Sie lösen die beinahe unlösbaren Fälle

Wissen Ärzte nicht mehr weiter, übernimmt das Genetikzentrum in Schlieren. Was die Diagnose einer seltenen Krankheit für eine Familie heissen kann.

«Uns ist ein grosser Schritt gelungen»: Biologin Caroline Henggeler und Gabor Matyas, Spezialist für medizinische Genetik. Foto. Michele Limina

«Uns ist ein grosser Schritt gelungen»: Biologin Caroline Henggeler und Gabor Matyas, Spezialist für medizinische Genetik. Foto. Michele Limina

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Völlig unerwartet verstarb mit erst 34 Jahren der jüngste Sohn der Familie Schmid* aus Zürich. Der Befund: Aortendissektion. Die Hauptschlagader riss, Blut strömte in den Bauchraum, der junge, vermeintlich gesunde Mann verblutete. Ein Schock. Die Ärzte am Universitätsspital Zürich tippten auf die Erbkrankheit Marfan-Syndrom. Durch einen genetischen Fehler wird das Bindegewebe instabil. Doch Beweise fehlten. Damals, 1999, steckte die medizinische Genetik zur Erkennung von Erbkrankheiten noch in den Kinderschuhen.

Drei Jahre später schlug das Schicksal erneut zu. Der älteste Sohn der Familie Schmid erlitt ebenfalls eine Aortendissektion. Der 43-Jährige schaffte es allerdings rechtzeitig ins Spital und überlebte. Familie Schmid war aber verunsichert. Wen trifft es noch? Weitere der insgesamt fünf Brüder? Deren Kinder? Und vor allem: Was sind die Gründe für die Risse in der Hauptschlagader?

Im Fernsehen wäre das ein ­typischer Fall für Dr. House. Der findige Arzt behandelt in der gleichnamigen amerikanischen TV-Serie Patienten, deren Krankengeschichten mysteriös scheinen. Anders in der Schweiz. Nicht ein Zyniker wie Gregory House, der oft beim Biss in einen Apfel den rettenden Einfall hat, sucht hierzulande nach der Ursache, sondern Gabor Matyas. Er ist Spezialist für medizinische Genetik, Privatdozent an der Universität Zürich und Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Genetik und Gendiagnostik. Sein Arbeitsort: ein Labor im ersten Stock eines Industriegebäudes in Schlieren bei Zürich.

Das Genetikzentrum ist schweizweit das einzige, das sich auf die molekulare Gendiagnostik und die Erforschung genetisch bedingter seltener Aortenkrankheiten spezialisiert hat. Tage, Wochen und manchmal auch Jahre beugt sich Matyas über das menschliche Erbgut. Im Datensatz des Lebens suchen er und sein Team den Fehler im genetischen Code, der die Menschen krank macht.

Erst von der Hälfte der Gene kennt man die Funktion

Dr. Matyas hat mit Dr. House wenig gemein. Matyas ist ein zurückhaltender, analytischer Denker, der in der Genetik seine Passion gefunden hat. «Mich fasziniert, dass ich Fragen beantworten kann, auf die sonst niemand eine Antwort hat», sagt er.

Zwischen einem halben und einem Jahr braucht Matyas gewöhnlich, um einen Fall zu knacken. Diese Gründlichkeit hat ihren Preis. Während Lifestyle-Gentests im Internet schon für 100 Franken zu haben sind, kosten die Auswertungen am Genetikzentrum durchschnittlich 16'000 Franken. Davon übernehmen die Krankenkassen gerade mal 6000 Franken, wenn überhaupt. Der Rest wird über die gemeinnützige und auf Spenden angewiesene Stiftung für Menschen mit seltenen Krankheiten finanziert, die hinter dem Genetikzentrum steht.

Caroline Henggeler, Biologin und stellvertretende Geschäftsführerin des Genetikzentrums, kritisiert diese Situation. «Nur dank Spenden ist es möglich, diese Lücke im Gesundheitswesen zu schliessen. Das ist bedenklich», sagt sie. Dabei würde bei seltenen Krankheiten oftmals einzig ein Gentest eine Diagnose und dadurch eine Therapie ermöglichen. «Natürlich kein Schnelltest aus dem Internet», sagt Henggeler. «Diese Resultate sind vergleichbar mit einem Horoskop.»

