Sie redet nur, wenn es etwas bringt

Die Voten während der Session seien reine Farce, sagt Barbara Keller-Inhelder. Die schweigsamste Nationalrätin der Schweiz ist nicht ein Mal am Rednerpult gestanden.

Bei Tierschutzthemen stimmt sie gegen die Fraktion: SVP-Nationalrätin Barbara Keller-Inhelder in Rapperswil. Bild: Michele Limina

Bei Tierschutzthemen stimmt sie gegen die Fraktion: SVP-Nationalrätin Barbara Keller-Inhelder in Rapperswil. Bild: Michele Limina

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Barbara Keller-Inhelder? SVP-Nationalrätin aus dem Kanton St. Gallen? Noch nie gehört? Nicht weiter verwunderlich, sie ist ja auch die stillste Politikerin der Schweiz. Das Westschweizer Fernsehen RTS hat kürzlich ausgewertet, welche Politiker im Parlament am meisten, welche am wenigsten reden. Dabei stellte sich heraus: Barbara Keller-Inhelder hat in den vergangenen zwei Jahren und vier Monaten im Nationalratssaal kein Wort gesagt. Und das, obwohl sie seit Dezember 2015 nicht einen Tag gefehlt hat.

Wer ist diese Nationalrätin, die scheinbar nichts zu sagen hat? Was will diese stumme Frau im Parlament, dessen Name von «parler», also reden, kommt? Fotos auf ihrer Website zeigen eine attraktive Frau, 49 Jahre, Mutter von erwachsenen Zwillingen. Man sieht sie mit Hund Indiro (aus dem Tierheim), mit Bundesrätin Doris Leuthard (gleiche Handtasche?), mit Prof. Dr. Christoph Mörgeli, mit Samichlaus und Schmutzli – und am Feldschiessen (mit Medaille). Ihre Hobbys: Schützenverein Jona, Lesen, fein Essen, Fitness. Ihre politischen Schwerpunkte: Sicherheit, Finanzen, Bildung, Energie. Man erfährt: Am liebsten bliebe sie mit Toni Brunner im Bundeshauslift stecken, «das würde garantiert nie langweilig».

Hartnäckig in der Sache, scharf in der Wortwahl

In der Realität ist die SVP-Vertreterin genau so sorgfältig zurechtgemacht wie auf den Fotos. Rote Lippen, dunkelblaues Etuikleid, um den Hals ein Kreuz an goldener Kette. Sie hat sofort in ein Treffen eingewilligt, in Rapperswil SG, dieser «wunderbaren Stadt», wo ihre Familie seit sieben Generationen wohne. Dieses Gespräch sei ihre Chance, «das System zu ändern», sagt sie. Und will gleich loslegen. Moment. Der Reihe nach.

Die Voten während der Session seien somit reine Farce, eine theatralische Show für die Medien.

Warum sind Sie in der grossen Kammer noch nie ans Rednerpult getreten? «Weil es nichts bringt. Weil die Entscheidungen sowieso schon gefällt worden sind.» Sie erklärt: Jeder Nationalrat habe Punkt 8 Uhr ein Protokoll der eigenen Fraktion auf dem Tisch. Darauf stehe, wer wann wie abstimmt. Und man halte sich an dieses Protokoll. Die Voten während der Session seien somit reine Farce, eine theatralische Show für die Medien.

Dass ausgerechnet sie als «stillste Politikerin» betitelt werde, finde sie lustig. Und alle, die sie kennen, fänden das ebenfalls. Denn sie scheue sich beileibe nicht, den Mund aufzumachen, sie sei hartnäckig in der Sache, klar bis scharf in der Wortwahl. Vor allem, wenns um die Kesb geht. Keller-Inhelder ist eine rigorose Kritikerin der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde mit ihrer «uneingeschränkten Macht». Sie könnte Geschichten erzählen! Spricht die Politikerin von der Kesb, und das tut sie immer wieder, ist sie kaum zu bremsen. Sie zieht eine Broschüre «Kesb-Schutz» aus der Handtasche, sie ist Präsidentin des Vereins.

Obwaldner hält Sprechrekord im Nationalrat

Gemeinsam mit SVP-Kollege Pirmin Schwander habe sie schon viel bewirkt, die Kesb würde sich inzwischen mehr Mühe geben, ungenügende Mitarbeiter seien ausgewechselt worden. Das habe sie Kraft ihres Amtes erreicht. Und nicht, weil sie grosse Reden geschwungen habe. Am längsten von allen 200 Nationalräten hat übrigens der Obwaldner Karl Vogler (CSP) geredet: achteinhalb Stunden allein in dieser Legislatur! Über einzelne Politiker möchte sich Keller-Inhelder nicht äussern. Aber natürlich, man kenne die Vielredner, bei manchen leere sich der Saal besonders zügig.

