-Jährige organisiert seit zehn Jahren Velotouren für Senioren. «Ich habe mich nach der Pensionierung zu Hause gelangweilt, weil meine Frau noch berufstätig war», erzählt der ehemalige Gymnasiallehrer. «Also habe ich mich für Velotouren angemeldet.» Anfangs als Mitfahrer, seit 2008 als Leiter. Mischler hat dafür eine vierwöchige Ausbildung absolviert, «mit Theorie und Praxis», wie er betont.

Jedes Jahr leitet er rund 15 Touren, verbringt viel Zeit draussen mit dem Rekognoszieren von neuen Routen und hält auch seine grauen Zellen auf Trab, weil er nie nach GPS fahren würde. Die Strecke speichert er im Kopf. «Dank den Touren erfahre ich Wertschätzung, die ich sonst nicht hätte», sagt Mischler. Das anerkennende Schulterklopfen nach einer gelungenen Tour, die Verantwortung, die vielen Kontakte mit Menschen und nicht zuletzt das Wissen, noch gebraucht zu werden, empfindet der Senior als «sehr belebend».

Manche brauchen die Arbeitswelt als Lebenselixier

Doch längst nicht alle älteren Semester geben sich mit Freiwilligenarbeit zufrieden. Einige stellen die Weichen komplett neu, als wären sie 20 – und fangen beruflich ganz von vorne an. Christine Schnetzler ist eine dieser Pionierinnen. Die ehemalige Hotelvizedirektorin dachte bereits mit 58, dass sie eine Tätigkeit braucht, die sie über das Pensionsalter hinaus ausüben kann. «Neben der Rolle als vierfache Grossmutter brauche ich die Arbeitswelt als Lebenselixier», sagt die heute 62-Jährige. Allerdings waren viele Gespräche mit ihren Nächsten und mit sich selbst nötig, bis sie mit 60 Jahren allen Mut zusammennahm ­– und sich komplett neu erfand.

Schnetzler gründete einen Betreuungsservice für Haushalte. «Es ist eine Art Hotline für Menschen, die Entlastung brauchen, damit die tägliche Routine erhalten bleibt, wenn die Eltern einen beruflichen Engpass haben oder der Partner einen Unfall hatte.» Schnetzlers Mitarbeiter holen Kinder von der Kita ab oder betreuen sie, wenn sie krank sind. Sie erledigen Einkäufe oder fahren den betagten Vater zum Arzt. Seit eineinhalb Jahren ist die Zürcherin damit gut im Geschäft, inzwischen führt sie ein Team mit fünf Männern und Frauen zwischen 60 und 67 Jahren. Warum keine Jüngeren? «Grundsätzlich arbeite ich mit Menschen, die viel Lebenserfahrung haben und die flexibel und verantwortungsbewusst Einsätze leisten können», begründet Schnetzler ihre Wahl.

Noch gehören Neustarter wie Christine Schnetzler zur Minderheit. Der demografische Wandel wird die Gesellschaft in den nächsten 20 Jahren jedoch komplett auf den Kopf stellen. Gemäss Szenarien des Bundes steigt die Zahl der Rentner im Jahr 2035 um ganze 61 Prozent auf 2,4 Millionen, während die Erwerbsbevölkerung der 20- bis 64-Jährigen lediglich um 7 Prozent zunimmt. Die Babyboomer werden das Rentnerdasein ab 2020 zusätzlich aufmischen, weil sie ihren selbstbestimmten Lebensstil nach der Pensionierung kaum aufgeben werden. Unvorstellbar also, dass sich Senioren künftig nicht auch beruflich verwirklichen, zumal sie immer länger leben werden. Doch das ist leichter gesagt als getan. Noch fehlen die Vorbilder für eine Berufskarriere im Alter ­– Menschen, die mit 55 Jahren ein Start-up gründen oder innerhalb von Unternehmen neue Berufsfelder angehen. Aber auch da tut sich was.

Viele fürchten, mit 50 auf dem Abstellgleis zu landen

Die Tertianum-Stiftung befasst sich seit 1999 mit der demografischen Entwicklung und hat Mitte 2017 das Projekt Neustarter.com ins Leben gerufen. «Wir haben gemerkt, dass man die Leute schon viel früher als kurz vor der Pensionierung motivieren sollte, die vielen verbleibenden Jahre kreativ zu gestalten», sagt die Geschäftsführerin Bernadette Höller. Das Projekt unterstützt Menschen schon ab 49, wenn sie sich beruflich neu orientieren wollen – egal, ob innerhalb oder ausserhalb des bisherigen Unternehmens. Denn derzeit existieren in Firmen kaum Förderstrategien für ältere Arbeitnehmer. Die Folge: Viele kommen mit der digitalisierten Arbeitswelt nicht mehr mit und fürchten, bis zur Pensionierung auf dem Abstellgleis zu landen.

Wer in einer solchen Situation ein neues Berufsziel ins Auge fasst, kann sich beim Projekt Neustarter zum Beispiel mit jungen Start-up-Gründern vernetzen, um Know-how aufzubauen. «Oft fehlt älteren Neustartern auch eine Community von Gleichgesinnten, deshalb organisieren wir Stammtische, damit sie sich untereinander austauschen können», so Höller. Auch Christine Schnetzler gehört inzwischen zu dieser wachsenden Gruppe, die die Plattform rege nutzt.

Die Notwendigkeit, etwas dazuzuverdienen

Der Trend ist lanciert: Künftig werden Senioren flexibel entscheiden, wann sie aus dem Berufsleben ausscheiden. Es werden neue Berufsbilder entstehen. Peter Burri Follath von der Pro Senectute geht davon aus, dass die berufliche Neuorientierung von Senioren in 20 Jahren gesellschaftlich etabliert sein wird. «Ich denke, es wird sogar eine Notwendigkeit sein zu arbeiten, weil die Renten knapp sein werden. Die meisten werden etwas dazuverdienen wollen oder sogar müssen», so Burri Follath.

Kommt hinzu, dass auch die Zahl der Hochaltrigen rasant zunimmt – in den nächsten 20 Jahren um 86 Prozent. Der Staat wird deren Pflege und Betreuung kaum allein finanzieren können. Es wird mehr Privatinitiativen brauchen. Laut Burri Follath könnte hier ein spannender Markt für Senioren entstehen. «Einen Teil der Betreuungsdienste, die Senioren heute ehrenamtlich leisten, wird man in Zukunft aber entlöhnen müssen», prognostiziert er. Denn in einer digitalisierten Welt werden persönliche Dienstleistungen nicht nur wichtiger, sie werden – laut Prognosen – gesellschaftlich aufgewertet. Fragt sich bloss, ob sich die neue Seniorengeneration tatsächlich in der Rolle der Betreuenden verwirklicht fühlt.

Erstellt: 18.03.2018, 07:57 Uhr

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