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Sorry, das ist keine Entschuldigung

Für verbale Entgleisungen Abbitte zu leisten, liegt im Trend. Um Anstand geht es dabei aber nicht.

Denise Jeitziner
«Die werden ab Montag irgendwo in Sibirien Steine klopfen»: Aktion von Pussy Riot im Final Kroatien – Frankreich. Bild: Mladen Antonov/AFP
«Die werden ab Montag irgendwo in Sibirien Steine klopfen»: Aktion von Pussy Riot im Final Kroatien – Frankreich. Bild: Mladen Antonov/AFP

Sascha Ruefers Fehltritt passierte während des WM-Endspiels, als plötzlich drei Frauen und ein Mann den Rasen stürmten: «Die vier, die hier aufs Spielfeld gerannt sind, die werden ab Montag irgendwo in Sibirien Steine klopfen, für ganz lange Zeit», sagte Ruefer vor einem Millionenpublikum, was er tags darauf öffentlich bereute. Er könne verstehen, dass sein Kommentar als unsensibel empfunden worden sei, das tue ihm leid.

Video: Flitzerin stürmt den Rasen

Beim WM-Endspiel in Moskau stürmten Aktivistinnen das Spielfeld. (SRF/Tamedia)

Auch dem Thurgauer BDP-Politiker Thomas Keller, der sich diese Woche via Twitter für Adolf Hitler starkgemacht hatte – «So unendlich schlecht kann dieser Mann nicht gewesen sein» –, dämmerte relativ bald, dass das wohl nicht der beste seiner Gedankengänge gewesen war. Diesen «politisch grenzwertigen» Tweet würde er «nie wieder» so absetzen, sagte er, nachdem ein Sturm der Entrüstung über ihn hinweggefegt war. Tesla-Chef Elon Musk wiederum hatte einen Höhlenretter in Thailand als Pädophilen beschimpft, nachdem dieser seinen Plan, die eingeschlossenen Jungs mit seinem Mini-U-Boot aus der Höhle zu befreien, als unbrauchbar bezeichnete. Diesen Mittwoch dann Musks Pardon: «Sein Verhalten mir gegenüber rechtfertigt nicht mein Verhalten ihm gegenüber, und dafür entschuldige ich mich bei Herrn Unsworth und den Firmen, die ich repräsentiere.»

Wirkliche Reue klingt anders

Das sind nur drei Beispiele aus der breiten Palette an öffentlichen Sorrys in dieser Woche. Interessanterweise handelte es sich bei den ­Reumütigen fast durchwegs um Männer. Normalerweise sind es deutlich öfter Frauen, die für irgendwas um Verzeihung bitten, sogar ohne dass sie etwas verbockt haben. Um dem vorzubeugen, wurde extra ein Google-Mail-Erweiterungsprogramm namens «Just Not Sorry» entwickelt, das Entschuldigungen während des E-Mail-Schreibens herausfiltert. Dass Männer deutlich seltener «Tut mir leid» sagen, hängt auch damit zusammen, dass sie nicht so schnell das Gefühl haben, sie hätten etwas falsch gemacht.

Pussy-Riot-Aktivisten müssen 15 Tage ins Gefängnis. Video: Reuters/Twitter/Tamedia

Könnte das fast schon inflationäre Sorry-Sagen in sozialen Medien also ein Hinweis auf einen zunehmenden Anstand in unserer Gesellschaft sein, in der sich seit Jahren alle ungeniert über alles auskotzen? Oder doch eine Art rückwirkender Freipass für un­flätiges Verhalten? Auffallend ist, dass sich alle drei Reumütigen erst nach einer Empörungswelle zu Wort meldeten. Elon Musk liess sich drei Tage Zeit, und vielleicht würde er heute noch schweigen, hätten ihm nicht verschiedene Firmenpartner Druck gemacht.

Ausserdem haben alle drei ihr Verhalten mit einer Affekthandlung zu rechtfertigen versucht. Was bei Sascha Ruefers Livereaktion zur Flitzeraktion der Pussy Riot noch glaubwürdig ist, wirkt bei Musk und erst recht bei Keller kaum überzeugend, vor allem, weil dieser seiner Entschuldigung noch nachschob, seine Hitler-Aussage sei übrigens weder falsch noch unanständig. Aufrichtige Reue und Anstand klingen anders.

Ein Moskauer Gericht verurteilte die vier Flitzer zu 15 Tagen Haft. Bei ihnen handelt es sich um Olga Pachtusowa... (16. Juli 2018)
Ein Moskauer Gericht verurteilte die vier Flitzer zu 15 Tagen Haft. Bei ihnen handelt es sich um Olga Pachtusowa... (16. Juli 2018)
Sergei Karpukhin, Reuters
Olga Kuratscheva... (16. Juli 2018)
Olga Kuratscheva... (16. Juli 2018)
Sergei Karpukhin, Reuters
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Was nötig ist, damit eine Entschuldigung ankommt, hat ein Forscherteam von der Ohio State University mit rund 700 Probanden herausgefiltert. Der allerwichtigste der sechs Aspekte: Man muss klar Verantwortung übernehmen für sein Verhalten. Zudem soll man erklären, was schiefgelaufen ist, aber ohne sich zu rechtfertigen. ­Sagen, dass es einem leid tut. Schliesslich aufrichtig um Ver­gebung bitten, und eine Wiedergutmachung kann auch nicht schaden. So wirklich überzeugend war demnach keine der drei prominenten Entschuldigungen.

Das gehäufte Sorry-Sagen ist also wohl eher auf den wachsenden Druck des kollektiven Kor­rektivs zurückzuführen, das Fehlverhalten vehement anprangert. Annehmen sollte man Entschuldigungen aber trotzdem. Doch das ist manchmal noch schwieriger als das Entschuldigen selbst.

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