So geht der Knigge für Teenager

Stimmt es, dass Jugendliche keine Manieren haben? Besuch eines Anstandskurses.

Wie manche beim Essen schlürften, sei richtig «gruusig»: Bei den Tischmanieren haben viele Jugendliche Aufholbedarf. Foto: Getty Images/Istockphoto

Wie manche beim Essen schlürften, sei richtig «gruusig»: Bei den Tischmanieren haben viele Jugendliche Aufholbedarf. Foto: Getty Images/Istockphoto

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Ein Samstagmorgen in einem Businesshotel in Baden AG. Es ist kurz vor 9 Uhr, gleich startet der Kurs «Kniggteens», in dem 13- bis 17-Jährige lernen sollen, wie man sich anständig benimmt. Davon hat «die Jugend von heute» doch keine Ahnung mehr, stänkern Erwachsene von heute gerne; es fehle ihnen an guten Manieren und Respekt.

Acht Teenager sind für den viereinhalbstündigen Workshop angemeldet, zwei sitzen schon 15 Minuten vor Kursbeginn am Konferenztisch, ohne Mucks und ohne Handy. Céline*: hellblaue Bluse, schwarze Hose, grosse Brille, aufrechte Haltung. «Ich bin 15 und will bei der CS oder UBS ein Praktikum machen», wird sie später über sich sagen. Und Manuel: «Ich suche eine Lehrstelle im Gesundheitsbereich und möchte wissen, wie ich mich in einem Bewerbungsgespräch verhalten soll.» Mit seinem weissen Hemd, dem blauen Jackett und der akkuraten Frisur wäre er schon mal perfekt dafür gestylt.

Wie soll man sich in der Erwachsenenwelt verhalten, wenn man bislang fast ausschliesslich mit Jugendlichen verkehrte?

Draussen vor dem Eingang nestelt ein schlaksiger blonder Teenager im Strickcardigan mit einem Kleiderbügel herum und versucht, seine dicke Winterjacke in die enge Garderobe zu hängen. «Ich hole dich um halb zwei wieder hier ab, in Ordnung?», sagt die Frau hinter ihm, vermutlich seine Mutter. Keine Reaktion. «Hast du gehört?» «Jaa-haa.» Das kann ja heiter werden.

Kaum im Kursraum, ist er wie verwandelt. Er stellt sich artig vor, er komme aus Deutschland, sein Bruder habe auch schon einen Knigge-Kurs besucht. Bis zur Kür, dem Dreigangmenü mit den zu grossen Salatblättern und schlüpfrigen Nudeln ganz zum Schluss des heutigen Workshops, wird er ohne Murren mitmachen.

Es ist fast wie damals in der «Mini Playback Show» bei RTL, in der sich aufgeweckte, schüchterne, altkluge Kinder – eben noch im Gespräch mit der niederländischen Moderatorin Marijke Amado – hinter der Zaubertür in singende Stars verwandelten. Zumindest optisch. Jugendlichen geht es ähnlich, wenn sie ins Berufsleben einsteigen: Eben noch auf dem Pausenplatz – und schon mitten in der Erwachsenenwelt. Bloss, wie soll man sich dort verhalten, wenn man bislang fast ausschliesslich mit Jugendlichen verkehrte?

Den Händedruck sollen sie sich nicht bei Trump abschauen

9 Uhr, der Knigge-Kurs beginnt; zwei Minuten später trudeln die drei letzten Jugendlichen auch noch ein. «Ich bin kein Fräulein Rottenmeier, ich möchte, dass wir einen Dialog zusammen haben», sagt die Kursleiterin Katrin Künzle freundlich. Die Runde am Konferenztisch bleibt still. Seit rund 15 Jahren bietet die Firma Künzle Organisation schweizweit Anstandskurse an, anfangs nur für Kinder, seit etwa zehn Jahren auch für Teenager, entweder in Privatkursen wie hier in Baden oder auch vor Ort in Schulen oder in Firmen, in denen die Welten der Jugendlichen und Erwachsenen unsanft zusammenprallen.

«Was die Umgangsformen angeht, hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel verändert», sagt Katrin Künzle. Die Jugendlichen in den Privatkursen wüssten immer besser Bescheid und hätten höchstens noch einen Feinschliff nötig. «Dafür muss ich bei Workshops in Schulen oder Lehrbetrieben je länger, je mehr leer schlucken.»

