So haben Zecken keinen Stich

Fakten zum angeblich gefährlichsten Tier Europas und im Video Tipps, wie Sie sich schützen können.

Vorsichtsmassnahmen: Wer sich gut schützt, bleibt vor Zeckenbissen verschont. (Video: Marco Pietrocola)

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten der letzten Wochen. Er erschien erstmals am 21. April 2019.

Die Zecke hat wieder Hochsaison. Ihr Stich macht vielen mehr Angst als etwa das Autofahren – obwohl Letzteres viel gefährlicher ist. Höchste Zeit, ein paar Dinge zum angeblich gefährlichsten Tier Europas klarzustellen.

Haben es Zecken auf Menschen abgesehen?
Mitnichten. «Der Mensch ist für die Zecke ein Fehlwirt. Er findet sie fast immer oder kratzt sie unwissentlich ab, bevor sie sich weiterentwickeln kann», sagt Volker Fingerle vom Nationalen Referenzzentrum für Borrelien in Deutschland. Eine hungrige Zecke ergreife jede sich bietende Gelegenheit. Wild, Nager und andere Tiere sind für hiesige Zecken die bevorzugten Wirte. In der Schweiz leben rund 20 Zeckenarten, die häufigste ist der Gemeine Holzbock. Er hält sich im Unterholz auf, an Waldrändern, auf Waldlichtungen und in Flussnähe.

Wie viele Zecken leben im Wald und auf Wiesen?
Eine Menge. «Wir haben auf einer Fläche von zehn mal zehn Metern schon bis zu 400 Zecken gefunden – und da sind die nicht mitgerechnet, die uns zum Beispiel am Boden entgangen sind», sagt Volker Fingerle. «In Österreich ermittelten Forscher einmal eine Zeckendichte von etwa 500'000 pro Hektare.» Das ergibt durchschnittlich 50 Zecken pro Quadratmeter.

Breiten sich Zecken aus?
Tatsächlich ist der Holzbock mittlerweile bis auf eine Höhe von 1500 bis 2000 Meter über Meer anzutreffen. Früher galt, dass er bis auf maximal 1000 Meter Höhe lebt. «Es ist aber unklar, ob diese Höhenzunahme in Bezug auf Erkrankungsfälle relevant ist», gibt Fingerle zu bedenken. «Sind die Zecken dort oben genauso oft mit krankmachenden Borrelien oder FSME-Viren infiziert wie in tieferen Lagen? Das wissen wir nicht.»

Zecken übertragen weltweit mehr als 20 Krankheiten.

Letztes Jahr wurden dem Bundesamt für Gesundheit 377 FSME-Erkrankungen gemeldet, ein Höchststand. Beweist das, dass Zeckenerkrankungen zunehmen?
Nein. Wie viele durch Zecken übertragene Krankheiten registriert werden, hängt zum Beispiel davon ab, wie viele Zecken es gibt, wie viele davon Erreger in sich tragen, wie viele Menschen im Grünen unterwegs sind und wie gut die Ärzte die Zeckenkrankheiten erkennen und melden. «Der wichtigste Faktor ist das Wetter», sagt Volker Fingerle. 2018 führte das konstant schöne Wetter dazu, dass die Menschen viel mehr draussen waren – und das sei der entscheidende Punkt bei den Erkrankungszahlen, sagt Gerhard Dobler, Mikrobiologe am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Zudem habe es 2018 ungewöhnlich viele Zecken gegeben.

Weshalb war 2018 so ein zeckenreiches Jahr?
«Letztes Jahr haben wir doppelt so viele Zecken gezählt wie 2017», sagt Dobler. Der Grund für die Zeckenschwemme: 2016 bildeten die Buchen besonders viele Buechenüssli. Ein solches «Mastjahr» bietet Wild, Mäusen und anderen Nagern reichlich Nahrung. Dadurch überleben mehr Tiere, und sie haben auch mehr Nachkommen. Das heisst: bessere Chancen für die Zecken. Zwei Jahre nach einem solchen «Mastjahr» gibt es deshalb mehr Zecken, haben Dobler und seine Kollegen herausgefunden. Sie können mittlerweile eine «Zeckenvorhersage» für das jeweils nächste Jahr machen. «Dieses Jahr wird es weniger Zecken geben», prognostiziert Dobler.

Wie gross ist das Risiko, infolge eines Zeckenstichs krank zu werden?
Zecken übertragen weltweit mehr als 20 Krankheiten. In der Schweiz sind das vor allem die Borreliose und die FSME (Frühsommer-Hirn- und/oder Hirnhautentzündung). 2016 haben Schweizer Forscher in 18 urbanen Gebieten total über 1000 Zecken untersucht, unter anderem im Basler Margarethenpark, am Zürcher Waidberg und auf der Berner Allmend. Rund ein Drittel der Zecken beherbergte Krankheitserreger: 27 Prozent trugen eine Erregerart in sich, 6 Prozent zwei und 0,65 Prozent beherbergten sogar drei verschiedene Krankheitserreger. Ähnliche Befunde gebe es in ländlichen Gebieten, so die Forscher. Trotzdem bleiben die meisten Zeckenstiche folgenlos.

