Sie spielt mit dem Feuer

Kristen Stewart kommt mit einem Film über Jean Seberg nach Zürich. Nicht nur auf der Leinwand gibt es Parallelen zwischen den beiden.

Setzte sich wie Seberg zeitweise nach Europa ab: Kristen Stewart, 29Foto: Gareth Cattermole/Contour by Getty Images Jean Seberg mit Jean-Paul Belmondo in «A bout de souffle» Diese Augen: Kristen Stewart als Jean Seberg

Setzte sich wie Seberg zeitweise nach Europa ab: Kristen Stewart, 29Foto: Gareth Cattermole/Contour by Getty Images Jean Seberg mit Jean-Paul Belmondo in «A bout de souffle» Diese Augen: Kristen Stewart als Jean Seberg

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Die Augen. Am Schluss des Klassikers «A bout de souffle» (1960) schaut Jean Seberg als amerikanische Zeitungsverkäuferin in Paris direkt in die Kamera und fragt: «Was heisst ‹zum Kotzen›?» Sie wiederholt damit die letzten Worte ihres erschossenen Liebhabers Jean-Paul Belmondo, der vor ihr auf den Pflastersteinen liegt. Dazu fährt sie sich mit dem Daumen über die Lippen. Aber die Augen dominieren alles.

«Sie war die erste Schauspielerin, die das harte Starren der Kameralinse erwidern konnte», kommentierte einst Regisseur Mark Rappaport in einem Filmessay. Und ergänzte: «In diesem Sinn war Jean Seberg der erste moderne Filmstar.» Jetzt gibt es ihre tragische Geschichte – sie lebte von 1938 bis 1979 – als Spielfilm. In der Hauptrolle zu sehen ist Kristen Stewart, der coolste Star unsere Zeit. Auch ihre grünen Augen nehmen es trotzig mit jeder Linse auf.

Diese Augen: Kristen Stewart als Jean Seberg.

Die Leben der Schauspielerinnen weisen offensichtliche Parallelen auf: Beide sind unkonventionelle Erscheinungen in der überkonformen Welt von Hollywood. Beide wurden zu Stilikonen und nehmen – nahmen – bei gesellschaftlichen Diskussionen kein Blatt vor den Mund. Beide haben es als Amerikanerinnen geschafft, auch in Frankreich Karriere zu machen. Dies alles betont Kristen Stewart selber, wenn sie den Film «Seberg» jetzt an zahlreichen Festivals promotet. Bevor sie nächste Woche nach Zürich kommt, war sie in Venedig, Toronto, Deauville, San Sebastian. Sie ist so fleissig, weil sie weiss, dass sie mit 29 Jahren an einem Wendepunkt ihrer Karriere steht. Und nicht so enden will wie die Frau, die sie spielt.

Jean Seberg wurde mit einem Schlag berühmt, als Otto Preminger sie 1957 aus 18 000 Bewerberinnen für seinen «Jeanne d’Arc»-Film auswählte. Der aus Österreich stammende US-Regisseur hatte einen Ruf als genialer Vermarkter seiner selbst und als gnadenloser Tyrann im Umgang mit Darstellerinnen. Dabei eskalierte in seinem Film über die Märtyrerin die Szene auf dem Scheiterhaufen, bei der sich Jean Seberg tatsächlich Verbrennungen zuzog und die Narben ein Leben zu tragen hatte. Wobei sie später kommentierte: «Die Arbeit mit Preminger hat mehr Wunden hinterlassen als diejenigen auf meinem Körper.»

Preminger hatte seine Entdeckung mit einem Siebenjahresvertrag an die eigene Firma gekettet und drehte, trotz des Misserfolgs von «Saint Joan», sogleich einen weiteren Film mit ihr: «Bonjour Tristesse» nach dem Roman von Françoise Sagan. Er wurde in den USA zum Skandal, machte Seberg jedoch in Frankreich zum Star. Preminger liess seinen Schützling dann doch fallen, verschacherte Jean Seberg an andere Produktionsfirmen, «er hat mich fortgeworfen wie ein gebrauchtes Kleenex», kommentierte sie. Aber Jean-Luc Godard engagierte sie für «A bout de souffle» – und sie wurde zur Heldin der Nouvelle Vague.

