Sexspielzeug kauft man heute nebenbei

Die grossen Schweizer Online-Händler verkaufen auch Vibratoren und andere Erotikartikel. Das Geschäft läuft gut.

Vibratoren gehören bei den Schweizer Onlineshops neu zum Standardsortiment. Foto: iStock

Vibratoren gehören bei den Schweizer Onlineshops neu zum Standardsortiment. Foto: iStock

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Neben einer Kettensäge und einer Spiegelreflexkamera erscheint auf der Startseite des Schweizer Online-Elektronikhändlers Brack Ungewohntes: Vibratoren und Penisringe im Sonderangebot. Seit vergangener Woche hat das Unternehmen mehr als 700 Sextoys und Verhütungsmittel im Sortiment. Auch die Konkurrenten setzen auf solche Artikel. Denn der Markt mit Sexspielzeug und anderen Erotikartikeln wächst in der Schweiz stark.

Microspot, die Tochter des Detailhändlers Coop, hat vor zwei Wochen still und leise das Sortiment um den Bereich Erotik erweitert. Das Geschäft sei gut angelaufen, sagt eine Sprecherin. Die Produkte gehören laut dem Händler zu einem umfassenden Sortiment im Bereich Non-Food.

Migros-Tochter verzeichnet exponentielles Wachstum

Ähnlich klingt es von Konkurrent Brack. Es entspreche dem Kundenbedürfnis, solche Produkte online kaufen zu können. «Warum sollten wir zu so einem wichtigen Lebensbereich wie körperliche Intimität keine Waren anbieten?», sagt Sprecher Daniel Rei.

Der grösste Schweizer Onlinehändler, Digitec Galaxus, setzt schon seit 2014 auf Erotik. Rund 16'000 Artikel führt die Migros-Tochter mittlerweile in der Kategorie, darunter fast 7000 Sextoys. Das Wachstum entwickle sich exponentiell, sagt Sprecher Alex Hämmerli. «Wir konnten den Umsatz mit Produkten wie Vibratoren, Analtoys, Erotikwäsche und Kondome in den letzten Jahren jeweils fast verdoppeln.»

Mehr Frauen als Männerkaufen online Erotisches

Im Schnitt sind die Käuferinnen und Käufer von Sextoys bei Digitec Galaxus 32 Jahre alt. Gefragt sind Vibratoren als Geschenk. Vor Weihnachten schnellen die Verkäufe jeweils in die Höhe. Besonders beliebt sind erotische Adventskalender.

Die grossen Schweizer Internetportale arbeiten dabei mit spezialisierten Onlinehändlern wie Amorana und Amorelie zusammen. Diese betreiben auch eigene Onlineshops. Deren Design und Aufmachung erinnert an die Internetauftritte der Hersteller von Kosmetikprodukten. Laut Patrick Kessler, Präsident des Verbands des Schweizerischen Versandhandels, ist das ein Erfolgsrezept. «Anbieter wie Amorelie und Amorana haben den Bereich aus der Schmuddelecke geholt.» Das Thema sei kein Tabu mehr. «Über Sexspielzeuge redet man heute. Sie sind akzeptiert», sagt Kessler.

Die Anbieter verkaufen Vibratoren als ästhetische Hightech-Geräte. Beispielsweise die neuste Version des «Womanizer» mit «Pleasure Air Technology» für mehr als 200 Franken. Das soll beide Geschlechter ansprechen.

Sexspielzeuge auf dem Land beliebter als in der Stadt

Im Amorana-Shop sind Frauen mit einem Anteil von 55 Prozent in der Überzahl. Der Umsatz wachse jährlich um mehr als 30 Prozent, sagt Firmenchef Lukas Speiser. Der deutsche Konkurrent Amorelie ist seit vier Jahren in der Schweiz aktiv. Laut Firmengründerin Lea-Sophie Cramer sind die Schweizer beim Kauf von Sexspielzeug ausgabefreudig. Der Wert des Warenkorbs sei im Durchschnitt höher als in Deutschland.

Dabei gibt es innerhalb der Schweiz grosse Unterschiede. Gemäss einer Auswertung von Amorana sind Sexspielzeuge auf dem Land beliebter als in der Stadt. Am meisten geben pro Kopf die Obwaldner und Schwyzer aus – rund 23 Prozent mehr als im Landesdurchschnitt. Am anderen Ende stehen die Basler, die fast 30 Prozent unter dem Schnitt liegen. Doch Schweizerinnen und Schweizer kaufen Vibratoren nicht nur anonym im Internet. Viele scheuen sich nicht davor, Erotikartikel in den Einkaufskorb im Supermarkt zu legen. Der Detailhändler Coop verkauft jedenfalls schon seit mehreren Jahren Vibratoren. Mittlerweile hat der Grossverteiler das Sortiment auf Liebeskugeln, Penisringe und Paar-Toys ausgeweitet. Auch in grösseren ­Migros-Filialen stehen vier Vibratoren zur Auswahl.

Herkömmliche Sexshopssind am Aussterben

Nicht überall brummt das Geschäft. Die klassischen Sexshops stecken in der Krise. Die meist nahe von Autobahnausfahrten gelegenen Erotikmärkte des Schweizer Unternehmers Patrik Stöckli laufen zunehmend schlecht. Sechs mussten dichtmachen, acht sind noch übrig. Laut Stöckli ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die verbleibenden Standorte nicht mehr rentabel sind.

Statt im Erotik-Supermarkt in der Agglomeration kauft die Zielgruppe offenbar lieber im elektronischen Warenhaus ein – oder ganz nebenbei mit den Besorgungen beim Grossverteiler.



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Erstellt: 10.09.2019, 20:20 Uhr

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