«Roche hat Zugriff auf die Daten von 1,5 Millionen Patienten»

Roche-Präsident Christoph Franz über die Chancen der Digitalisierung, extrem teure Medikamente und den erwarteten Durchbruch in der Alzheimerforschung.

«In den nächsten Jahren wird man ein Medikament gegen Alzheimer finden»: Roche-Präsident Christoph Franz beim Gespräch in Davos. Bild: Marcel Giger

«In den nächsten Jahren wird man ein Medikament gegen Alzheimer finden»: Roche-Präsident Christoph Franz beim Gespräch in Davos. Bild: Marcel Giger

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Pharmafirmen haben ein Imageproblem. Es gibt Schlagzeilen über extrem teure neue Medikamente und hohe Löhne im Topmanagement. Inzwischen haben sie in dieser Disziplin sogar die Banken überholt. Sind Sie trotzdem stolz darauf, Präsident von Roche zu sein?
Natürlich. Und ich sage Ihnen auch, warum: Vor zehn Jahren starb mein Vater an Blasenkrebs. Er wollte sich nicht mehr behandeln lassen, weil die damaligen Medikamente sehr starke Nebenwirkungen hatten und nicht viel nützten. Während 30 Jahren gab es keine neuen Medikamente gegen Blasenkrebs. Zehn Jahre nach dem Tod meines Vaters gibt es eine neue Therapie von Roche, die wirklich hilft. Glauben Sie mir, wir sind extrem motiviert, neue Medikamente zu finden, die den Menschen helfen.

Die Digitalisierung führt in allen Branchen dazu, dass Produkte günstiger werden. Warum gilt das nicht für Medikamente? Die werden immer teurer.
Der Anteil der Medikamente an den Gesundheitskosten ist seit Jahren stabil oder sinkt leicht. Sie müssen die Preise von einzelnen Mitteln von den Gesamtkosten für Medikamente unterscheiden. Neben neuen Medikamenten, die auf den Markt kommen, verlieren ältere Mittel den Patentschutz und werden infolgedessen viel günstiger. Das schafft finanziellen Spielraum, um neue, innovative Mittel zu bezahlen. Zudem können wir in fast allen Ländern die Preise für unsere Mittel nicht nach Gutdünken festsetzen, da gibt es harte Verhandlungen mit den zuständigen Behörden.

Dann finden Sie es normal, dass neuerdings zum Teil mehrere Millionen für neue Therapien verlangt werden?
Nein. Diese Preisvorstellungen, die jüngst Schlagzeilen gemacht haben, sind keine Realität und wären wahrscheinlich jenseits des Zumutbaren. Wir müssen aber auch differenzieren, ob es um Mittel geht, die für ganz wenige Patienten sind, oder solche, von denen viele Menschen profitieren können. Der Wert des Medikaments hängt am Ende vor allem davon ab, welchen Zusatznutzen ein neues Mittel bietet.

Alle grossen Pharmakonzerne sehen in der Digitalisierung einen Weg, Forschung und Entwicklung zu beschleunigen und damit Geld zu sparen. Profitieren am Ende nur die Aktionäre davon?
Ich halte es für wenig sinnvoll, den Aufwand für Forschung und Entwicklung direkt in Preise übersetzen zu wollen. Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen, das lange und erfolglos geforscht hat und das dann eine Zulassung für einen neuen Wirkstoff bekommt, beim Preis seiner Neuentwicklung die Kosten der früheren Fehlschläge draufschlagen kann. Jedes Mittel muss für sich gepreist werden, und dieser Preis wiederum hängt vom Zusatznutzen ab, den das Mittel bietet. Es ist unser Problem, die Forschungskosten im Griff zu behalten, nicht das der Zulassungsbehörden oder der Patienten.

Aber Sie sehen schon auch das Problem, dass die Gesundheitskosten nicht einfach immer weiter steigen können?
Es ist klar, dass wir den Anstieg der Gesundheitskosten insgesamt im Griff behalten müssen. Aber ich habe ja auch klargemacht, dass die Medikamentenpreise hierbei nicht das Problem sind. Gerade in der Schweiz ist der Anteil der Medikamentenausgaben stabil bis leicht sinkend.

Hierbei werden aber nur die direkten Abgaben betrachtet, nicht aber die Medikamentenausgaben, welche Krankenhäuser tätigen.
Das Bundesamt für Statistik erfasst seit vergangenem Jahr auch die Mittel, welche Krankenhäuser abgeben. Und so gerechnet, haben die Ausgaben für Medikamente einen Anteil an den Gesundheitsausgaben von rund 13 Prozent.

