Sie geben dem Schlendrian den Laufpass

Die Neujahrsvorsätze treiben selbst Sportmuffel an die frische Luft.

Die Uferwege des Pfäffikersees sind bei Läufern beliebt. Bilder: Michele Limina

Die Uferwege des Pfäffikersees sind bei Läufern beliebt. Bilder: Michele Limina

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Regelrechte Rekordverhältnisse herrschen dieser Tage: Tartanbahnen, Vita-Parcours und die populären Laufstrecken sind zu keiner Jahreszeit so bevölkert wie in den Tagen nach dem Jahreswechsel. So auch entlang der Ufer des Pfäffikersees und im Ustermer Leichtathletik-Stadion. Die frisch gefassten, guten Vorsätze treiben die Bewegungsmuffel ins Freie. Sie wollen abnehmen, gesünder Leben, endlich die eigene, latente Bequemlichkeit überwinden.

Mit (noch) eisernem Willen bieten die Debütanten den winterlichen Verhältnissen die Stirn – und sind für die Routiniers meist auf den ersten Blick erkennbar: Sie tragen entweder jenes nigelnagelneue Sportoutfit, das vor zwei Wochen unter dem Christbaum lag. Oder aber Laufkleider, die aus längst vergangenen und sportlich besseren Zeiten stammen.

Wohl genauso unterschiedlich wie die Ausrüstung der Neujahrssportler sind die Gründe, weshalb die Frauen und Männer an diesem Wintermorgen anfangen, ihre Laufschuhe zu schnüren. Fest steht: Sie sind überzeugt, dass sie ihre Vorsätze einhalten werden. Fest steht aber auch: Ihre Reihen werden sich in wenigen Wochen lichten – und die erkennbaren Novizen werden verschwinden. Entweder weil sie sich wieder aufs Sofa verzogen haben oder weil sie zu Routiniers geworden sind.


«Bei der Runde um den See können wir nicht kneifen – es gibt keine Abkürzungen.»
Pierre Heckly (r.), 49, und Simon Camponovo, 27

Sie sind von weitem hörbar. Quasselnd marschieren die beiden Männer eine leichte Steigung hoch. Sie haben die Strecke nicht zufällig gewählt: «Bei der Runde um den See können wir nicht kneifen. Es gibt hier keine Abkürzungen», sagt Heckly. Die beiden wollen künftig zwei- bis dreimal pro Woche hier lang oder vielleicht mal auf den Vita-Parcours. «Daheim ist die Hantelbank auch schon aufgestellt», sagt Heckly stolz. Und schiebt grinsend nach: «Aber noch ungebraucht.» Pierre Heckly wird Ende Januar fünfzig und ist wild entschlossen, bis dahin fünf Kilo weniger auf die Waage zu bringen.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Männer zusammen unterwegs sind: Gemeinsame Vorsätze verpflichten. Wie lange diese Verbindlichkeit aber anhält, wird sich weisen: «Wir haben uns im vergangenen Jahr auch vorgenommen, mehr Sport zu treiben – und sind gescheitert», sagt ­Heckly. Sein Compagnon ergänzt: «Aus purer Faulheit haben wir es nicht durchgezogen. Und zwischendurch war das Wetter schuld.» Die beiden sind in den vergangenen Tagen bereits einige Male draussen gewesen: «Ich merke aber noch nichts davon, denn ich habe über die Festtage drei Kilo zugenommen», sagt Simon Camponovo trocken. Sein Ziel ist es, die 8,6-Kilometer-Runde in einer Stunde zu schaffen. Wo sie in einem Jahr um diese Zeit sein werden? Camponovo zögert nicht lange: «Na, auf der zweiten Runde!»


«Ich treibe Sport als Ausgleich, weil ich sonst ungesund lebe.»
Sven Albicker, 19

Der angehende Elektroinstallateur ist ausser Atem – und zügig im Laufschritt unterwegs. Das Gespräch muss schnell gehen. Seit Silvester umrundet er schon zum dritten Mal den Pfäffikersee. Und hat bereits gelernt: «Beim ersten Mal lief ich ohne Wasser los und hatte unterwegs richtig Durst.» An diesem Tag hat er eine rote Trinkflasche mit. Die Trainings haben aber ihren Tribut gefordert. Zumindest in modischer Hinsicht: «Meine schönen Trainerhosen sind bereits in der Wäsche», sagt Albicker und grinst.

Egal, es müsse sportlich was gehen. Der junge Mann wirkt entschlossen, marschiert weiter. Er haue im Ausgang gerne auf den Putz wie kürzlich am Spengler-Cup in Davos oder zum Jahreswechsel und trinke an den Wochenenden «manchmal zu viel Alkohol». Ich lebe also «im Allgemeinen ungesund», und «zum Ausgleich» treibe er von jetzt an zwischendurch Sport. Es geht ihm nicht darum, schneller zu werden – noch nicht. «Wenn ich so weitermache, vielleicht später mal.» An diesem Tag ist er jedenfalls nicht aufzuhalten: Weiterhin marschierend gibt er sich zuversichtlich, was seine Disziplin angeht. Die Temperaturen seien jetzt optimal – im Sommer werde es sicher schwieriger. So oder so: «Es macht auch mal Spass, draussen zu sein.»


