Sepp Blatter zum UNO-Botschafter

Warum die Schweizer Kandidatur für den Sicherheitsrat keine gute Idee ist.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwar fiel die Abstimmung mit 55 Prozent Ja eher knapp aus, doch die Kommentatoren ­waren sich nach dem Schweizer UNO-Beitritt im März 2002 einig: Endlich sei das Abseitsstehen vorbei, endlich müsse man sich im Ausland nicht mehr rechtfertigen, endlich könne man mitreden und mitentscheiden, wenn die grossen Nationen Weltpolitik machten. Auch 16 Jahre später ist immer noch spürbar, wie gross der Schweizer Minderwertigkeitskomplex damals gewesen ist und wie deutlich sich die kommende Selbstüberschätzung abzeichnete.

Heute herrscht Ernüchterung. An einen weltpolitischen Entscheid, an dem die Schweiz massgeblich beteiligt war, erinnert sich niemand. Bei den Angriffen der USA und der EU auf das Bankgeheimnis erwies sich die UNO-Mitgliedschaft als nutzlos. Der von der Schweiz initiierte Menschenrechtsrat entpuppt sich als zynische Fehlkonstruktion, in dem Verbrecherstaaten wie Saudiarabien oder Venezuela reingewaschen werden statt bestraft. Die einst fast heiliggesprochene UNO steckt in einer der grössten Krisen ihrer Geschichte: In Syrien und der Ukraine war sie handlungsunfähig, und in der Ära von Donald Trump steht die multilaterale Organisation erst recht unter Druck.

Hierzulande offenbart sich der Stimmungswandel bei der Bewerbung für den Sicherheitsrat, dem mächtigsten Gremium der UNO, in dem die Schweiz ab 2023 für zwei Jahre Einsitz nehmen soll. Noch 2011, als die Bewerbung eingereicht wurde, wagte kaum ein Parlamentarier, sich dagegen auszusprechen. Wer Aussenministerin Micheline Calmy-Reys Politik der «aktiven Neutralität» widersprach, galt als reaktionär und ewig gestrig. Statt im Verborgenen ihre ­Guten Dienste anzubieten, sollte die Schweiz fortan auf Augenhöhe mit Grossmächten wie China, Russland oder den USA verhandeln.

«Die einst fast heilig­gesprochene UNO steckt in einer der grössten ­Krisen»

Jetzt aber sprechen sich neben der SVP plötzlich auch grosse Teile der FDP und der CVP gegen die Bewerbung aus, wie diese Woche der «Tages-Anzeiger» berichtete. Eine Mitgliedschaft im UNO-Sicherheitsrat bringe das Land «neutralitätspolitisch in Teufels Küche», heisst es nun. Die Rolle der Schweiz als diskrete Vermittlerin sei «akut gefährdet», wenn sie in globalen Konflikten Position beziehen müsse.

Tatsächlich würden die Schweizer Diplomaten bereits seit ein paar Jahren rund um den Erdball sogenannte Wahlgeschäfte oder Tauschgeschäfte betreiben, um die Kandidatur in den Sicherheitsrat zu befördern, heisst es im Bericht. Konkret: Wenn immer die Schweiz einen anderen Staat bei einem Vorstoss in einem internationalen Gremium unterstütze oder sie Geld für ein Projekt spreche, würden die Schweizer Diplomaten noch im selben Atemzug stets freundlich, aber bestimmt um Stimmen bei der Wahl in den Sicherheitsrat bitten.

Das klingt so gar nicht mehr neutral – und kommt einem bekannt vor. Projekte unterstützen, Gelder zahlen, Stimmen erhalten: In der UNO geht es zu und her wie in der Fifa. 16 Jahre nach dem Beitritt muss sich die Schweiz entscheiden, ob sie auf dem undurchsichtigen internationalen Parkett eine unabhängige Gastgeberin bleiben oder zu einer weiteren, austauschbaren Akteurin im politischen Getümmel werden will. Dann allerdings sollte sie Sepp Blatter noch rechtzeitig zum Botschafter ernennen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2018, 23:40 Uhr

Artikel zum Thema

Schweizer Sitz im UNO-Sicherheitsrat ist akut gefährdet

Seit sieben Jahren weibeln Bundesräte und Diplomaten in der ganzen Welt für Einsitz im mächtigsten UNO-Gremium. Doch jetzt wird überraschender Widerstand laut. Mehr...

UNO rüffelt Bundesrat Cassis

SonntagsZeitung Mit seiner Palästina-Kritik gefährdet der Aussenminister die Schweizer Kandidatur für den Sicherheitsrat. Mehr...

Bedrohte UNO-Kandidatur: «Rückfall in den Populismus»

Interview Alt-Bundesrätin Calmy-Rey ist besorgt, dass der Schweizer Sitz im UNO-Sicherheitsrat plötzlich in Gefahr ist. Von der bürgerlichen Mitte wünscht sie sich mehr Selbstbewusstsein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Geldblog So heftig feilscht die EU um Börsenregeln

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Täuschung: Der Roboterandroid Totto ist der japanischen TV Ikone Tetsuko Kuroyanagi nachempfunden. Er wurde im Rahmen des Weltroboterkongresses in Tokio präsentiert. (17.Oktober 2018)
(Bild: Kim Kyung-Hoon) Mehr...