Wie häufig tritt Borreliose nach einem Zeckenstich auf?
Je nach Gebiet sind 5 bis 50 Prozent der Zecken mit Borrelien befallen. Das sind korkenzieherartig gewundene Bakterien. Von 1000 Zeckenstichen führen statistisch 10 bis 50 zu einer Borrelien-Infektion. Doch etwa 99 Prozent der ­Betroffenen merken nichts davon. Bei höchstens 14 von 1000 gestochenen Personen verursachen die Borrelien eine «Wanderröte». Dieser Hautausschlag ist gut erkennbar und mit einem passenden Antibiotikum auch gut zu behandeln. «Es gibt keine Borrelien, die re­sistent sind gegen die empfoh­lenen Antibiotika», sagt Fingerle. Höchstens 3 von 1000 gestochenen Personen erkranken schwerer. Bei ­ihnen befallen die Borrelien Gelenke, das Hirn, Nerven, die Haut oder auch das Herz. Die antibiotische Behandlung ist dann lang­wieriger, und in manchen Fällen bestehen noch längere Zeit Beschwerden.

Soll man eine am Körper entdeckte Zecke auf Borrelien untersuchen lassen?
Nein, weil man davon nicht schlauer wird. Es gibt weltweit über 20 verschiedene Arten von Borrelien – aber nur von sechs ist bisher bekannt, dass sie Menschen krank machen können. Weist der Test Borrelien nach, ist erstens offen, ob sie zu den «bösen» oder zu den harmlosen gehören. Zweitens erkranken nur etwa ein Prozent der Gestochenen an Borreliose. Nur in diesen Fällen ist eine Antibio­tikabehandlung sinnvoll. Drittens bleiben viele Zeckenstiche unbemerkt. Weist der Test keine Borrelien nach, könnte man sich in falscher Sicherheit wiegen, wenn zugleich eine nicht bemerkte Zecke zugestochen hat.

Je länger die Zecke haftet, desto wahrschein­licher wird die Übertragung von Borrelien.

Wie häufig ist FSME?
Die rot gefärbte Landkarte, die das Bundesamt für Gesundheit veröffentlicht hat, suggeriert eine flächendeckende Verbreitung von Zecken mit FSME-Viren. Tatsächlich aber kommen diese Erreger nur in eng begrenzten Waldgebieten vor, die etwa so gross sind wie ein Fussballfeld. Allerdings haben sich ­diese Flächen in den letzten 20 Jahren ausgebreitet. Trotzdem müssen mehrere unglückliche Umstände zusammentreffen, damit es zu einer schweren FSME-Erkrankung kommt. Denn nur an einem solchen «Hotspot» haben maximal 30 von 1000 Zecken FSME-Viren in ihren Speicheldrüsen. Angenommen, exakt dort werden 66'666 Menschen von Zecken gestochen, dann kommt es bei etwa 2000 zur FSME-Infektion. An mindestens 1400 dieser Personen geht diese Infektion jedoch spurlos vorüber, sie haben keine Symp­tome. Etwa 200 bis 600 bekommen eine grippeähnliche Erkrankung. Schätzungsweise 20 bis 90 der 66'666 gestochenen Personen erkranken kurz darauf ein zweites Mal, und zwar schwer. Statistisch stirbt einer von diesen Menschen, gefährdet sind vor allem Ältere.

Ist es sinnvoll, Zeckenerkrankungen vorzubeugen?
Ja. In Tierversuchen dauerte es weniger als 16 bis 24 Stunden, bis die Borrelien-Bakterien aus dem Zeckendarm in die Stichwunde gewandert waren. Wie lange diese Zeitspanne beim Menschen dauert, ist unbekannt. Sicher ist: Je länger die Zecke haftet, desto wahrschein­licher wird die Übertragung von Borrelien. Deshalb sollte man Zecken sofort entfernen. FSME-Viren befinden sich in den Speicheldrüsen der Zecke und werden beim Stich rasch übertragen. Die Impfung gegen FSME kann vor der ­Erkrankung schützen. Allerdings wirkt sie bei älteren Personen, die am meisten gefährdet sind, nicht ganz so gut wie bei jüngeren. Ein Anti-Zecken-Spray auf Kleidung, Schuhen und Haut vor dem Querfeldeinspazieren und gründliches Absuchen danach sind ebenfalls ratsam.

Haben Zecken auch Interessantes zu bieten?
Durchaus: Weltweit gibt es über 850 Zeckenarten, darunter manche mit speziellen Vorlieben: «Ixodes marxi» etwa heftet sich nur an Eichhörnchen. «Amblyomma tuberculatum» ist auf eine Schild­kröte im Osten der USA spezialisiert. Andere Zeckenarten bevorzugen Fledermäuse oder auch Schlangen, wo sie sich an die Schleimhaut im Maul heften. Bis zu 40 Stunden kann eine Zecke zum Beispiel auf einem Grashalm ausharren, bis sie wieder auf den Boden muss, um Feuchtigkeit aufzunehmen. Ohne Nahrung kommen viele Zeckenarten sogar monate- oder jahrelang aus. Gelangen sie schliesslich an Blut, saugen sich Zeckenweibchen derart voll, dass sie nachher bis zu 120-mal schwerer sind. Danach kann ein Weibchen – je nach Zeckenart – bis zu 23'000 Eier legen. Schon die Gletschermumie Ötzi hatte Spuren von Borrelien im Körper. Und in der Antike galten vollgesogene, zermahlene Zecken angeblich als Potenzmittel.

Erstellt: 20.04.2019, 17:00 Uhr

Mit Blut vollgesogene weibliche Zecke: Die meisten Stiche bleiben folgenlos. Foto: Getty Images

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