Verband setzt Doppelbürger mit Strafklausel unter Druck

Die Fussballfunktionäre binden begabte Doppelbürger mit einer rechtlich fragwürdigen Klausel.

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Hansruedi Hasler fällt fast das Telefon aus der Hand. Der Berner, viele Jahre Technischer Direktor des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV), weilt gerade privat in Dublin. Dort vernimmt er, was Alex Miescher, der Generalsekretär des SFV, nach dem Ausscheiden der Schweiz im WM-Achtelfinal in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» als Idee platziert hat: dass Nationalspieler künftig nicht mehr Doppelbürger sein sollen.

Hasler raunt ungläubig durchs Telefon: «Er hat WAS gesagt?»

1995 kam der heute 70-Jährige zum SFV und reformierte die Nachwuchsausbildung – dank Nationalcoach Roy Hodgson herrschte gerade Fussballeuphorie in der Schweiz. Haslers Massnahmen führten zu ersten, grossen Erfolgen im Juniorenbereich, die U-21 erreichte 2002 den EM-Halbfinal, im selben Sommer gewann die U-17 an der Europameisterschaft gar den Titel. Und kurz bevor Hasler Ende 2009 zurücktrat, war die U-17-Nationalmannschaft sogar Weltmeister geworden.

In 14 verschiedenen Ländern hatten die Weltmeister ihre Wurzeln, in Portugal oder im Kongo, in Albanien oder Tunesien, «und ich glaube», sagt Dany Ryser, «diese Vielfalt war unsere Stärke». Ryser war Trainer dieser Mannschaft und bildete im SFV ein Gespann mit Hasler. Seit 2015 ist Ryser pensioniert. Und der Solothurner ist überzeugt: «Die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen hat uns alle bereichert – mich als Trainer genauso wie die Spieler mit nur einem Pass. Die Doppelbürger habe ich immer als Chance für den Schweizer Fussball gesehen, nie als Problem.»

Doppelbürger müssen Vereinbarung unterschreiben

Bewusst waren sich Hasler und Ryser einer grundsätzlichen Problematik mit Doppelbürgern allerdings schon. Bis 2003 war ein Spieler für den Rest seiner Karriere an ein Land gebunden, wenn er für dieses nur schon ein Wettbewerbsspiel bei der U-17-Auswahl bestritten hatte. Diese Regel änderte die Fifa 2003, ab da war erst ein Einsatz in einem Ernstkampf mit dem A-Nationalteam bindend. Für den SFV eine schlechte Entwicklung: Er musste fürchten, Talente künftig fünf Jahre lang auszubilden, um sie dann doch zu verlieren.

So reagierte der Verband am Tag nach dem Doppeladler-Jubel von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri. Video: Tamedia

Am Fifa-Kongress 2003 in Katar versuchte die Schweizer Delegation, dies zu verhindern. Mit der Unterstützung von Frankreich und Deutschland schlug sie der Vollversammlung einen Kompromiss vor: Erst in der U-19, mit Volljährigkeit, sollten sich die Spieler entscheiden. «Aber wir hatten keine Chance», erinnert sich Hasler. Länder aus dem Balkan und fast einstimmig der afrikanische Kontinent schmetterten das Ansinnen ab. Bis heute hat das Auswirkungen: So wurden 8 der 23 Senegalesen im diesjährigen WM-Kader in Frankreich geboren und ausgebildet. Und 9 der 23 Tunesier.

Auch die Schweiz verzeichnete nach der Regeländerung einige Nationenwechsel, die in der Öffentlichkeit diskutiert wurden: jenen von Mladen Petric 2001 (Kroatien), die von Ivan Rakitic (Kroatien) und Zdravko Kuzmanovic (Serbien) 2007, den von Kerim Frei (Türkei) 2012 oder Izet Hajrovic (Bosnien-Herzegowina) im Jahr darauf – nachdem ihn Ottmar Hitzfeld zu einem Testspiel mitgenommen, aber nicht eingesetzt hatte.

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Dass es nicht mehr Fälle gibt, hat mit einer Massnahme zu tun, die der SFV nach den Abgängen von Rakitic und Kuzmanovic eingeführt hat. Sämtliche Talente im Förderprogramm Footuro lässt er seither eine Vereinbarung unterzeichnen, mit der sie sich zur Schweiz bekennen und versprechen, dem SFV auch treu zu bleiben, falls später Vertreter aus der zweiten Heimat anklopfen. Das betrifft etwa die acht besten Spieler jedes Jahrgangs – in den Augen des Verbandes allesamt potenzielle künftige Nationalspieler. Mit der Vereinbarung verbunden ist eine Strafklausel, dass im Falle eines Nationenwechsels die Kosten zurückbezahlt werden müssen, die der SFV in den Spieler investiert hat. Dies sind rund 25'000 Franken pro Ausbildungsjahr – sofern alle Zusammenzüge absolviert wurden. Ob der Spieler selbst oder sein neuer Verband für das Geld aufkommt, ist für den SFV nicht entscheidend.

