Sexylady gegen Gladiator

Wenn niemand zuschaut, zeigt sich der Charakter von Frauen und Männern am besten – etwa wenn sie ihre Passwörter bestimmen. Wie gross die Unterschiede bei den ­Geschlechtern sind, offenbart die Analyse von fast 70'000 Beispielen.

Illustration: Tim Mette.

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Es ist die leidigste Nebenerscheinung unserer digitalen Existenz: das Passwort. Jeden Tag am Arbeitsplatz, beim Einloggen in immer mehr Internet-Portale, überall brauchen wir eines. Möglichst viele Zeichen und Zahlen soll es haben, im Idealfall auch Sonderzeichen, von denen man sich fragt, warum sie überhaupt auf der Tastatur zu finden sind. Vielleicht: § oder ^. Gleichzeitig sollte der gewählte Geheimcode einprägsam und in jeder Lebenslage abrufbar sein.

So unliebsam das Passwort ist, dessen Eingabefeld ist eines der privatesten Orte, der im Internet zu finden ist, vielleicht sogar über das Internet hinaus. Man kann den Geheimcode meist sogar dann eintippen, wenn jemand einem über die Schulter schaut. Statt der eigentlichen Zahlen und Sonderzeichen erscheinen auf dem Bildschirm Punkte. Selbst die Besitzer des jeweiligen Dienstes kennen die Passwörter ihrer Nutzer nicht. Denn sie werden in der Regel verschlüsselt aufbewahrt. In der Regel. Aber nicht immer.

Unter den Internetdiensten gibt es auch schwarze Schafe. Vor kurzem hat die Melde- und Analysestelle Informationssicherung (Melani) des Bundes bekannt gemacht, dass Tausende Logins und Passwörter des Schweizer Online-Ladens dvd-shop.ch im Internet kursieren. Es handelte sich dabei um 68'071 E-Mail-Adressen mit den dazugehörigen unverschlüsselten Passwörtern. Die SonntagsZeitung hat sich die Daten besorgt, um damit eine soziologische Studie durchzuführen.

Besonders beliebt: Charlie Browns Hund Snoopy

Wir wollten folgende interessante Fragen beantworten: Sind bei der Passwortwahl geschlechtsspezifische Muster zu erkennen? Was geht im Kopf von Schweizerinnen und Schweizern vor, wenn sie ihre Passwörter setzen? Und: Gibt es Unterschiede zu den Deutschen oder Italienern?

Auf den ersten Blick sind Frauen und Männer überraschend ähnlich gestrickt. Die beiden beliebtesten Passwörter sind gar identisch: «1234» und «123456». Dann aber beginnt sich zwischen den Geschlechtern ein beachtlicher Graben aufzutun. Auf Platz drei erscheint bei den weiblichen Nutzern ein Frauenvorname: «Nicole». Ein Abgleich zeigt, dass es sich hierbei nicht um den Namen der besten Freundin, der Tochter oder Mutter handelt, sondern um denjenigen der E-Mail-Halterin. Diverse Nutzerinnen verwenden als Passwort zudem einfach ihre E-Mail-Adresse.

Als Nächstes fallen unter den von Frauen besonders häufig gewählten Passwörtern die vielen Tiere, Pflanzen und Früchte auf: «Tiger», «Panda», «Nacktschnecke», «Banane» oder «Kaktus». Besonders beliebt: «Snoopy», das Hündchen von Charlie Brown aus dem Peanuts-Comic. Jö! Auffällig sind auch die vielen Männervornamen, wohl die Partner, Söhne, Väter, Grossväter oder heimlichen Liebhaber. Auf die meisten Nennungen kommt «Daniel», gefolgt von «Mario», «Yannick» und «Thomas».

Frauen sind kreativer

Hier sind wir bei einem der grössten Unterschiede zu den Männern. Bei den Männern sind deutlich weniger Frauennamen zu finden. Viel häufiger hingegen Automarken: «Porsche» zum Beispiel, «Jaguar123» oder «Corvette». Beliebt sind Begriffe, die wohl Fantasy-Romanen entstammen und die männliche Fantasie beflügeln: «Pegasus» oder «Master».

Das ist bei den Männern aber auch schon das höchste der Gefühle. In Sachen Kreativität sind ihnen die Frauen deutlich überlegen. Eine grosse Frauengruppe bedient sich nämlich gerne der sogenannten Skatologie, der Fäkalsprache: «Piss69Kopf», «Camelpiss», «PoupChinese», «Scheisse4805» sind einige der harmloseren Beispiele. Eine andere Frauengruppe ist ziemlich erotisiert unterwegs und verwendet eine eindeutig zweideutige Sprache: «Shadylady.Shady», «Hexy_leys», «Sextiger», «Supercherry», «Sexylady». Letzteres Passwort ist derart beliebt, dass er in den verschiedensten Variationen vorkommt: «Sexylady00», «Sexylady69», «halloSexylady», et cetera.

Männer verwenden in Sachen Erotik eine direktere Sprache ohne Schnickschnack: «Ficken», «Fuckfuck», «Fuck­you», oder «Fuckface». Um sich das Passwort merken zu können, verwenden viele Männer ganze Sätze, oft als eine Art Antwort auf eine Frage. Zum Beispiel: «Ich habe blaue Augen!» oder «Zutritt nur 4 Seppi!» Letzteres Passwort liess die brennende Frage offen, wer denn Seppi sein könnte. Der Nutzer selber war es nicht. Er hiess laut der angegebenen E-Mail-Adresse Thomas.