DNA-Analyse einer seltenen Krankheit im Genetikzentrum Schlieren. Fotos: Michele Limina

Im Genetikzentrum schauen sich die Spezialisten das gesamte Erbgut, oder Genom, an. Henggeler erklärt es so: «In einer Bibliothek mit etwa 25'000 Büchern, die zusammengenommen aus drei Milliarden Buchstaben bestehen, suchen wir den entscheidenden Tippfehler.» Ein Buchstabe zu viel, einer zu wenig oder zwei in falscher Reihenfolge reichen, um unheilbar krank zu sein. Die Herausforderung bei der Suche nach der Nadel im Heuhaufen ist nicht nur die Datenmenge, sondern, dass die «Bücher» teilweise auch in einer Sprache verfasst sind, die bis jetzt noch kein Mensch ganz versteht. Denn von den 25'000 «Büchern», den Genen, kennt die Wissenschaft erst von der Hälfte die Funktion.

Gabor Matyas und sein Team lassen sich aber nicht so schnell entmutigen. Zwischen 150 und 200 Fälle schauen sie sich pro Jahr an. Legen sie auch mal wieder zur Seite und vertiefen sich erneut darin. Bei Familie Schmid hatte ­Matyas 2008 den Durchbruch. Neun Jahre nach dem Tod des jüngsten Bruders konnte er das betroffene Gen entschlüsseln. Neue Technologien ermöglichten ihm, die von den Brüdern entnommenen und gefrorenen Gewebeproben zu analysieren und endlich eine Diagnose zu geben: vaskuläres Ehlers-Danlos-Syndrom, kurz vEDS. Eine genetisch bedingte Bindegewebskrankheit.

Diagnose war Erleichterung und Belastung zugleich

Das Gen COL3A1 ist in der Familie Schmid nicht vollständig vorhanden. Dadurch haben die Betroffenen häufig überbewegliche Gelenke, durchscheinende Haut, erhöhte Anfälligkeit für blaue Flecken und innere Organe oder grosse Blutgefässe, die reissen oder platzen können. Vaskuläres EDS ist eine seltene Krankheit. Das heisst: Höchstens fünf von 10'000 Menschen sind betroffen.

Für die Familie Schmid war die Diagnose Erleichterung und Belastung zugleich. Nach Jahren der Ratlosigkeit hatten sie zwar einen Befund, doch sie standen auch vor der Frage: Wie gehen wir mit dem Wissen um? Die Wahrscheinlichkeit, vEDS an die nächste Generation weiterzugeben beträgt 50 Prozent. Da Mutter Schmid und vier ihrer fünf Söhne an der Bindegewebskrankheit litten, war klar, dass wohl auch einige Nachkommen betroffen sind.

Nur: Behandlungsmöglichkeiten oder sogar Heilungschancen gab es vor über zehn Jahren nicht. Die Ärzte konnten lediglich zur Vorsicht raten: aufs Gewicht achten, Stress vermeiden, Blutdruck tief halten, nicht rauchen und vor allem keine Sportarten mit erhöhtem Risiko für Schläge oder Stürze ausüben. Also weder Fussball oder Eishockey spielen noch Kampfsportarten betreiben.

«Wollen wir unsere Kinder testen lassen oder nicht?»

Anna Schmid, die Ehefrau des ältesten Bruders, sagt: «Wir hatten nicht mehr mit einer Diagnose gerechnet und waren dadurch erstmals ziemlich vor den Kopf gestossen.» Insbesondere musste jede Familie für sich einen Weg finden, wie sie damit umgehen will. «Wollen wir unsere Kinder testen lassen oder nicht?» Das sei kein leicht zu fällen­der Entscheid. Die Söhne von Anna Schmid und ihrem Mann waren damals im Teenageralter, die Tochter bereits 18 Jahre alt. «Zwar wollten wir Gewissheit haben, doch den Kindern auch die Unbeschwertheit nicht nehmen.» Sie entschieden sich für den Test. Zwei der drei Kinder erhielten ein positives Resultat. Doch bis heute haben längst nicht alle Familienmitglieder diesen Schritt gemacht. Anna Schmid kann dies auch verstehen. «Es gibt auch ein Recht auf Nichtwissen», sagt sie.

Nur ein Jahr nach der Diagnose brach ihr Mann im Alter von 51 Jahren während der Arbeit zusammen. Eine Arterie im Schulterbereich riss. Ungehindert strömte das Blut in den oberen Brustkorb. Er verblutete noch auf dem Weg ins Spital. Zwei Tage davor hatte er noch mit Gabor Matyas Kontakt gehabt. Der Genetiker und sein Team hatten vor, eine wirksame Therapie für vEDS-Betroffene zu erforschen. «Er wollte sich versichern, dass wir das Projekt auch wirklich durchführen», sagt Matyas.