«Die Unterschrift ist eine moralische Verpflichtung»

Allerdings ist dieses Dokument rechtlich nicht bindend, das Schweizer Obligationenrecht verbietet derartige Verträge. Überhaupt: Nationalspieler sind nicht durch einen Arbeitsvertrag mit dem Verband oder den Nationalteams verbunden. Hansruedi Hasler nennt es vielmehr ein «Gentleman’s Agreement», und Dany Ryser erklärt: «Wir wollten damit ein Zeichen setzen, um das Bekenntnis der Spieler zu spüren. Die Unterschrift ist eine moralische Verpflichtung.»

In all den Jahren hat nie ein Talent die Unterschrift verweigert. Geld musste der Verband auch noch nie einfordern.

Also wundert sich Ryser: «Warum reden wir ständig von den fünf, die gewechselt haben, und nicht von den 25, die sich voller Überzeugung für die Schweiz entschieden haben?»

Josip Drmic widerstand mehrfachen Flirtversuchen des kroatischen Verbandes – zu einer Zeit, als er noch nicht einmal Schweizer Bürger war und im U-Nationalteam nur in Testspielen eingesetzt werden konnte. Breel Embolo? Gab seinen kamerunischen Pass nach Gesprächen mit dem Verband sogar zurück. Alles für die Aussicht auf Tore für die Schweiz.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.07.2018, 23:30 Uhr

Vereinsbefragung: Keine Probleme mit Migranten

Fussball ist ein Sport der Migrantinnen und Migranten – zumindest in der Schweiz. Gemäss einer noch unpublizierten Vereinsbefragung des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) haben 96 Prozent aller 1440 Fussballvereine in der Schweiz Mitglieder mit Migrationshintergrund in ihren Reihen. Mehr als zwei Drittel aller Schweizer Fussballclubs haben zudem mindestens 10 Prozent Spieler, die einen Migrationshintergrund haben. «Die Fussballvereine leisten einen grossen Beitrag zur Integration der Bevölkerung mit Migrationshintergrund», heisst es in der Vereinsbefragung, die in den kommenden Tagen veröffentlicht werden soll. Auszüge des Berichts liegen der SonntagsZeitung vor.

In der Tendenz ist der Anteil von Migranten in Deutschschweizer, städtischen sowie Grossvereinen mit über 300 Mitgliedern höher als anderswo. Laut der Befragung gibt es aber auch viele Kleinvereine sowie Vereine mit einem kleinen Kinder- und Jugendanteil, die einen Migrantenanteil von mehr als 75 Prozent haben. Nicht ausgewertet wurde indessen, wie gross der Anteil der Migranten unter sämtlichen 283 000 Aktivmitgliedern im Schweizer Fussball ist. Frühere Befragungen kamen auf 40 Prozent Migrantenanteil. Es ist davon auszugehen, dass dieser Wert mittlerweile zugenommen hat.

Die Befragung zeigt auch, dass sich die Fussballvereine von ihrem nationalen Dachverband mehr Unterstützung bei der Integration von Migranten wünschen. Mehr als jeder fünfte Verein gab dies an – insgesamt 317 Vereine. Bei einer früheren Umfrage, die 2013 veröffentlicht wurde, war die fehlende Unterstützung noch kein Thema gewesen.

Ebenfalls Teil der aktuellen Befragung ist ein Sorgenbarometer mit den sieben Themenkomplexen «Mitgliedergewinnung/-bindung», «Nachwuchs», «Mitarbeiter/Ehrenamt», «Finanzen», «Infrastruktur», «Konkurrenz» sowie «Ethik, Unfälle, Gewalt».

Demnach haben die Schweizer Fussballvereine vor allem Probleme, Trainerinnen und Trainer zu finden. Auch haben sie zunehmend Schwierigkeiten, andere Ämter und Funktionen zu besetzen – weil die Aufgaben immer komplexer werden. 60 Prozent aller Vereine gaben darüber hinaus an, entweder über eine zu kleine oder über eine unzureichende Infrastruktur zu verfügen. Auch wegen dieser Kapa­zitätsengpässe haben inzwischen 11 Prozent aller Vereine einen Aufnahmestopp von Kindern und Jugendlichen verfügt.

Der Themenkomplex «Ethik, Unfälle, Gewalt» erreichte im Sorgenbarometer den tiefsten Wert.

Dominik Balmer

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