«Sie müssen keine perfekten Eltern sein»

Bernhard Kühnl über Kinder unter Leistungsdruck und die richtige Mischung zwischen Freiheit und Grenzen.

Um bei Kräften zu bleiben, brauchen Familien laut Bernhard Kühnl Ruheinseln in der AlltagshektikFoto: Plainpicture

Um bei Kräften zu bleiben, brauchen Familien laut Bernhard Kühnl Ruheinseln in der AlltagshektikFoto: Plainpicture

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Haben Familien heute andere Sorgen als vor 20 Jahren?
Fragen zum Bereich Medien sind in den Vordergrund gerückt. Wann bekommt unser Kind ein Smartphone? Wie ist der Internetzugang zu Hause geregelt? Ein Teil der Sorgen ist gleich geblieben: Wir möchten, dass unsere Kinder glücklich sind, dass sie gesund und selbstbewusst aufwachsen und Erfolg in der Schule haben.

Viele Kinder und Eltern klagen heute über den Leistungsdruck. Ist der wirklich gestiegen?
Studien zeigen, dass der Leistungs- und Erwartungsdruck, den wir an Kinder richten, zugenommen hat. Mittlerweile klagen mehr als 30 Prozent der Kinder in der Primarschule über Leistungsdruck. Das kommt vor allem daher, dass wir denken, das Gymnasium sei der richtige Ort für unsere Kinder. Viele Eltern unternehmen grosse Anstrengungen, damit ihr Kind denjenigen Bildungsweg geht, den sie sich erhoffen. Von dem sie glauben, dass ihr Kind damit die besten Chancen in der Gesellschaft hat.

Erleben Sie diesen hohen Leistungsdruck in Ihrer Praxis?
Ja. Es sind ja nicht nur die Eltern, die ihr Kind aufs Gymnasium bringen möchten. Auch die Kinder untereinander vergleichen sich. Sie möchten gern Erfolg haben. Da haben wir ein Phänomen, das ich als erschöpfte Kinder bezeichne. Kinder, bei denen nicht mehr das Kindsein im Vordergrund steht. Die funktionieren müssen, um möglichst erfolgreich zu sein.

«Ich stelle immer mehr fest, dass wir nicht nur auf erschöpfte Kinder treffen, sondern auch auf erschöpfte Familien.»

Warum fühlen sich viele Familien überfordert?
Die Ressource Zeit ist weniger ­geworden. Erwerbsbedingungen wurden nicht für Familien entwickelt, sondern für die Wirtschaft. Ich stelle immer mehr fest, dass wir nicht nur auf erschöpfte Kinder treffen, sondern auch auf erschöpfte Familien. In der Beratung erleben wir das so: Wenn beide ­Eltern oder Alleinerziehende den ganzen Tag arbeiten, nach Hause spurten, das Kind von der Kita ­abholen, Abendessen machen müssen – und dann noch gemeinsam Hausaufgaben machen oder lernen möchten, ist die Gefahr relativ gross, dass es eskaliert.

Warum?
Weil beide erschöpft sind und eine Ruheinsel brauchten. Wir verbringen weniger Zeit miteinander im Sinne von gemeinsamen Aktivitäten. Stattdessen ist man eingetaktet in ein sehr hektisches Leben. Das wirkt sich auf das Familienleben aus. Diese Eltern brauchen keine Unterstützung, wie sie mit ihren Kindern Hausaufgaben machen. Wären beide ausgeruht, könnten sie das wunderbar. Sie brauchen Unterstützung, um in der Hektik des Alltags Ruheinseln zu finden.

Wo geht es Kindern heute besser als früher?
Kinder wachsen wesentlich sicherer auf als vor 50 Jahren. Die ­Unfallraten waren höher, als alle Kinder immer draussen gespielt haben. Das Internet ist nicht nur Teufelszeug, sondern kann auch Kompetenz vermitteln. Und wir haben als Gesellschaft unseren Familienbegriff erweitert: leibliche Eltern, neu zusammengesetzte Familien, Alleinerziehende, Regenbogenfamilien. Kinder und Jugendliche werden heute weit weniger stigmatisiert, egal in welcher familiären Konstellation sie leben.

Was ist eine gute Erziehung?
Die Kunst der Erziehung ist, die goldene Mitte zu finden. Man kann Kinder über- oder unterfordern. Man kann starre Grenzen setzen oder gar keine Grenzen. Die Kunst ist auch, anzuerkennen: Sie müssen keine perfekten Eltern sein. Genügend gut ist völlig ausreichend. Sonst haben Sie selbst den Leistungsdruck, den Sie früher oder später auf die Kinder übertragen.

«Ohne jegliche Grenzen werden sich die Kinder sehr unwohl fühlen.»

Manche Pädagogen fordern klare Grenzen. Andere sagen, man müsse nur empathisch auf Kinder eingehen.
Meine Position ist sowohl als auch. Empathisch sein heisst in meinen Augen: Kinder sind Beziehungs­wesen, sie brauchen eine Bindung – auch im Sinne einer Kontrolle und Orientierung. Der Psycho­logieprofessor Klaus Schneewind hat das einmal sehr gut zusammengefasst: Es geht um Freiheit in Grenzen.

Was heisst das konkret?
Sie müssen mit Kindern reden und erklären. Wie sollen Kinder lernen, wenn Sie einfach Massnahmen setzen? Wenn Sie aber alles erklären und diskutieren, schiessen Sie übers Ziel hinaus. Ohne jegliche Grenzen werden sich die Kinder sehr unwohl fühlen. Es ist die Suche nach der goldenen Mitte. Keiner findet sie immer. Aber wenn man sie sucht, ist man auf dem richtigen Weg. Das bedeutet nicht, dass die eine Familie nicht ein bisschen strenger sein kann als die andere. Oder dass die eine Familie nicht etwas mehr diskutiert.

Raten Sie davon ab, ­Erziehungsratgeber zu lesen?
Nein, nein. Informieren Sie sich! Sie sollten nur wissen, dass Erziehungsratgeber nicht alle den Stein der Weisen haben. Ich empfehle Remo Largo. Er hat es in meinen Augen am besten verstanden, uns deutlich zu machen, dass kindliche Entwicklung sehr variabel ist.

Pathologisieren wir heute zu schnell kindliches Verhalten?
Ich glaube, dass unsere Gesellschaft aufpassen muss, dass man nicht zu schnell Entwicklungs­unsicherheiten als Diagnosen verkauft. Weil Diagnosen erst einmal etwas Feststehendes sind. Da nehme ich wahr, dass wir zu schnell pathologisieren. Und viele Diagnosen lauten ‹mit Verdacht auf›. Das heisst, man weiss es gar nicht genau. Hier etwas länger zu warten, wäre manchmal nicht schlecht. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2019, 10:50 Uhr

Zur Person

Der Psychologe und Psychotherapeut Bernhard Kühnl leitet seit 2015 fünf Münchner Beratungsstellen. Kühnl hat zwei Kinder und arbeitet seit fast 30 Jahren in der Erziehungsberatung. Bei seiner Arbeit erlebt er immer mehr erschöpfte Kinder und Eltern.

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