«Allein ist es schwieriger, Vorsätze durchzuziehen.»
Petra Nastasi, 40

Diese Laufnovizin ist mutig. Sie ist dort anzutreffen, wo Tempobolzer wie Profi-Triathlet Jan van Berkel oder Berglaufspezialist Stephan Wenk ihre Runden drehen: auf der Tartanbahn in Uster ZH. Seit den Festtagen tut sie das regelmässig. Es ist nicht das erste Mal, dass sie einen sportlichen Anlauf nimmt – darum war auch schon ein schickes Laufoutfit vorhanden. «Nicht neu, aber quasi ungebraucht», sagt sie und lacht. In der Vergangenheit habe sie jeweils zu schnell aufgegeben.

Schützenhilfe leistet ihr diesmal ihr Ehemann. Sportlich seiner Gattin um Längen voraus, schlägt er auf der benachbarten Finnenbahn sein eigenes Tempo an. Währenddessen trabt und marschiert Petra Nastasi während 45 Minuten auf dem 400-Meter-Oval. «Ich mache solche Dinge gerne in Gesellschaft, denn allein ist es schwieriger, Vorsätze durchzuziehen.» Zwar laufe jeder für sich – und trotzdem sei sie nicht allein. Es ist für sie kein Frust, mit einem Partner zu trainieren, der viel fitter ist. «Ich muss mir eingestehen, dass ich jahrelang nichts gemacht habe und unsere Voraussetzungen deshalb völlig unterschiedlich sind.»

Noch ist ihr Lauftraining mit Gehpausen durchsetzt. Das Ziel ist aber klar: Irgendwann will Petra Nastasi eine längere Strecke am Stück laufen. «Schön wäre es, wenn mein Mann und ich gemeinsam an der Startlinie des Greifenseelaufs stehen könnten – zumindest über die 10-Kilometerdistanz.»


«Der Sport lässt mich positiv denken.»
Mayssa Alchakouhi, 40

Neues Jahr, neue Planung, neue Gesundheit. So lautet das Motto der Syrerin, die vor zwei Jahren in die Schweiz kam. Sie ist dick eingepackt, schliesslich begnügt sie sich nicht wie die meisten anderen, die an diesem Tag unterwegs sind, mit einer Runde um den Pfäffikersee.

Anfang Jahr hat Alchakouhi beschlossen, Sport zu machen, weil Bewegung ihr in ihrer Situation hilft. «Ich habe Probleme, ruhig zu atmen, und mein Arzt hat mir Walken oder Laufen als Therapie empfohlen.» Deshalb hat sie sich vorgenommen jeden Tag zwei bis drei Stunden unterwegs zu sein – den See also mindestens zweimal zu umrunden.

Und das tut sie farblich assortiert – ihre lila Mütze passt zu Shirt, ­Jacke, Handschuhen, Hosen und sogar zu den Schuhbändeln. «Je nach Tagesform jogge ich und schalte Gehpausen dazwischen.» Die Bewegung unter Leuten an der frischen Luft helfe ihr aber nicht nur körperlich. «Ich bin hier neu und muss stark sein – das lerne ich auch durch den Sport.» Alchakouhi ­lächelt. Es gehe ihr nun bereits merklich besser. «Der Sport lässt mich positiv denken und beruhigt mich.»


«Ich fühle mich freier, es tut dem Gemüt gut.»
Monika Reber, 58

Ihre Sportpalette war einst gross, reichte vom klassischen und Jazz-Ballett über Halbmarathon, Skifahren und Schwimmen bis hin zur ­Tätigkeit als Aerobic-Instruktorin. Doch das war früher. Das war, bis eine Fehlstellung des linken Beines die aktive Frau lahmlegte. «Die Ärzte brachen mir das Schienbein, und ich musste von neuem gehen lernen.» Als die Spezialisten vor einem Jahr die Schiene entfernten, hiess es abermals gehen lernen. «Seit dem Jahreswechsel habe ich nun mit einer Mischung zwischen Walken und Joggen begonnen.» Dass es ihr Spass macht, ist unübersehbar. Trotzdem sei es gerade am ­Anfang nicht einfach, dranzubleiben. «Vieles spielt sich im Kopf ab, deshalb ist es wichtig, ein Ziel zu haben.» Ihres heisst: Häufiger aktiv sein und das mit Vergnügen und ohne Angst vor den Schmerzen. «Und es dürfen en passant gerne zwei oder drei Kilos purzeln.»

An diesem Tag ist Monika Reber in Jeans unterwegs, weil diese dicker und wärmer sind. Sie trägt Trekkingschuhe gegen die Kälte und betont: «Das ist aber nicht mein ­offizielles Sportoutfit.»

Zwar ist das neue Jahr erst wenige Tage alt, trotzdem stelle sie bereits einen Unterschied fest, seit sie sich häufiger bewege – vor ­allem mental. «Ich fühle mich freier, es tut dem Gemüt gut – egal bei welchem Wetter.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.01.2019, 14:24 Uhr

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