Sparprogramm führt zu Zwischenfällen im KKW Leibstadt

Nach Fehlern von Mitarbeitern überprüft die Nuklearaufsicht den Personalabbau im grössten Atomkraftwerk der Schweiz.

Die Werkleitung muss belegen, dass die Sicherheit gewährleistet ist: In der Atomanlage in Leibstadt kam es wiederholt zu Vorfällen. Foto: Keystone

Die Werkleitung muss belegen, dass die Sicherheit gewährleistet ist: In der Atomanlage in Leibstadt kam es wiederholt zu Vorfällen. Foto: Keystone

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Für die Verantwortlichen der Kernkraftwerk Leibstadt AG (KKL) war es eine Hiobsbotschaft mehr: Zwölf Stunden nachdem das grösste Atomkraftwerk der Schweiz während Wochen aufwendig revidiert worden war, leckte Anfang Juli ein Pumpensystem im Reaktorgebäude. Der Atommeiler musste unverzüglich vom Netz genommen werden.

Noch wird der Vorfall von der Kontrollbehörde des Bundes, dem Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi), untersucht. Klar ist: Er reiht sich ein in eine lange Liste von teils gravierenden Ereignissen im Atomkraftwerk am Rhein.

Aufhorchen lässt ein bis jetzt nicht bekannter Befund der Nuklearkontrolleure: Der Personalabbau der letzten Jahre sei einer der «wesentlichen Gründe für die Probleme im KKL», heisst es im Protokoll einer bundesinternen Sitzung vom 20. Juni. Menschliche und organisatorische Faktoren hätten einen «wesentlichen Anteil» an den Vorkommnissen. Das Protokoll hat die SonntagsZeitung gestützt auf das Öffentlichkeits­gesetz herausverlangt.

Bis 2022 will das AKW weitere Stellen kürzen

Tatsächlich beschäftigte das KKL in den vergangenen Jahren zunehmend weniger Personal. Baute das Atomkraftwerk 2010 Ressourcen «bei Schlüsselfunktionen» noch aus, initiierte die Unternehmensleitung 2012 ein Projekt zur Personalkostenplanung. Ab 2015 begann der Personalabbau.

Zuvor hatte das KKL-Management in die Belegschaft investiert, weil hier ein Generationenwechsel im Gange war. Mitarbeitende mit grossem Fachwissen standen vor der Pensionierung. Um das für die Sicherheit des Werks wichtige Wissen an Jüngere weiterzugeben, wurden Stellen während Jahren doppelt besetzt. Von diesem teuren Modell verabschiedete sich die Kraftwerksleitung und stellte auf ein System um mit einer «kürzeren, intensiveren Einarbeitung und Stellenübergabe».

In letzter Zeit kam es im Atomkraftwerk allerdings immer wieder zu Zwischenfällen, bei denen menschliche und organisatorische Faktoren eine zentrale Rolle spielten. Deshalb muss die Kraftwerksleitung der Kontrollbehörde laut dem Sitzungsprotokoll jetzt belegen, «wie die Sicherheit der Anlage trotz der geplanten Verringerung des Personalbestands weiterhin gewährleistet bleibt».

Bis 2022 werde man weiter Stellen abbauen, die nicht sicherheitsrelevant sind, schreibt das KKL dazu in einer Stellungnahme. In sicherheitsrelevanten Bereichen seien hingegen zusätzliche Planstellen geschaffen worden. Laut KKL soll die Mitarbeiterzahl bis 2022 auf rund 470 Stellen gesenkt werden. Gegenwärtig prüft die Nuklearaufsicht Ensi den Mitte August eingegangenen Vorschlag der Kraftwerksleitung.

Weil die Aufsichtsbehörde Vorbehalte gegen die im KKL gelebte Sicherheitskultur hegt, wurde das Werk zudem einer verschärften Aufsicht unterstellt. Dies bestätigte am 20. Juni eine dreiköpfige Ensi-Delegation beim Treffen mit der Kommission für nukleare Sicherheit (KNS). Die Spezialisten der KNS beraten den Bundesrat in Fragen der nuklearen Sicherheit.

Die KNS hat sich wiederholt mit Vorfällen im Atommeiler beschäftigt. Argwöhnisch machte die Spezialisten der Bericht zu einem Vorfall im Jahr 2014: Ein Bedienungsfehler an einem Ventil im Notkühlsystem war längere Zeit nicht entdeckt worden. «Dies ­hätte im Anforderungsfall zu einem Ausfall dieses Sicherheitssystems führen können», heisst es im Kommissionsprotokoll. Weitere Abklärungen der Nuklearaufsicht ergaben, dass es seit 2004 in diesem Zusammenhang zu insgesamt 14 Störmeldungen gekommen ist.

Was die Personalbefragung ergab, bleibt unter Verschluss

Die KKL-Leitung rechtfertigte sich gegenüber den Sicherheitsbehörden mit dem Argument, eine zuverlässige Kontrolle des betroffenen Ventils sei «konstruktionsbedingt nicht zweifelsfrei möglich». Nach über 30 Jahren Betrieb sei diese Begründung erstaunlich, fand die Kommission.

Zu Nachlässigkeiten und Verfehlungen ist es im Kernkraftwerk immer wieder gekommen: Anfang Jahr wurde bekannt, dass ein KKL-Mitarbeiter während Jahren Prüfprotokolle von Strahlenmessgeräten gefälscht hat. Schon 2001 hatten zwei Kraftwerkoperateure Checklisten ihrer Kontrollgänge manipuliert. 2008 bohrte ein Monteur sechs Löcher in die Stahlwand des Primärcontainments, um Handfeuerlöscher zu befestigen. Jahrelang wurde dies nicht entdeckt. «Menschliche Fehler werden durch Ressourcenknappheit und Verunsicherung in der Organisation begünstigt», schreibt das Ensi zu ihrer Sicherheits­analyse.

Wie verunsichert und frustriert die KKL-Belegschaft ist, ginge aus der Personalbefragung des Werks hervor. Deren Ergebnisse indessen will das Unternehmen nicht öffentlich machen.



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Erstellt: 24.08.2019, 23:59 Uhr

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