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Sie sterben einfach

Süchtige Popstars sehnen sich nach Nüchternheit. Und verlieren ihr Leben – so wie Mac Miller.

Scheinbar clean: Mac Miller bei einem Auftritt in Los Angeles im Oktober 2017. Foto: Getty Images
Scheinbar clean: Mac Miller bei einem Auftritt in Los Angeles im Oktober 2017. Foto: Getty Images

An einer Überdosis zugrunde zu gehen, sei schlicht nicht cool. «Mit einem solchen Tod gehst du nicht in die Geschichte ein. Du stirbst einfach.» Die Person, die das vor zwei Jahren in einem Youtube-Clip sagte, ist nicht irgendein Anti-Drogenbeauftragter. Sondern sie heisst Mac Miller. Dieser weisse Rapper, der für seine Generation ein Idol war, ist seit einer Woche tot. Todesursache: höchstwahrscheinlich eine Drogenüberdosis. Er wurde 26 Jahre alt.

Mac Miller kämpfte, um nicht als Süchtiger oder als Drogentoter zu enden. Schon gar nicht wollte er Mitglied im mythischen «Club 27» werden, in dem jene Stars verewigt sind, die für immer 27-jährig bleiben werden. Die Namen der Urmitglieder – Brian Jones, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison – stehen trotz ihrer hässlichen Tode in Swimmingpools und Hotelzimmern oder Toiletten für ein Rock-’n’-Roll-Heldentum, das spätestens dann schäbig wurde, als dieser Club mit Kurt Cobain und Amy Winehouse seine bislang letzten prominenten Zugänge verzeichnen konnte. Wer das Bild von Whitney Houstons Badezimmer, das eine einzige Drogenhöhle war, je gesehen hat, weiss auch: An so einem erbärmlichen Ort will niemand enden.

«Ich gehe nicht unter, ich schwimme»

Trotz diesen Warnungen der Popgeschichte griff Mac Miller, der seine Karriere 2010 mit dem unbekümmerten Track «Kool Aid and Frozen Pizza» lancierte, zu immer stärkeren Drogen. Bald einmal tauschte der Junge aus Pittsburgh, der so rasch zum Star wurde, Marihuana gegen Lean ein, ein Mixgetränk aus Sprite und verschreibungspflichtigem, weil codeinhaltigem Hustensaft. Es ist jener violette Drink, der in so vielen heruntergespulten Raptracks der vergangenen Jahren erwähnt und glorifiziert wird. Und der in Houston kurz vor der Jahrtausendwende erstmals kultiviert wurde.

Seit diesen Jahren wurde «Sizzurp», wie Lean auch genannt wird, zu einer Droge, die den popkulturellen Zeitgeist der Gegenwart bestimmt. Und bestens passt vor dem Hintergrund der Opioid-Epidemie in den USA, die so viele Menschen dahinrafft. Man hört und sieht die Spuren des «Dirty Sprite» in den Stücken und Artworks von Rappern wie Future, der Supergruppe Migos oder jenen Musikern, die als Cloud-Rapper gelten und die wie Yung Lean ihre Drogengeschichten bereits im Namen tragen.

Dass Lean euphorisierend wirken soll, hört man dieser betäubten Musik nicht an. Denn hier gibt es nichts zu feiern wie bei jungen Psychedelikern, die dafür sorgten, dass LSD salonfähig geworden ist. Sondern es geht ums Durchhalten, ums Überleben, auch wenn man danach in jeder Hinsicht bank­rott ist.

Die Sucht schien überwunden

Über seinen Lean-Konsum berichtet auch der stets freundliche Mac Miller, beispielsweise dann, wenn er erzählt, wie er mit einem Becher voller Codein herumspaziert. Es war eine dunkle Phase seiner Musik, die während seiner Karriere zwischen den Rapspielarten hin und her wechselte, und die wieder heller wurde, als er nüchtern, ja, schon fast clean wirkte.

Auf seinem aktuellen Album «Swimming», das im August veröffentlicht wurde, fand Mac Miller gar zu einer schwerelosen Musik. Die Sucht schien überwunden zu sein, und Mac Miller, der in diesen Songs auch das Ende seiner Beziehung zu Ariana Grande verarbeiten musste, schien geläutert. «Ich gehe nicht unter, ich schwimme», sang er an einer Stelle. Ganz so, als wolle er nicht mehr im Nebel der Drogen festhängen. Und wie eine Mahnung an ihn selbst war «Don’t Trip» auf einer Baseball-Kappe zu lesen, die er bei einem seiner letzten Auftritte getragen hat. Es sind Worte, die von einer Sehnsucht nach Nüchternheit und einer Angst vor dem Rückfall gelesen werden können, die gegenwärtig auch Rap-ferne Popstars umtreibt.

Demi Lovatos Hilferuf vor der Überdosis

Eine von ihnen ist Demi Lovato, die ihre Sucht ähnlich wie Mac Miller nicht verherrlicht, sondern als Krankheit begreift. Vor einem Jahr hielt sie diese nach zahlreichen Entziehungskuren für besiegt. In einem offenherzigen Film berichtete der ehemalige Disney-Club-Star, wie sie sich schäme, wenn sie an die Person zurückdenke, die sie damals war.

Im Frühling folgte der Rückfall. Und im Juni gestand Lovato im Song «Sober»: «Momma, I’m so sorry, I’m not sober anymore», denn sie sei noch nicht bereit für die Nüchternheit. Meilenweit ist dieser tränenrührende Song entfernt von Amy Winehouses trotziger «No, no, no»-Weigerung, nicht mehr in die «Rehab» zu gehen. «Sober» war vielmehr ein Hilferuf einer Person, die mit 17 erstmals Kokain probierte und seit früher Jugend Unmengen an Alkohol vernichtete. Und in der Öffentlichkeit die Fassade des perfekten US-Girls aufrechterhalten musste.

Einen Monat nach der Veröffentlichung von «Sober» überlebte die 26-Jährige eine Überdosis denkbar knapp. Auf Instagram schrieb sie im August: «I will keep fighting». Es war jener Tag, an dem Mac Millers «Swimming» erschienen ist. Jenes Album, das von einem neuen Leben zeugt. Ein Leben, das nun einfach zu Ende ist.

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