Die Forscher am Genetikzentrum hielten Wort. Anfang April publizierten sie ihre Forschungsresultate in der Fachzeitschrift «Cardiovascular Research». «Wir freuen uns sehr darüber. Uns ist ein grosser Schritt gelungen», sagt ­Matyas. Das Team konnte mit ausgeklügel­ten Experimenten zeigen, warum ein vor knapp zehn Jahren erstmals bei Patienten getesteter Therapieansatz tatsächlich wirksam ist.

Auch Kinder den Betablocker Celiprolol einnehmen

In ihren Experimenten haben die Genetiker um Matyas herausgefunden, dass der seit langem erhältliche Betablocker Celiprolol nicht nur den Blutdruck tief hält, sondern auch die Stabilität der Blutgefässe stärkt. Das heisst: Durch die Einnahme von Celiprolol reissen oder platzen beispielsweise die Aorta oder andere grosse Arterien deutlich seltener.

Dies war laut Matyas nach der Patientenstudie mit Celiprolol aus dem Jahr 2010 noch nicht klar. Forscher und Ärzte rätselten damals, ob der Effekt allein auf die Blutdrucksenkung oder auf einen zusätzlichen Mechanismus zurückzuführen ist. Ob mit einer Celiprolol-Therapie auch die Lebenserwartung von vEDS-Betroffenen steigt, muss sich aber erst weisen. Heute liegt sie bei etwa 50 Jahren.

Rund 100 Franken kostet eine Packung Celiprolol à 100 Stück. «Ein relativ günstiges Medikament hat somit für mehrere Hunderttausend Betroffene weltweit eine grosse Wirkung», sagt Caroline Henggeler. Positiv sei insbesondere, dass auch Kinder den Betablocker einnehmen können. Denn je früher man mit der Therapie beginne, desto besser sei das Resultat. Nun müsse diese Information nur noch bis zu den behandelnden Ärzten durchdringen.

Neue Einsatzgebiete für bestehende Medikamente

Motiviert durch den wissenschaftlichen Erfolg will das Genetikzentrum weiter an neuen Therapieansätzen für seltene Krankheiten forschen. «Anders als die grossen Pharmafirmen, die neue Wirkstoffe zu exorbitanten Preisen entwickeln, suchen wir bei existierenden Medikamenten nach neuen möglichen Einsatzgebieten», sagt Henggeler. «Uns geht es nicht darum, mit neuen Arzneien Millionen zu verdienen, sondern Menschen mit seltenen Krankheiten zu helfen.»

Anna Schmid freuen die neuen Erkenntnisse: «Nun können wir etwas gegen die Krankheit unternehmen. Das ist toll.» Sie hatte das Forschungsprojekt auch finanziell unterstützt, ganz im Sinne ihres verstorbenen Mannes. «Er hatte oft ein schlechtes Gewissen, dass er die Krankheit an zwei seiner drei Kinder vererbt hat.»

Doch trotz Verlust von Mann und Vater sowie der Angst, dass den Kindern mit vEDS immer etwas passieren kann, hat Anna Schmid einen Weg gefunden, mit der Krankheit zu leben: «Wir haben uns nicht davon vereinnahmen lassen und leben den Alltag heute viel bewusster.»



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.05.2019, 11:06 Uhr

Artikel zum Thema

«Kommerzielle Gentests stehen auf sehr dünnen Beinen»

Immer mehr Leute lassen ihr Erbgut übers Internet analysieren. Doch aus ihren Ergebnissen lassen sich schnell falsche Schlüsse ziehen. Mehr...

Justizministerin Keller-Sutter will DNA-Fahndung ausweiten

Die Polizei soll in Zukunft auch Haut-, Haar- und Augenfarbe von Verdächtigen ermitteln dürfen. Mehr...

Unheimliche Parallelen bei zwei Mordfällen

Der Mörder, der 2010 eine Zürcher Psychonanalytikerin getötet hat, wird noch immer gesucht. 5 Jahre später – auf den Tag genau – entdeckte die Polizei seine DNA-Spuren an einem weiteren Tatort. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Oh, Olive!
Tingler Der Zauber der Deduktion
Geldblog Bell leidet wegen Schweinepest

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Schlamm drüber: Ein Goalie versucht einen Penalty beim Schlamm-Faustballturnier in Pogy, das 60 Kilometer hinter St. Petersburg liegt, zu halten (22. Juni 2019).
(Bild: Dmitri Lovetsky) Mehr...