Sie nennen uns Hinterwäldler

In Schweden oder Frankreich ist die Prostitution verboten – in der Schweiz nicht. Lässt es sich mit der Gleichberechtigung vereinbaren, wenn Männer Frauen kaufen können?

Welche Eltern wünschen sich für ihre Töchter eine Karriere im Milieu?: Prostituierte in Zürich. Foto: Ursula Markus/Keystone

Welche Eltern wünschen sich für ihre Töchter eine Karriere im Milieu?: Prostituierte in Zürich. Foto: Ursula Markus/Keystone

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Das Video ist schnell geschnitten, und was die Frauen und Männer darin sagen, träf: Es gehe ihnen auf die Nerven, dass ihr Heimatland dauernd mit der Schweiz verwechselt werde. Schweden habe das Frauenstimmrecht 1921 eingeführt, die Schweiz erst 1971. Und vor 20 Jahren wiederum, nämlich am 1. Juli 1998, sei in Schweden die Prostitution verboten worden, während es hierzulande immer noch legal sei, eine Frau zu kaufen. Mit solch einem mittelalterlichen Land, sagen die Schwedinnen und Schweden und schauen direkt in die Kamera, wollten sie nicht verwechselt werden.

Der Ende Juni lancierte Clip verbreitete sich vergangene Woche rasend schnell und wurde so häufig wie erregt kommentiert. Die einen waren beleidigt, andere amüsiert, und viele applaudierten. Der Frauenzentrale Zürich ist mit dem Kurzfilm «Stopp Prostitution – Für eine Schweiz ohne Freier» tatsächlich ein Coup gelungen: Sie stört damit den behaglich-wohligen Konsens, der hierzulande herrscht, wenn es um das Geschäft mit dem Sex und der Ware Frau geht. Man hat sich darauf geeinigt, beides in Ordnung zu finden – aus Bequemlichkeit und weil es zum guten Ton gehört, wahnsinnig aufgeschlossen und tolerant zu sein. Ein ­Problem mit dem käuflichen Sex zu haben, gilt als provinziell und prüde.

«Schaut doch nur, wie ihr Frauen behandelt»: Das Video der Frauenzentrale Zürich. (29. Juni 2018) Video: Youtube/Frauenzentrale Zürich

Wenn immer jemand sich auch nur einen Hauch von Kritik erlaubt, fallen sie reflexartig, die immer gleichen Sätze vom ältesten Gewerbe der Welt (was nicht stimmt, die ersten Prostituierten waren Sklavinnen; abgesehen davon: Bedeutete Fortschritt nicht, angeblich Unveränderbares infrage zu stellen?) oder davon, dass es sich dabei um einen Beruf wie jeden anderen handle (vermutlich wünschen sich deshalb so viele Eltern für ihre Töchter eine Karriere im Milieu). Oder der Klassiker: Dass es ohne Prostitution viel mehr Vergewaltigungen gäbe (gemäss dieser Logik wären die Männer alle­samt Triebtäter).

Dann auch: Dass gewisse Frauen nun mal gerne häufig Sex hätten (sämtliche Studien zeigen, dass die überwältigende Mehrheit der Prostituierten vor dem Einstieg ins Milieu sexuelle Gewalt erfuhr, und kaum eine kommt während des Jobs ohne Drogen, Tabletten oder Alkohol aus).

Oder: Dass das Geschäft mit einem Verbot nicht mehr kontrollierbar sei (Gemach: Wenn die Freier die Prostituierten finden, dann findet auch die Polizei sie).

Strassenstrich geriet ausser Kontrolle

Mitunter wird gar – wie bei der Burka – das weibliche Selbstbestimmungsrecht bemüht und behauptet, sich zu prostituieren sei ein feministischer Akt und ein entsprechendes Verbot daher frauenfeindlich.

Wie akzeptiert die Prostitution ist, selbst dann, wenn ihre hässliche Seite unübersehbar ist, zeigte sich vor rund zehn Jahren, als der Strassenstrich am Zürcher Sihlquai völlig ausser Kontrolle geriet. Von offizieller Stelle hiess es verständnisvoll, «das» gehöre halt zu einer Stadt von der Grösse Zürichs. Das Verständnis war so gross, dass von Amtes wegen Verrichtungsboxen aufgestellt wurden, finanziert mit Steuergeldern. Womit den Zürcherinnen ganz nebenbei mitgeteilt wurde, dass man die Befriedigung der männlichen Lust als eine staatliche Aufgabe betrachte, die auf Kosten der Allgemeinheit unbedingt zu gewährleisten sei.

3,5 Milliarden Franken setzt das Gewerbe jährlich um

Die Frage, ob man den Spiess nicht einfach umdrehen und die Prostitution verbieten sollte, stellte offiziell niemand; auch heute nicht, wo die aus dem Osten ­herangekarrten und zum Kauf angebotenen Frauen an den Stadtrand verschwunden sind. Wieso eigentlich nicht? Müssen wir das wirklich hinnehmen? Wie erklären wir Mädchen und Buben, dass die Geschlechter gleichwertig sind, wenn Männer Frauen kaufen können? Und wie glaubwürdig ist ein Staat, der Gleichstellungsbüros betreibt und erklärt, den Anteil der Frauen in der Wirtschaft fördern zu wollen, wenn er gleichzeitig die Prostitution zulässt, ja, mitsamt amtlichem Gütesiegel unterstützt?

