Skurriler Fund unter einem Kilometer Eis

Forscher finden erstmals Kleinstlebewesen in einem antarktischen See, dessen Wasser seit Tausenden Jahren unberührt ist.

Bärtierchen: Die kuriosen Kreaturen haben die Antarktis­forscher überrascht. Foto: SPL/Getty Images

Bärtierchen: Die kuriosen Kreaturen haben die Antarktis­forscher überrascht. Foto: SPL/Getty Images

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Es sind putzige, skurrile Winz­linge mit acht Beinchen, weniger als ein Millimeter gross. Die kuriosen Kreaturen haben Antarktisforscher überrascht. Die Wissenschaftler haben die Bärtierchen zusammen mit Fragmenten von Krebsen, Pflanzen- und Pilzresten in einem See gefunden unter einem Eispanzer, der einen Kilometer dick ist.

Der subglaziale Lake Mercer liegt etwa 600 Kilometer vom Südpol entfernt. Das Wasser ist seit Tausenden Jahren unberührt zwischen Erdkruste und Eis konserviert. Es braucht viel Fantasie, um sich ein höheres Leben in dieser Unterwelt vorzustellen – kein Sonnenstrahl kommt bis hierher. Wie sollen Organismen wie Bärtierchen hier also überleben? Die Tiere bevorzugen eigentlich das Meer, Süsswasser oder feuchte Böden und ernähren sich von Pflanzenzellen und Fadenwürmern.

«Das haben wir nun wirklich nicht erwartet», sagt David Harwood von der Universität Nebraska in einem Beitrag im Fachmagazin «Nature». Der Paläontologe ist Mitglied des US-Expeditionsteams, das Ende Dezember einen schmalen Zugang – 60 Zentimeter im Durchmesser – zum Lake Mercer bohrte. Als die Forscher später ein Instrument aus dem Bohrloch zogen, das die Wassertemperatur im See gemessen hatte, klebte eine grau-braune schlammähnliche Masse am Gerät.

Unter dem Mikroskop war die Überraschung perfekt: Es kamen im Schlamm nicht nur Algen zum Vorschein, die vor Jahrmillionen lebten und starben, als die Bedingungen wärmer waren und ein eisfreies Meer die Region bedeckte. Die Forscher entdeckten auch Bärtierchen und Krebse, die teilweise in einem erstaunlich guten Zustand waren. «Sie machten einen richtig frischen Eindruck», erzählt Harwood.

Ozeanwasser konnte unter den ausgedünnten Eisschild fliessen

Das macht die Wissenschaftler nun stutzig. Müssen sie ihre erste These begraben? Sie gingen davon aus, dass die Tiere in Kleinseen und Flüssen des Transantarktischen Gebirges lebten – in einer kurz­zeitigen Wärmeperiode vor 10'000 oder 120'000 Jahren, in der die Gletscher abschmolzen und Land freilegten. Im jeweils folgenden Kaltklima wurde das Leben durch die vorstossenden Eismassen konserviert. Wie die Tiere in den Lake Mercer kamen, wird derzeit unter den Forschern diskutiert.

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Möglich wäre, dass die Organismen vor 5000 bis 10'000 Jahren mit dem Meerwasser in den See geschwemmt wurden. In dieser Zeit dünnte der Eisschild kurzfristig aus. Ozeanwasser konnte deshalb unter den Eisstrom fliessen und den Lake Mercer bilden. Sobald das Eis wieder anwuchs, wurden die Tiere in Wassertaschen durch den Eisdeckel über dem See eingeschlossen.

So plausibel die Erklärungen sind, so unsicher sind die Forscher. In Wasserproben des Lake Mercer fanden sie Tausende Zellen von Bakterien und genug Sauerstoff für Kleinstlebewesen. Konnten sich Krebse und Bärtierchen von diesen Bakterien genügend ernähren?

Bisher gab es nie Anzeichen von höherem Leben

Die Wissenschaftler sind auf «Neuland» gestossen. Bisher machten Antarktisforscher noch nie einen solchen Fund. Bohrproben von Sedimenten unter dem Eis gibt es seit mehreren Jahrzehnten. 2013 bohrten Forscher in den Lake Whillans, etwa 50 Kilometer vom Lake Mercer entfernt. Sie fanden stets Mikroben, aber nie Anzeichen von höherem Leben.

Dennoch werden nicht alle Wissenschaftler den Gedanken an ein Leben im subglazialen See los. Für Byron Adams von der Brigham Young University zum Beispiel ist dieses Kapitel noch nicht abgeschlossen. Der Tierökologe arbeitete in der McMurdo-Forschungsstation, 900 Kilometer nordwestlich vom Lake Mercer. Er studierte den entdeckten Fund und erinnerte sich an ähnliche Beobachtungen im Transantarktischen Gebirge. Das würde die These von der Einschwemmung stützen. Trotzdem gibt er nicht auf. Schliesslich war die Probe nur ein Teelöffel voll. «Wenn es mehr davon gäbe, wäre es immer noch möglich, Leben zu finden», sagt Adams in «Nature».

Das Bohrloch ist inzwischen bereits wieder verschlossen. Das Forscherteam will nun versuchen, mithilfe der Radiocarbonmethode das Alter der Kleintiere zu bestimmen. Auch das Erbgut der Funde soll aufgeschlüsselt werden. Die Analyse könnte unter anderem Aufschluss darüber geben, ob sich die gefundenen Bärtierchen von der heutigen Art unterscheiden. Wenn nicht, könnte die Sensation auch nur eine Verunreinigung der Bohrinstrumente gewesen sein.

* Dieser Artikel erschien am 3. Februar 2019 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 04.02.2019, 16:45 Uhr

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