Sind da wirklich einfach nur die Eltern schuld?

Schon elfjährige Kinder leiden an einem Burn-out. Höchste Zeit, dass auch die Politik zu ihrer Verantwortung steht.

Viele Schüler sind überfordert: Der Unterricht ist anspruchsvoller geworden.

Viele Schüler sind überfordert: Der Unterricht ist anspruchsvoller geworden. Bild: Keystone

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Wie kann es sein, dass Kinder schon mit elf Jahren «ausbrennen» oder «durchbrennen», also an einem Burn-out leiden? Nicht eines, sondern jedes dritte, weil die Schule zu sehr drückt. Unser Bild der Kinder ist doch ein ganz anderes, wenn wir sie schreien und toben hören. Sind da nicht die Eltern schuld? Arbeiten die Mamis zu viel, und würde sich das Problem nicht lösen, wenn sie wieder mehr zu Hause am Herd stünden? Burn-out ist schliesslich kein plötzlich auftretendes Ereignis – niemand geht abends gesund ins Bett und erwacht am Morgen mit einem Burn-out, heisst es in den Ratgebern.

Das mag zwar stimmen, aber Schuldzuweisungen taugen selten zur Ursachenforschung. Es lohnt sich, nachzufragen, wie sich denn ein Burn-out bei einem Kind oder Jugendlichen normalerweise auswirkt. Die typische Geschichte einer Erschöpfungsdepression sieht so aus: Ein Mädchen hat massive Schlafstörungen, auch tagsüber kommt es nicht zur Ruhe. Es hat Angst vor jeder Prüfung. Es weint schnell, manchmal ohne jeden Anlass, und isst kaum mehr. Es jammert: «Ich bin doch nichts wert», und sagt: «Ich kann nicht mehr.» Meist sind es Mädchen, die so reagieren, Mädchen sind häufiger von Burn-out betroffen. Jungen reagieren eher offensiv-aggressiv bei Überforderung. Sie streiken beim Lernen. Das hilft oft, zumindest bislang. Denn seit ­neuestem kommen auch Buben mit Erschöpfungssymptomen zu den Therapeuten.

In den letzten Jahren wurde immer mehr Stoff reingepackt.

Sie können auch nicht mehr. Warum ist das so? Man kann es nur erahnen. Prüfungen gab es schon immer, doch Schule, Aufgaben, Sport, ­Musikunterricht, manchmal 12 Stunden am Tag, nicht. Ständig ein «Kürsli», auch in der Freizeit. Nicht aus Spass, sondern mit Förderung der Begabten. Ein Nachmittag beim Spielen mit Freunden? Bloss nicht, es könnte ja sein, dass die Jungmannschaft etwas Verbotenes tut. Insofern sind manche Eltern nicht unschuldig.

Mitschuldig ist aber auch die Schule, auch wenn das die ­Damen und Herren Erziehungsdirektoren nicht hören wollen. In den letzten Jahren wurde immer mehr Stoff reingepackt. Französisch in der Primarschule, Englisch am liebsten schon im Kindergarten. Programmieren? Gern auch noch – glücklicherweise können es die meisten Lehrer nicht. Wenn es aber darum geht, etwas abzuschaffen, Handarbeit, Kochen oder gar den Religionsunterricht, dann droht der Untergang des Abendlands, der Untergang der Wirtschaft, oder der Zusammenhalt der Schweiz ist in ­Gefahr. Da ist es viel einfacher, den Kindern schlechte Noten zu geben, wenn sie nicht ­mitkommen, und den Eltern zu sagen, ihre Sprösslinge seien Schulversager. Höchste Zeit, dass das ändert und die Politik zu ihrer Verantwortung steht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2018, 23:18 Uhr

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