Mag sein. Doch neue, hochwirksame Mittel bei seltenen Krankheiten sind extrem teuer. Man spricht von Millionenbeträgen für eine Behandlung. Das geht doch nicht.
In gewissen Fällen mag es da teuer werden. Aber ich glaube nicht, dass das für die Gesundheitsausgaben insgesamt ein Problem ist. Hier geht es in der Regel um wenige Patienten, die aber einen sehr hohen Nutzen von diesen neuen Mitteln haben, sie werden nämlich geheilt, anstatt dass sie weiter leiden müssen oder gar sterben. Wir haben ein Medikament für eine seltene Krankheit, die spi­nale Muskelatrophie (Muskelschwund). Wenn die Forschungsergebnisse weiter positiv sind und wir eine Zulassung für dieses neue Mittel gegen diese seltene Erkrankung erhalten würden, dann werden wir das zu einem Preis auf den Markt bringen, der tragbar sein wird. Sie müssen in der Debatte aber immer beachten, dass Patientinnen und Patienten mit solchen seltenen Erkrankungen heute sehr aufwendig gepflegt werden müssen. Und diese Pflege ist sehr teuer. Die neuen Mittel können helfen, diesen Aufwand zum Teil deutlich zu reduzieren.

«Für Roche ist es das Entscheidende, dass wir den Zugang zum grössten Exportmarkt aufrechterhalten. Ich plädiere dafür, dass die Schweiz den Rahmenvertrag mit der EU unterschreibt.»

Läuft das aber am Ende nicht auf eine Zweiklassengesellschaft hinaus? Nicht alle Menschen werden sich diese neuen Mittel leisten können.
Wir haben zumindest in der Schweiz die glückliche Situation, dass alle Menschen Zugang zu Innovationen bekommen. Ja, die Gesundheitsausgaben steigen. Aber wir bei Roche sehen unsere Rolle darin, zur Lösung des Problems beizutragen. Nehmen Sie unser Mittel Hemlibra gegen die Bluterkrankheit. Hemlibra führt dazu, dass die Behandlungskosten pro Patient halbiert werden können.

Was muss denn von Ihnen aus geschehen, dass mehr solche Medikamente auf den Markt kommen und die Gesundheitskosten sinken?
Wir brauchen mehr und genauere Medikamente. Wir versuchen, die richtigen Medikamente zur richtigen Zeit zum richtigen Patienten zu bringen. Wir sind da Pioniere. Nicht erst seit der Digitalisierung, sondern seit gut einem Jahrzehnt. Wir versuchen, jene Patienten zu identifizieren, von denen wir annehmen, dass unsere Medikamente sehr gut wirken.

Wie das?
Wir gehen da ganz neue Wege. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wir haben letztes Jahr ein Patent für ein Medikament erworben, das eine spezifische seltene Form von Lungenkrebs therapiert. Nun geht es darum, die Patienten zu finden, bei denen das Mittel am besten wirkt. Da hilft uns Foundation Medicine, eine Firma, die wir ebenfalls kürzlich erworben haben. Sie erstellt mit DNA-Sequenzierung genaue Krankheitsprofile, die zeigen, welches Medikament wo am besten wirkt. Das tönt alles sehr kompliziert, ist aber eine grosse Erleichterung für den Arzt.

Warum?
Ein Arzt muss sich heute entscheiden, ob er Patienten behandeln oder die neusten Berichte zur Krebsforschung lesen will. Zum Glück entscheiden sich die meisten für das erste, aber schliesslich wollen wir alle mit den neusten Medikamenten behandelt werden. Darum sind klinische Entscheidungshilfen für die Ärzte sehr nützlich. Wir hingegen wollen mehr von den Erkenntnissen der Ärzte profitieren.

Wie das?
Indem wir vermehrt mit sogenannten realen Daten arbeiten, also den Informationen aus der klinischen Praxis. Teilweise sind die heute nicht einmal digitalisiert, sondern auf Papier notiert als Patientennotizen. Wir wissen heute viel über Patienten, die an einem Versuch teilgenommen haben. Aber das sind nur 4 Prozent aller Patienten. 96 Prozent wurden nie erfasst. Nun haben wir dank dem Kauf der Firma Flatiron Health Zugriff auf die Daten von 1,5 Millionen Patienten sowie 260 Therapiezentren, was völlig neue Perspektiven eröffnet.

Ein riesiger Papierberg. Was machen Sie damit?
Flatiron Health beschäftigt Hunderte von Ärzten und anderen Spezialisten, die in mühsamer Kleinarbeit die oft sehr schwer lesbaren Patientennotizen in eine Form bringen, die dann digitalisiert auswertbar wird.

Und was bringt das?
Wir können teilweise die Kontrollgruppen simulieren, also jene Gruppe in einem Versuch, die sonst ein Placebo erhält oder ein älteres, bereits zugelassenes Medikament. Das beschleunigt die klinischen Versuche und löst das ethische Problem, dass wir Leuten Placebos oder ältere Medikamente geben müssen, von denen wir annehmen, dass sie schlechter sind als die neuen.

Sie haben bisher ausschliesslich Daten von amerikanischen Patienten. Wie läuft die Kooperation mit den Schweizer Spitälern? Ich musste mich jüngst einer OP unterziehen. Dabei musste ich unterschreiben, dass meine Daten der Forschung zur Verfügung gestellt werden dürfen. Kann Roche so etwas auswerten? 
Das kommt darauf an. Sollten wir mit dem betreffenden Spital eine Kooperation haben, ist das möglich, aber natürlich nur in anonymisierter Form.

