Sika-Familie erzwang Aufpreis von 500 Millionen Franken

Die Burkards wollten den Verkauf ihrer Aktien verhindern. Sika zahlte viel Geld – zum Nachteil der Aktionäre.

Familiensprecher Urs Burkard an der Generalversammlung 2017 in Baar ZG. Foto: Arnd Wiegmann/Reuters

Familiensprecher Urs Burkard an der Generalversammlung 2017 in Baar ZG. Foto: Arnd Wiegmann/Reuters

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Drohschriften, Klageankündigungen und viele Gehässigkeiten: die Schlussphase im Sika-Streit strapazierte die Nerven der Beteiligten. Als der «Tages-Anzeiger» im November 2017 enthüllte, der französische Industriekonzern Saint-Gobain überlege sich, die Aktien der Erbenfamilie Burkard auch ohne volle Stimmrechte zu übernehmen, läuteten bei dieser die Alarmglocken. Denn sie erachtete einen solchen Verkauf als Bruch des im Dezember 2014 abgeschlossenen Vertrags: Sie suchte in Saint-Gobain einen industriellen Ankeraktionär – und nicht einen Finanzinvestor.

Dem Vernehmen nach teilte der Anwalt der Familie, Urs Schenker, Saint-Gobain damals mit, ein Verkauf des Aktienpakets ohne volle Stimmrechte komme nicht infrage. Ein Sprecher der Familie Burkard wies darauf hin, «dass ein derartiger Vollzug, bei dem nicht die Stimmenmehrheit an Saint-Gobain übergeht, der Grundlage des Kaufvertrages widerspricht.» Daher werde es dazu nicht kommen.

Nur mit Geld war eine Lösung möglich

Doch das war eine Fehlinterpretation. Denn im Vertrag steht, dass Saint-Gobain den Kauf auch ohne die angestrebte Kontrollmehrheit vollziehen kann. Und die Familie täuschte sich. Denn im April riss der Geduldsfaden bei Pierre-An­dré de Chalendar, dem Präsidenten und Konzernchef von Saint-Gobain. Er wollte den Sika-Streit endlich beenden und begann mit der Umsetzung des «Plan B».

Video: «Es gibt keine Verlierer»

Verwaltungsratspräsident Paul Hälg nimm Stellung. Video: SDA/Nicolas Fäs

Ende April ging Finanzchef Guillaume Texier auf die Familie Burkard zu, mit dem Vorschlag, ihr die vereinbarten 2,75 Milliarden Franken zu überweisen, aber auf die vollen Stimmrechte zu verzichten. Doch die Familie legte sich quer. Ihr Anwalt Urs Schenker drohte damit, die Aktien würden nicht herausgegeben, weil die Burkards davon ausgegangen seien, dass Saint-Gobain Sika mit vollen Stimmrechten übernimmt. Er hatte es aber verpasst, diese Bedingung im Kaufvertrag festzulegen. Daher begründete er seine Drohung mit einem «Grundlagenirrtum». Es wäre der Auftakt zur nächsten Prozesswelle gewesen. Saint-Gobain hätte die Burkards einklagen müssen, um gerichtlich durchzusetzen, dass sie ihnen die Aktien aushändigen. Bei Saint-Gobain und auch beim Sika-Verwaltungsrat, mit dem die Franzosen gleichzeitig in vertraulichen Gesprächen über eine mögliche Einigung waren, reagierte man alarmiert. Denn die gesuchte Lösung war gefährdet. Das hätte statt dem Ende des längsten Übernahmekrimis der Schweiz einen weiteren, jahrelangen Rechtsstreit ausgelöst.

Die Drohungen von Urs Schenker wirkten. Pierre-André de Chalendar und Sika-Verwaltungsratspräsident Paul Hälg sahen nur eine Möglichkeit, eine schnelle Lösung zu finden und die Blockade abzuwenden. In Gesprächen mit den Burkards einigten sich Saint-Gobain und Sika auf eine Zahlung von knapp einer halben Milliarde Franken. Das war der Durchbruch für die nun am Freitag verkündete Lösung.

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Sika: Drei Gewinner und ein bitterer Nachgeschmack. Video: Tamedia/Nicolas Fäs

Die Burkards erreichten, dass sie statt der ursprünglich vereinbarten Kaufsumme von 2,75 neu 3,22 Milliarden Franken erhalten. Das entspricht dem Kurswert ihres Aktienpakets Anfang Mai. Das zusätzliche Geld für die Burkards stammt aus der Sika-Kasse. Den Nachteil haben also die Aktionäre des Unternehmens.

Insgesamt kostet die Einigungslösung Sika geschätzt 4 bis 5 Milliarden Franken. Mit der Zahlung der ersten Tranche von 2,08 Milliarden an Saint-Gobain in der Nacht auf Freitag verwandelte sich der Netto-Bargeldbestand in eine Nettoverschuldung von 2,1 mal dem Betriebsgewinn vor Zinsen und Steuern.

Das gute Finanzrating von Sika von «A-» sei deswegen nicht gefährdet, ist man beim Unternehmen überzeugt. Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat offenbar zu erkennen gegeben, dass sie ihre Bewertung beibehält. Denn Sika hat einen der höchsten Geldflüsse unter den Schweizer Unternehmen und glaubt, die Nettoverschuldung in wenigen Jahren abbauen zu können.

Fast wäre die am Freitag verkündete Lösung jedoch im allerletzten Moment gescheitert. Denn die Parteien mussten vor Vertragsunterzeichnung die Transaktion von den Steuerbehörden absegnen lassen. Ein komplexer Prozess: Der Deal musste auf die Steuergesetzgebung des Bundes und der drei Wohnortkantone der fünf Sika-Erben abgestimmt werden. Die erste von Familienanwalt Schenker dem Bund vorgelegte Struktur des Deals hätte mehrere hundert Millionen Franken Steuern zur Folge gehabt. Das wollte die Familie nicht akzeptieren. Die Sitzung mit den Steuerbehörden wurde abrupt abgebrochen.

Die Anwälte der Familie gingen über die Bücher. Beim zweiten Treffen wenige Tage später unterbreiteten Steuerexperten von Schenkers Anwaltskanzlei Walder Wyss den Behörden eine neue Variante. Diesmal klappte es. Die Folge: Die Familie muss für den Verkauf ihres Erbes nur 10 Millionen Franken Steuern zahlen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.05.2018, 20:13 Uhr

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Was Sika herstellt

Der Bauchemiekonzern aus Baar ZG beliefert vor allem die Baubranche, aber auch die Industrie. Zu den Produkten gehören Zusatzmittel, die Beton, Zement und Mörtel eine bestimmte Eigenschaft verleihen, etwa Elastizität oder Härte. Das Unternehmen stellt auch Dicht- und Klebstoffe, Wasserabdichtungssysteme und Flachdachabdichtungen her. Im Industriebereich ist Sika mit Klebstoffen in jedem zweiten Auto vertreten. (pbu)

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