Drücken Sie zur Begrüssung etwas fester zu, aber machen Sie bloss nicht den ruppigen Trump-Shake zur Begrüssung, das ist unhöflich.Katrin Künzle

Dort steht die Knigge-Trainerin dann Kaugummi kauenden Teenagern mit Ablöschgesicht gegenüber, das Käppi auf dem Kopf, die Hände im Hosensack, die Airpods im Ohr. Ihnen muss sie zum Beispiel verklickern, dass dieses Auftreten weniger cool ist, als sie meinen, und dass es im Job bessere Begrüssungsformeln als «Yo, Alte» gibt.

Dagegen wirken die acht Teenager hier wie wohlerzogene Schüler eines gehobenen Internats. Werden sie etwas gefragt, strecken alle brav die Hand auf. «Weiss jemand, wer Knigge ist?» Alle Hände hoch. «Seine Ansichten waren ziemlich sexistisch und altmodisch», antwortet Veronika aus Liechtenstein. Die 17-Jährige möchte Psychologie studieren. Sie trägt ausschliesslich schwarze Kleider. «Für ein Vorstellungsgespräch müsste ich zuerst ein paar helle Kleider kaufen», sagt sie später, als es um den Dresscode und den ersten Eindruck im Berufsleben geht.

Was, bitte, soll man diesen Jugendlichen noch beibringen? Katrin Künzle hat eine Idee: den richtigen Händedruck. Einer nach dem anderen soll bei ihr Probe schütteln. «Das hat sich gerade angefühlt, als hätten Sie mir einen toten Fisch überreicht. Drücken Sie etwas fester zu, aber machen Sie bloss nicht den ruppigen Trump-Shake zur Begrüssung, das ist unhöflich.»

«Viele Erwachsene benehmen sich unanständiger als wir»

Später sollen die Jugendlichen Small Talk üben und ein Vorstellungsgespräch nachspielen. Manuel redet eloquent drauflos, im Rollenspiel mit Katrin Künzle, die eine Personalchefin mimt, umschifft er selbst die unsägliche Frage nach den Schwächen geschickt. Er sei etwas unordentlich, aber er arbeite gemeinsam mit seiner Mutter daran. Man würde ihn bedenkenlos auf die Berufswelt loslassen und fragt sich, ob man selbst mit 14 auch nur annähernd so souverän gewesen wäre.

Dass an diesem Samstagmorgen keiner so richtig freiwillig hier ist, lässt sich niemand anmerken. «Ich hatte keine Wahl», gibt Noel, Gymnasiast, Lockenkopf mit Brille und schwarzem Hemd aus Uerikon ZH, während einer der Pausen grinsend zu. Ausgerechnet er, der sich am eifrigsten einbringt.

Auch die Geschwister Sonja und Tim aus dem Kanton Solothurn wurden von ihrer Mutter geschickt. Nicht, weil sie besonders ungezogen seien, versichern beide glaubhaft im Chor. «Andere hätten es viel nötiger als wir. Vor allem bei den Tischmanieren», sagt Sonja und verzieht das Gesicht. «Es ist richtig gruusig, wie manche an unserer Schule schlürfen oder Esswaren auf den Tisch schmeissen.»

Es gebe aber vermehrt Erwachsene, die sich ganz bewusst so verhielten, als wären sie allein auf dieser Welt.Katrin Künzler

«Bei uns auch!», pflichtet ihr Noel bei. «Besonders in der Sek ist es schlimm. Manche finden es cool, manche haben vielleicht gar nie gelernt, wie man sich benimmt.» Das sieht Katrin Künzle ähnlich. «Es stimmt nicht, dass die heutigen Jugendlichen grundsätzlich unhöflich sind. Sie wissen es oft nur nicht besser.»

Dieses Manko sei vor allem dem Elternhaus zuzuschreiben. Manchmal stecke keine böse Absicht dahinter, sondern bloss eine andere Kultur mit eigenen Umgangsformen. Es gebe aber vermehrt Erwachsene, die sich ganz bewusst so verhielten, als wären sie allein auf dieser Welt. Die sich vordrängeln, statt zu warten, die sitzen bleiben, statt anderen ihren Platz anzubieten, die morgens stumm bleiben, statt die Kollegen zu grüssen. Weil es nicht verboten ist.

«Viele Erwachsene benehmen sich unanständiger als wir, die so genannte Jugend von heute!», sagt die 15-jährige Sonja, bevor es nach vier Stunden Üben Zeit für den letzten Programmpunkt ist: Tischmanieren. Katrin Künzle erklärt, wo die Serviette hingehört, wie man grosse Salatblätter ohne Messer isst und wo man am Ende das Besteck platziert.

«Sie schauen ein bisschen skeptisch. Haben Sie eine Frage?», sagt Katrin Künzle zu Manuel. «Nein, ich möchte einfach nur gerne ­essen.»

* Alle Namen der Teilnehmenden geändert



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Erstellt: 17.11.2019, 18:40 Uhr

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