Neben der Krebsforschung hat Roche auch angekündigt, ein Alzheimermittel auf den Markt zu bringen. Wo stehen Sie da?
Wir haben zwei Medikamente in der letzten Testphase. Ob die erfolgreich sind, wissen wir noch nicht. Aber sicher ist, dass wir viele Erkenntnisse gewonnen haben und weiter gewinnen.

Glauben Sie an einen Durchbruch der Forschung?
Ja, man wird in den nächsten Jahren etwas finden. Das liegt zum Teil daran, dass man heute Alzheimer diagnostizieren kann. Somit wissen wir bei einem Versuch endlich, ob die Probanden wirklich an Alzheimer erkrankt sind oder ob sie an einer anderen Form von Demenz leiden.

Als Verwaltungsratspräsident von Roche ist es Ihre wichtigste Aufgabe, das beste Führungspersonal für Roche zu finden. Doch zuletzt häuften sich die Abgänge in der Geschäftsleitung: Der Pharmachef, der Diagnostikchef und der Forschungschef, sie sind alle weg. Beunruhigt Sie das nicht?
Jede Personalie hatte ihre eigenen, individuellen Gründe. Auf der anderen Seite ist es uns gelungen, dass wir jede Vakanz mit eigenen hervorragenden Leuten füllen konnten. Der neue Pharmachef, der neue Diagnostikchef und der neue Forschungschef stammen alle aus dem Haus.

Allerdings fällt auf, dass es sowohl bei Roche als auch bei Novartis immer weniger Schweizer in Top-Positionen gibt. Wie kommt das?
In den vergangenen 15 Jahren sind wir globaler geworden, und entsprechend wird das Führungspersonal internationaler. Zudem betrachten wir bei Stellenbesetzungen immer die Einzelperson. Und der Pass ist dabei nicht das entscheidende Kriterium. Aber jedes Unternehmen hat natürlich seine Identität und seine Wurzeln. Daher ist es mir wichtig, dass unsere Schweizer Wurzeln in Geschäftsleitung und Verwaltungsrat erkennbar bleiben.

Die Stimmenmehrheit wird von den Familien Oeri und Hoffmann kontrolliert. Doch zeichnen sich bei den Familienvertretern Veränderungen ab: Andreas Oeri soll 2020 von seinem Neffen Jörg Duschmalé abgelöst werden. Wie steht es denn um die Nachfolge von André Hoffmann?
Über diese Nachfolge wird die Familie Hoffmann sicher zu gegebener Zeit entscheiden.

Auch abseits der Gründerfamilien ist Ihr Aktionariat sehr schweizerisch. Novartis hält immer noch 30 Prozent des Kapitals. Bei der eben angesprochenen Digitalisierung, ist da eine Zusammenarbeit beider Konzerne vorstellbar?
Wir arbeiten mit allen möglichen Partnern zusammen, wenn es gemeinsame Interessen gibt. Wir haben keine Berührungsängste, nur weil andere Konzerne in den gleichen Therapiegebieten wie wir aktiv sind. Wir glauben auch nicht, dass wir allein über alles Wissen verfügen.

Gibt es da Kontakte zu Novartis?
Auf allen Ebenen gibt es eine Fülle von Kontakten. Alles andere wäre überraschend bei zwei erfolgreichen Pharmakonzernen, die noch dazu in derselben Stadt sind.

Am Ende eine politische Frage: Derzeit läuft die Konsultation zum Rahmenabkommen mit der EU. Wie ist Ihre Position? Unterschreiben oder nicht?
Für Roche ist es das Entscheidende, dass wir als Wirtschaft in der Schweiz den Zugang zu unserem grössten Exportmarkt, der EU, uneingeschränkt aufrechterhalten. Und dieses Ziel kann mit dem Unterzeichnen des Rahmenabkommens erreicht werden. Ich bin skeptisch, dass seitens der EU noch grösserer Nachverhandlungsspielraum besteht. Daher plädiere ich dafür, dass die Schweiz den Vertrag unterschreibt.

* Dieses Interview erschien am 27. Januar 2019 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 28.01.2019, 14:35 Uhr

Karriere in der Luftfahrt

Der Frankfurter Christoph Franz, 58, ist seit 2014 Präsident von Roche. Zuvor war er in der Flugbranche tätig. Im Juli 2004 wurde er CEO der Swiss und führte die angeschlagene Fluggesellschaft zum Erfolg. Am 1. Januar 2011 wurde er Konzernchef der Lufthansa. Nach seinem Studium als Wirtschaftsingenieur begann er seine Karriere bei der Lufthansa, danach war er neun Jahre bei der Deutschen Bahn. Er ist mit einer Französin verheiratet und Vater von fünf Kindern.

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