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Sie klauen und fahren schwarz

Der Anteil straffälliger Mädchen hat sich in der Schweiz verdoppelt. Mit Ladendiebstählen profilieren sie sich in der Clique.

Du bist, was du trägst: Das Klauen von teuren Kosmetika und Markenartikeln bietet den Mädchen Nervenkitzel. Bild:
Du bist, was du trägst: Das Klauen von teuren Kosmetika und Markenartikeln bietet den Mädchen Nervenkitzel. Bild:

Anna*, 15 Jahre, gibt zu Protokoll: «Eine aus der Clique packt Kleinigkeiten in den Läden einfach ein. Sie meint, weshalb zahlen, wenn man etwas auch nehmen könne. Als ich dann mit meiner Freundin unterwegs war, kam das Adrenalin, und wir probierten es auch.» Und Nina*, 14 Jahre, sagt: «In der Kosmetikabteilung haben wir die Produkte angeschaut. Alles war teuer. Dann ­haben wir sie halt eingesteckt.»

Anna und Nina sind keine Einzelfälle. Der Anteil straffälliger Mädchen nimmt zu. Im Kanton Zürich machen sie mittlerweile 25 Prozent aus – fast doppelt so viele wie noch vor 20 Jahren. Schweizweit wurden letztes Jahr 1382 junge Mädchen verurteilt. Wie eine neue Auswertung der Oberjugendanwaltschaft des Kantons Zürich zeigt, prügeln sich Mädchen zwar weniger als ihre männlichen Kollegen, dafür ­fahren sie überproportional oft schwarz oder sind als Langfinger unterwegs. Besonders beliebt: Kosmetika oder Accessoires im Wert von unter 300 Franken.

Freizeit im Shoppingcenter: Gelegenheit macht Diebe

Ein Nagellack hier, ein Armreif dort – Kleinigkeiten mitlaufen zu lassen, statt dafür zu bezahlen, scheint für viele Teenager normal zu sein. «Scham oder moralische Bedenken haben die wenigsten», sagt Ivica Petrušic, Geschäftsführer der Zürcher Jugendförderung Okaj. In Gesprächen bekommt der Jugendarbeiter jeweils zu hören: Es gibt so viele Stücke im Angebot, wenn ich nur eines nehme, schade ich ja niemandem.

Handkehrum kann ein Lippenstift einer teuren Modemarke für ein Mädchen eine grosse Wirkung haben. «Es gilt mehr denn je: Du bist, was du trägst und hast», sagt Petrušic. Diese Entwicklung habe sich noch akzentuiert, seit die Jugendlichen, statt einem Hobby nachzugehen, im Shoppingcenter herumhängen. Stets umgeben zu sein von den neusten Trends und Produkten, weckt vor allem etwas: Begehrlichkeiten. «Der Konsumdruck unter den Heranwachsenden ist ­dadurch nochmals gestiegen.»

Die straffälligen Mädchen kommen aus allen Schichten und sind meist zwischen 15 und 17 Jahre alt. Allerdings ist die Zahl der polizeilich erfassten 12-Jährigen innerhalb eines Jahres von zwei auf acht Prozent gestiegen, und kürzlich hat die Stadtpolizei Zürich vermeldet: 10- und 11-Jährige auf Diebestour im Shopville erwischt.

«Die Grenzen von Kindheit zu Jugend haben sich verwischt»

Das zarte Alter der Delinquentinnen erstaunt Rahel Heeg, Soziologin der Hochschule Nordwestschweiz, wenig. «Die Grenzen von Kindheit zu Jugend haben sich verwischt», sagt sie. Bereits Kinder in der Vorpubertät würden ihre Freizeit im öffentlichen Raum verbringen. Dabei gäben ihnen die Ladendiebstähle Nervenkitzel und Anerkennung. «Die Girls können sich mit solchen Taten innerhalb der Clique profilieren.» Anders als die Knaben würden Mädchen Res­pekt nicht mit Fäusten, sondern auf subtilere Weise erlangen.

Die Gründe, warum sich die Geschlechter diesbezüglich unterscheiden, sieht der Leitende Oberjugendanwalt des Kantons Zürich, Marcel Riesen-Kupper, im Umgang der Teenager: «Jungen sind in grösseren Gruppen unterwegs, Mädchen häufig zu zweit oder zu dritt.» Dies führe zu einer anderen Gruppendynamik.

Doch warum steigt die Kriminalität der Mädchen, während Jugenddelinquenz insgesamt rückläufig ist? Der Oberjugendanwalt kann nur spekulieren: «Zum einen ­treten Mädchen heute gleichberechtigter auf, und zum andern geniessen sie mehr gesellschaftliche Freiräume.» Deliktisches Verhalten gehöre heute bei Mädchen zum Entwicklungsprozess dazu.

Die Eltern sollten mit Kindern über Ladendiebstahl sprechen

Auf die schiefe Bahn geraten allerdings die wenigsten. Häufig reicht eine Vorladung der Jugendanwaltschaft, um sie zur Vernunft zu bringen. Für kleinere Vergehen erhalten sie einen Verweis, eine Busse oder werden zu einer persönlichen Leistung in ihrer Freizeit verknurrt.

Einige wenige Mädchen fallen allerdings immer wieder kriminell auf. Ihre Aggressivität entlädt sich in Rufschädigungen, in Mobbing. Manche schrecken vor Prügeleien nicht zurück. «Meist sind sie vorbelastet. Erleben Gewalt in der ­Familie, haben suchtmittelabhängige Eltern oder wachsen in beengten sozioökonomischen Verhältnissen auf», sagt Riesen-Kupper.

Sie befinden sich in einer Abwärtsspirale und müssen schliesslich mit einer stationären Schutzmassnahme untergebracht werden. Schweizweit waren 62 Mädchen am Stichtag 2016 entweder bei einer Familie, in einem Heim oder einer anderen Institution unter­gebracht. Ihr Anteil ist mit 13 Prozent zwar deutlich geringer als derjenige der Knaben, doch er steigt seit fünf Jahren an. Als umso wichtiger erachtet Urs Kiener, Jugendpsychologe von Pro Juventute, dass Eltern bereits kleine Delikte ernst nehmen. «Sie sollten mit den Kindern den Diebstahl thematisieren», sagt er. Es sei für den Verlauf der weiteren Jugendjahre entscheidend zu vermitteln, was Recht und Unrecht sei.

Anna und Nina hat die Jugendanwaltschaft zu einer Busse verurteilt. Sie haben versprochen: So etwas kommt nicht mehr vor.

* Name geändert

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