Bei Tierschutzthemen weiche sie regelmässig von der Empfehlung der SVP ab.

Überhaupt würden sich die meisten Parlamentarier ausrechnen, wie lange die Voten dauern – und erst wieder zur Abstimmung zurückkehren. Nicht so Keller-Inhelder, sie bleibt immer an ihrem Platz, sie hört immer zu. Aus Pflicht, «weil ich gewählt wurde, um präsent zu sein», und weil sie wissbegierig sei. Denn von einzelnen Reden könne man durchaus etwas lernen. Ob sie dieses geduldige Zuhören denn schon einmal dazu bewogen habe, gegen ihre Fraktion zu stimmen? Ja, sagt sie, bei Tierschutzthemen weiche sie regelmässig von der Empfehlung der SVP ab.

Was sie enorm stört: Längst nicht jede Rede sei vom jeweiligen Nationalrat selber geschrieben worden. Manch ein flammender Vortrag stamme gar direkt aus der Feder eines Interessenvertreters. «Gruusig» findet sie das. Als fleissig gelte, wer viel rede – und wer viele Vorstösse einreiche. Noch so etwas, das sie ärgert: diese Flut von Vorstössen! Nur schon die Bearbeitung eines Vorstosses koste den Bürger 6100 Franken. Sie weiss von einem Kollegen, «nicht von der SVP», der innert zwei Jahren Kosten von über einer halben Million Franken verursacht hat.

Die SVP-Vertreterin will das System ändern

Sie nimmt einen Schluck Mineralwasser. Was sie betont haben möchte: «Seltene Redner sind keine faulen Politiker.» Sie jedenfalls sei Tag und Nacht am Schaffen, «immer ehrenamtlich». Aber sie rede nur dann, wenn es noch etwas nütze. Und sie rede nur dort, wo sie Gehör finde. Am liebsten direkt zum Volk – «SVP bi de Lüüt».

Nun aber zu ihrem Anliegen, der «Systemänderung». Die Politikerin weiss, ein System zu ändern, ist nicht einfach, schon gar nicht als «Newcomerin, als SVPlerin, als Frau». Aber: «Wir brauchen Lösungen und keine Schaukämpfe, die zu Entscheiden führen, mit denen alle unzufrieden sind.» Barbara Keller-Inhelder fordert «konsensführende Gespräche» im Vorfeld, eine vorberatende Kommission für jedes einzelne Geschäft, wie im Kantonsrat St. Gallen. Parteivertreter sollen so lange zusammensitzen, so lange debattieren, bis eine Lösung gefunden wird, mit der alle leben können. Auch wenn die Klausur Tage dauern sollte.

«Seltene Redner sind keine faulen Politiker.»

So wie das auch in ihrer eigenen, «extrem redefreudigen Familie» funktioniere. Vier Generationen leben zusammen auf dem ­Anwesen mit Sicht auf Schloss und Berge, beim Traktandum «Haus- und Gartenarbeiten» sei man sich nicht immer einig: Aber man ­raufe sich zusammen. «Lösung suchen bis gefunden» – eigentlich tönts ziemlich systemkonform, was diese gar nicht so stille Politikerin in Bern erreichen will.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.05.2018, 14:17 Uhr

Artikel zum Thema

Vogts grosser Einsatz endet mit einem Eklat und Tränen

Der SVP-Nationalrat hat sich in einem politischen Geschäft sehr engagiert. Dafür muss er nun büssen. Mehr...

«Ich kann nicht in der Schweiz Politik machen»: Guldimann tritt ab

Interview Der Nationalrat verliert den einzigen Auslandschweizer. SP-Nationalrat Tim Guldimann hat genug – nach nur zweieinhalb Jahren im Amt. Mehr...

Der Nationalrat probt den Abbau

Kommentar Bürgerliche Nationalräte wollen Bezüger von Ergänzungsleistungen bestrafen. Heuchlerischer gehts nicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Abkühlung: Der kleine Gorilla Virunga wird von seiner Mutter Nalani durch den Biopark Valencia in Spanien getragen. Virunga ist der zweite Gorilla, der im Rahmen des europäischen Artenschutzprogrammes geboren wurde. (17.August 2018)
(Bild: Manuel Bruque/EPA) Mehr...