Frauen favorisieren «Malediven», Männer «Zurich»

Der Freund von Seppi ist bei den Männern aber eine Ausnahmeerscheinung. Viele Männer denken – Überraschung! – bei der Passwortsetzung in erster Linie an sich selber. Ein Satz ist gleich mehrmals anzutreffen. Er lautet: «Ich bin super!» Bei den Frauen ist Ähnliches nicht zu finden, nicht einmal in abgeschwächter Form. Bei den Männern hingegen kommt das Selbstlob in diversen Varianten daher: «Ich bin gut», «Ich bin toll», oder mit einer variierenden Anzahl Ausrufezeichen: «Ich bin super!!!!!» Zum morgendlichen Arbeitsbeginn brauchen diese Internetnutzer wohl stets besondere Motivation – oder aber wir haben es hier mit einem klassischen Fall des Donald-Trump-Syndroms tun.

Ein beliebtes Motiv anderer Nutzerinnen und Nutzer sind Ortschaften. Auch bei dessen Auswahl sind jedoch geschlechtsspezifische Unterschiede festzustellen. Auch hier lassen die Frauen die Gedanken weiter schweifen als die Männer. Die beliebtesten geografischen Passwörter der Nutzerinnen lauten: «Malediven», «Route 66», «Madrid». Die Destinationen der Männer sind erreichbarer: «Lugano», «London», «Zurich» oder «Bayern».

Die Klassiker: «123456» und «Passwort»

Apropos unterschiedliche Länder: Über die Vorlieben einzelner Nationalitäten gibt ein Blick auf die Passwörter ebenfalls Aufschluss. Zwischen den Deutschen und deutschsprachigen Schweizern sind wenige Unterschiede zu erkennen. Auch bei den Deutschen lautet das beliebteste Passwort: «123456». Möglich, dass die Deutschen gar noch etwas einfallsloser sind als die Schweizer. Auf ihrem Platz 8 der meistverwendeten Passwörter liegt das Wort: «Passwort.» Die Österreicher sind ähnlich veranlagt. Allerdings verwenden sie viel mehr Zahlen: «8zelda4», «mikel33», «bn26ir». Und es erscheinen gehäuft religiöse Hinweise: «Genesis» etwa oder «Jesus Christus».

Interessant ist der Vergleich mit den Franzosen, Italienern und Engländern. Die Angaben sind weniger repräsentativ als bei den Schweizern, weil in den untersuchten Daten weniger E-Mail-Adressen mit entsprechender landesspezifischer Endung zu finden waren. Insgesamt hielten 272 Nutzer eine E-Mail-Adresse mit der britischen Endung «.uk». 122 hatten eine mit der italienischen Endung «.it» und 118 mit der französischen «.fr».

Bei den Briten ist es oft der Lieblingsfussballclub

Einige italienische Beispiele: «Viagra», «Hardcore» und natürlich: «Ferrari». Das französische Gemüt ist sanfter: «les4saisons» oder «ulysse1». Das kräftigste Wort aus der Liste: «Scandal». Die Briten hingegen verwenden häufig englische Städtenamen oder den Lieblingsfussballclub: «Everton», «Leicester1». Grundsätzlich sind die Briten wie die Schweizer Männer aber nicht mit besonders viel Fantasie ausgestattet: «videotapes», «okokok» oder «peanut» sind der Gipfel der Kreativität.

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Egal ob Briten, Schweizer oder Deutsche, Frauen oder Männer: Die Passwortlänge aller Gruppen lag im Schnitt bei 7 Zeichen. Nur 20 Prozent der Passwörter sind länger. Einige dafür richtig lang. Das längste aller 68'071 Passwörter hat 32 Zeichen: «70623ca81edd841956f33bddb76ed3». Da hat sich jemand offenbar Mühe gegeben, das Passwort mit einem Zufallscode zu generieren. Sicherheitstechnisch ist das zu begrüssen. Allerdings fragt man sich, wie sich der Nutzer das kryptische Passwort gemerkt hat.

Alle anderen Nutzer entwickelten eigene Passwörter. Unsere Lieblinge der langen Passwörter: «dudeldideldumdideldum», verfasst von einer Schweizerin. Oder: «unbrauchbargemacht230501» verfasst von einem Schweizer. Was derjenige am 23. Mai 2001 wohl unbrauchbar gemacht hat? Wir wollen es lieber nicht wissen. Schliesslich: «EpsonStylusPhoto750», verfasst von einem deutschen Pragmatiker. Man stellt sich vor, wie die Augen des Mannes im Arbeitszimmer umherschweifen, wie er beim Drucker hängen bleibt, um dann achselzuckend den Gerätenamen einzugeben.

So banal kann die Passwortwahl eben auch sein.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2018, 21:51 Uhr

Analyse von 68'071 Passwörtern

Die berücksichtigten Daten lud die SonntagsZeitung aus einem einschlägigen persischen Hacker-Forum herunter. Sie bestanden aus 68'071 E-Mail-Adressen mit dem dazugehörigen Passwort. Sie gehörten Kunden des mittlerweile vom Netz genommenen Onlineladens dvd-shop.ch. Zur Kategorisierung des Geschlechts wurden nur die E-Mail-Adressen verwendet, die aus einem Vornamen bestanden. Bei der anschliessenden Textanalyse wurde damit das Geschlecht der Nutzer eruiert: Insgesamt 13'203 Männer und 4513 Frauen. Eine grosse Anzahl der E-Mails setzten sich also nicht aus Namen zusammen. Bei der Eruierung der Nationalität wurde die E-Mail-Endung berücksichtigt: .it für Italien oder .de für Deutschland. Wenn jemand eine italienische E-Mail-Adresse hat, besagt das natürlich nicht, dass der Betreffende auch einen entsprechenden Pass besitzt – eine gewisse Affinität zum jeweiligen Land ist aber gewiss.

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