Jean Seberg mit Jean-Paul Belmondo in «A bout de souffle»

Elemente dieser Karriere kennt Kristen Stewart aus eigener Erfahrung. Vor der Kamera stand sie zwar schon im Kindesalter, war mit 12 Jahren Jodie Fosters Tochter in «Panic Room» (2002). Aber ihr Jeanne-d’Arc-Moment kam, als sie 2008 die Bella Swan in den «Twilight»-Vampirfilmen wurde. Vor den Drehplätzen warteten manchmal Tausende von Teenies. Ihre Rolle, ihre Liebesbeziehung zu Mitvampir Robert Pattinson, ihre wechselnden Freunde und Freundinnen, alles wurde medial millionenfach vervielfältigt. Auch sie setzte sich dann zeitweise nach Europa ab, ist zum Beispiel die einzige Amerikanerin, die je einen César – die französische Version des Oscars – gewonnen hat.

Kristen Stewarts «Kunstfilme in den Schweizer Alpen»

«Von jetzt an mache ich nur noch Kunstfilme in den Schweizer Alpen», sagte sie der SonntagsZeitung nach der Premiere des im Engadin gedrehten Films «Sils Maria». Das war natürlich ein Witz, aber auch ein wenig ernst gemeint. Den grossen Hollywoodkisten wich sie aus, drehte lieber mit dem französischen Regisseur Olivier Assayas «Personal Shopper», einen weiteren «Kunstfilm» (einen sehr guten). Und erzählt offen, dass ihr ein Hollywood-Studioverantwortlicher geraten habe, sich nicht mit ihrer Lebenspartnerin auf der Strasse zu zeigen, wenn sie eine Hauptrolle in einem Superheldenfilm ergattern wolle. Klar spielt sie mit solchen Aussagen mit dem Feuer. Aber sie scheint die Sache besser im Griff zu haben als vor 60 Jahren Jean Seberg mit ihren Aussagen zu den Black-Panther-Revolutionären.

Nach dem Erfolg von «A bout de souffle» pendelte Seberg zwischen Europa und den USA hin und her. Sie war in kleinen Filmen zu sehen, aber auch im gigantischen Katastrophenfilm «Airport». In öffentlichen Auftritten und auch finanziell engagierte sie sich für die Black-Panther-Bewegung und geriet so ins Visier des FBI unter J. Edgar Hoover. An ihr exerzierte der Geheimdienst eine seiner grössten Abhör- und Schmutzkampagnen durch. Als Jean Seberg ihr zweites Kind erwartete, streute er das Gerücht, der Vater sei der schwarze Aktivist Hakim Jamal. Gejagt von der Öffentlichkeit, erlitt sie eine Frühgeburt, das Baby starb – auch der Leichnam der kleinen Nina wurde vielfach fotografiert. Er war weiss.

Diese Geschichte erzählt der Film «Seberg», allerdings auf erschreckend konventionelle Art. Statt sich auf die Hauptfigur zu konzentrieren, fügt er eine fiktive Person hinzu: einen Abhörspezialisten des FBI, der Gewissensbisse hat. Er und seine Familie nehmen breiten Raum ein und lenken immer vom Wesentlichen ab: von Jean Seberg, die von Kristen Stewart kongenial verkörpert wird.

Auch für Stewart geht es jetzt ums Ganze. Mit dem Remake von «Charlie’s Angels» und dem Tauchthriller «Underwater» wird sie bald wieder in zwei Hollywood-Grossproduktionen zu sehen sein. Ihre Unabhängigkeit will sie aber, wie sie bei jeder Gelegenheit betont, bewahren. Wenn sie als Jean Seberg direkt in die Kamera schaut, scheinen ihre Augen zu sagen: Ich weiss, wie das geht.

Die Galavorstellungen mit Kristen Stewart am ZFF sind ausverkauft. Der Film «Seberg» ist noch am 4. Oktober am Festival zu sehen – und ab 26. März im Kino



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Erstellt: 28.09.2019, 16:28 Uhr

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