Prostitution zu erlauben, heisst nichts anderes als: Es ist in Ordnung, eine Frau zu kaufen. Und die Nachfrage ist gross – knapp 2000 Etablissements sind schweizweit polizeilich registriert. Hochburgen sind die Kantone Basel-Stadt und Zürich; allein in der Stadt Zürich gibt es rund 200 Betriebe. 3,5 Milliarden Franken werden damit im ganzen Land jährlich umgesetzt – es müssen viele sein, die nichts dabei finden, eine Frau zu kaufen.

Vielleicht der Arbeitskollege, der so gerne betont, dass er jeweils am Mittwoch seinen Papi-Tag habe. Vielleicht der hilfsbereite Nachbar. Vielleicht der eigene Bruder, Vater, Sohn, Partner. Die es alle insgeheim schätzen, dass in der Prostitution, ähnlich wie im Porno, die Welt noch in Ordnung ist, die Rollenverteilung klar: Er bestimmt, und sie gehorcht. Im Porno und im Milieu ist der Mann – gebeutelt vom gendergemain­streamten Alltag und neuerdings von #MeToo – nicht länger entmannt, sondern noch richtig Mann.

Auf den einschlägigen Foren grassiert der Frauenhass

So klingt es zumindest auf Freier-Foren, wo einem eine allfällige Rotlicht-Romantik rasend schnell abhandenkommt. Dort tauschen sie sich aus, die Kunden, und bewerten die Frauen und deren Körper, deren Brüste und Vaginas und natürlich deren Leistung, weil hey, es handelt sich schliesslich um ein Geschäft wie jedes andere, nicht?

Sie reden etwa über Julia, die wieder zurück sei in diesem Club in Dietikon ZH und neuerdings eine Kaiserschnittnarbe habe, ganz Scheisse sehe die aus, und ihre Brüste seien vom vielen Kneten auch ganz kaputt. Die Julia sei verbraucht, aber ficken lasse sie sich immer noch hart und grob, so, wie sich das für eine Nutte gehöre. Der Rest der Kommentare ist weder druck- noch zitierfähig. Es spricht daraus oft ein unverhohlener Frauenhass, für viele Freier ist Sex offenbar in erster Linie ein gewalt­tätiger Akt, der viel mit Dominanz zu tun hat.

Verwunderlich ist das nicht: Die Prostitution zeigt das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern auf. Sie sei sogar, schreibt die Psychologin Sandra Konrad in ihrem Bestseller «Das beherrschte Geschlecht», «eine der letzten Bastionen des Patriarchats, in der der Mann über die Sexualität der Frau bestimmt, egal, um welchen und zu welchem Preis». Die Legalität der Prostitution bedeutet daher auch, den Uralt-Gedanken aufrechtzuerhalten, dass es Frauen gibt, die «dafür» da sind, die Nutten eben, und dass es daneben die anderen gibt, die Anständigen, nämlich die Töchter, Schwestern, Freundinnen, Frauen und Mütter der Freier, denen diese dieses Metier niemals würden zumuten wollen.

In einem Provinzpuff gehts nicht zu wie im Film: «Pretty Woman» Foto: Alamy

Aber darüber denkt man nicht gerne nach. Man stellt sich das lieber vor wie in «Irma La Douce». Oder in «Belle de Jour». Und «Pretty Woman» hatte doch ein Happy End! Überhaupt liebt die Öffentlichkeit die Geschichten von ehemaligen Prostituierten, weil sie genau das richtige Mass von Verruchtheit mitbringen und nie in einem schäbigen Provinzpuff spielen, sondern stets im schicken Nobel-Etablissement, wo die Freier kultiviert sind und charmant und überhaupt sehr Richard-­Gere-artig.

Europarat: «Nicht vereinbar mit der Menschenwürde»

Das aktuellste Beispiel ist die Geschichte von Ilan Stephani («Lieb und teuer»), die sich, aus gutem Hause stammend, freiwillig prostitutierte – in einem, klar doch, Nobel-Etablissement. Ihre Freier waren nicht nur nett, sie wollten auch sehr oft gar keinen Sex, sondern nur ein bisschen reden. Dass Stephani, wie fast alle ihre Berufskolleginnen, von einem solch netten Freier vergewaltigt wurde, wird zwar erwähnt, ändert aber nichts daran, dass sie ihre Zeit im Milieu aus soziologischer und psychologischer Sicht als interessante Lebenserfahrung darstellt. Die Botschaft lautet: Für junge, kluge und hübsche Frauen gibt es nun wirklich schlimmere Jobs, um sich das Studium zu finanzieren.

Hin und wieder stört eine dieses schummrig-plüschige Idyll. Wie Huschke Mau, die deutsche Ex-Prostituierte, die sich 2014 mit einem offenen Brief unter dem Titel «Ich habe die Schnauze voll von euch Prostitutionsbefürworterinnen» an die Öffentlichkeit wandte. Huschke Maus Geschichte klingt nicht glamourös, nach zehn Jahren im Milieu sagt sie: «Saubere Prostitution gibt es nicht» und: «Alle Freier sind Täter.» Sie kämpft für ein Verbot, dafür, dass in Deutschland die Freier bestraft werden, wie das nebst in Schweden auch in Kanada, Island, Norwegen, Irland und seit zwei Jahren auch in Frankreich der Fall ist. In all diesen Ländern kam man zum Schluss, dass es kein (männliches) Recht auf käuflichen Sex gibt. Die Prostitution, hielt der Europarat 2014 gar fest, sei «nicht vereinbar mit der Menschenwürde», und empfahl seinen Mitgliedern, das «schwedische Modell» zu prüfen.

Die Frauen und Männer in dem Video sind direkter und nennen uns «Hinterwäldler». Kein Wunder – die aus dem hohen Norden waren schon beim Frauenstimmrecht fünfzig Jahre schneller.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 8. Juli 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.07.2018, 10:22 Uhr

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