So verführen uns Online-Händler zum Einkaufen

Sind die Läden zu, haben Konsumenten Zeit zum Stöbern. Welche Faktoren zum sonntäglichen Shopping animieren.

Sind die Läden zu, kauft man online ein: Viele haben vor allem am Wochenende Musse zum Stöbern. (Foto: Getty Images)

Sind die Läden zu, kauft man online ein: Viele haben vor allem am Wochenende Musse zum Stöbern. (Foto: Getty Images)

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Sonntag – das ist aufwachen, ohne dass der Wecker schellt. Ohne dass das Handy klingelt. Niemand will was von einem am Sonntag. Aber dann, noch eingemummelt ins wohltemperierte Duvet oder später auf dem Sofa, geht es los. Man ruft seine Mails ab und plopp, plopp, plopp trudelt ein Newsletter nach dem anderen ein.

«Fashion Profit Days: Exklusive Sonderangebote unserer Top-Marken» steht im ersten Betreff. «Start zur Gartensaison mit –20%» im nächsten. «Nur noch heute: 20% auf alles!». Oder: «Big Brand Sale – bis zu 40 Prozent reduziert». Oder es gibt einen 15-Franken-Rabattgutschein, wenn man bis Mitternacht bestellt.

Jeden Sonntag wird die Liste mit den Newslettern länger, man kann sich gar nicht erinnern, wann man die alle abonniert hat. Irgendwo ganz unten im Mail, im Kleingedruckten, muss der «Newsletter abbestellen»-Link doch sein, aber dann wird man auf dem Scrollweg dorthin aufgehalten, und plötzlich hat man eine Hose in Pastellfarben, einen Sportschuh für den Start in die Jogging-Saison und eine Rattansitzgruppe für den Garten im Warenkorb. Im Jargon nennt sich das Sofa-Shopping Couch Commerce.

294 Milliarden Mails werden täglich verschickt, mehr als die Hälfte davon sind geschäftlicher Natur. Dabei muten Newsletter in der Social-Media-Welt mit all ihren interaktiven Möglichkeiten von der Pushnachricht bis zur personifizierten Werbung bei Facebook oder Instagram so veraltet an wie ein handgeschriebener Brief. Aber statt allmählich zu verschwinden, wächst der Versand stetig: 2023 sollen es 18 Prozent mehr sein. Das schätzt das Marktforschungsunternehmen The Radicati Group, das den alljährlichen E-Mail-Statistikbericht herausgibt.

Wochenende und schlechtes Wetter animieren zum Shoppen

«Newsletter erfreuen sich gerade im Onlinehandel zunehmender Beliebtheit, und es gibt wenig Alternativen», sagt der E-Commerce-Experte Thomas Lang, CEO der Unternehmensberatungsfirma Carpathia. Und: «Die Akzeptanz bei den Kunden ist erstaunlich gross.» Newsletter liessen sich extrem gut personalisieren, Kunden erhielten individuell zugeschnittene Angebote, im Idealfall sogar zur selben Zeit, in der sie den Newsletter bislang am ehesten geöffnet hätten.

Und das tun offenbar viele Leute gerne am Sonntag, obwohl man dann traditionell seltener am Computer oder Tablet sitzt. Tatsächlich schwingen, was das Anklicken von Mails angeht, der Dienstag und Mittwoch obenaus. Also dann, wenn verschiedene Geschäfte wie Tchibo ihre neuen Aktionen online unter die Leute bringen. Aber eben nicht nur. «Bezüglich Shopping-Häufigkeit ist aus unserer Erfahrung das Wochenende sehr beliebt, und auch schlechtes Wetter zieht nach wie vor», sagt Thomas Lang.

41 Prozent aller Shops verzeichnen am Sonntag einen Bestellanstieg.

Es wird sonntags also künftig wohl noch mehr Shopping-Newsletter geben, da immer mehr Händler realisieren: Der Mensch will am siebten Tag nicht ruhen, er will shoppen. Abgesehen von ein paar Sonntagsverkäufen im Jahr, bleiben den Schweizerinnen und Schweizern aber nur die Einkaufsmöglichkeiten an grossen Bahnhöfen, Tourismus-Hotspots oder am Flughafen.

In Volksabstimmungen haben es erweiterte Öffnungszeiten zwar meist noch schwer, was aber mehr am Mitgefühl für das Verkaufspersonal liegen dürfte als am mangelnden Bedürfnis, sich etwas Schönes zu kaufen, bevor es wieder losgeht mit dem Alltag.

Gut für die Onlinehändler, denn wenn die Geschäfte geschlossen sind und die Arbeit nicht stört, haben die Leute Lust sowie die nötige Musse zum Stöbern und Kreditkartezücken. «Es gibt viele Kunden, die vor allem am Sonntag ihre persönlichen Mails lesen und dann gerne online einkaufen», sagt Marcela Palek, Kommunikationsverantwortliche beim Warenhaus Globus. Auch Reto Senti, Chief Digital Officer von der Modehauskette PKZ, sagt: «Der Sonntags-Newsletter funktioniert grundsätzlich sehr gut.»

Das ist bei vielen Onlinegeschäften so: 41 Prozent verzeichnen an diesem Tag einen Bestellanstieg. Das hat eine Umfrage des deutschen Händlerbunds ergeben, der bei 240 europäischen Onlineshops nachgefragt hat. Die überdurchschnittliche Shoppinglust hält noch bis zum Montag an, lässt dann aber rasch nach.

Bis zum nächsten Sonntag auf dem Sofa. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.04.2019, 20:25 Uhr

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