St. Gallens Ruf ist beschädigt

Die Stadt hat sich eine Posse bei der Vergabe ihres Kulturpreises geleistet.

Felix Lehner, Leiter der Stiftung Sitterwerk, Kunstgiesser, Kulturförderer und -vermittler, wird mit dem Kulturpreis 2018 ausgezeichnet. Foto: Katalin Deér (Stadt St. Gallen)

Felix Lehner, Leiter der Stiftung Sitterwerk, Kunstgiesser, Kulturförderer und -vermittler, wird mit dem Kulturpreis 2018 ausgezeichnet. Foto: Katalin Deér (Stadt St. Gallen)

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Alle vier Jahre vergibt die Stadt St. Gallen einen Kulturpreis, dotiert mit 30'000 Franken. Und ­alles hätte so schön sein können. Denn in diesem Jahr geht der Preis an Felix Lehner, dessen Leistungsausweis niemand bestreitet: Lehner betreibt seit 1994 in St. Gallen eine Kunstgiesserei, die für solch herausragende Gegenwartskünstler wie Jeff Koons arbeitete.

Selbst Brad Pitt war im vergangenen Jahr in der Kunstgiesserei gesichtet worden. Wobei man das lieber geheim gehalten hätte. «Woher wissen Sie das?!», wurde damals eine Mitarbeiterin im «St. Galler Tagblatt» zitiert. Und dann: «No comment. Dazu sagen wir nichts.»

Aber nun gibt es seit Wochen Ärger um die Vergabe des Kulturpreises, sodass dabei nichts weniger als der Ruf der Ostschweizer Stadt auf dem Spiel steht. Denn eigentlich, so wurde bald bekannt, hätte der diesjährige Kulturpreis an den Theaterregisseur Milo Rau gehen sollen, der in St. Gallen aufwuchs und zur Schule ging. So wollte es die St. Galler Kultur­kommission, die vom Stadtrat als Expertengremium eingesetzt wurde.

Aber der Stadtrat setzte sich über seine Experten hinweg: Er entschied sich für Felix Lehner. ­Damit kam es zum Eklat, zum Rücktritt von mehreren Mitgliedern der Expertenkommission.

«Der Stadtrat entscheidet kraft seines Amtes»

Milo Rau gilt in St. Gallen offensichtlich noch immer als umstrittener Künstler, obwohl er inzwischen zahlreiche Auszeichnungen erhielt – darunter Einladungen ans Berliner Theatertreffen, den Konstanzer Konzilspreis (2015), den Peter-Weiss-Preis (2017), zuletzt die Berufung ans Nationaltheater in Gent.

Seinen Status als nachhaltig umstrittener Künstler hat Rau in der Ostschweiz wohl seinen Projekten in St. Gallen zu verdanken: Im Mai 2010 wurde seine geplante «theatrale Ausstellung» über die Folgen des sogenannten St. Galler Lehrermords zum Skandal. Von Morddrohungen gegen die Projektbeteiligten ist die Rede; diese und eine Verbotseingabe im Parlament habe nach einer Woche zum Abbruch des Projekts geführt, wie es auf Raus Homepage heisst.

Ein Jahr später kehrte Milo Rau mit der Politaktion «City of Change» nach St. Gallen zurück. Eine «Interimsregierung» habe mit ihrer ­Forderung nach einer sofortigen Einführung des Ausländerstimmrechts für hitzige Debatten gesorgt, heisst es weiter.

War der Entscheid gegen Rau politisch motiviert? Nein, antwortete der St. Galler Stadtrat auf eine entsprechende Anfrage. Man habe sich nicht gegen Rau, «sondern für eine Person» entschieden, eben für Lehner, dessen «kultureller Fussabdruck» in St. Gallen «sehr deutlich» sei. Der Preis sei «eine Würdigung der bereichernden kulturellen Arbeit vor Ort, die zwar nicht zwingend permanent, aber doch kontinuierlich spürbar sein sollte».

Warum setzte sich die Regierung über die Expertenkommission hinweg?

Womit das nächste Kapitel in der Posse um den St. Galler Kulturpreis aufgeschlagen ist. Denn selbstverständlich hat die Stadt auch Künstlerinnen ausgezeichnet, die grösstenteils nicht in der Region leben, etwa die Autorin Eveline Hasler, die seit Jahrzehnten im Tessin wohnt, aber noch 1994 den St. Galler Kulturpreis erhielt. Der Stadtrat «beurteilte und gewichtete die sichtbaren kulturelle Fussabdrücke der Kandidatinnen», lässt er ausrichten. Wie aber, fragten St. Galler Medien, sieht der «sichtbare Fussabdruck» einer Autorin, eines Theaterregisseurs oder anderen Künstlerinnen aus, die vor allem Eindrücke in unseren Köpfen hinterlassen?

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, wie und warum sich der Stadtrat unbedingt über seine Expertenkommission hinwegsetzen wollte – und welche Kenntnisse er im ­Bereich Kunst und Kultur vorzuweisen hat. Der Stadtrat beruft sich auf die gesetzliche Grundlage, die es ihm zugestehe, eigene Entscheidungen zu treffen – auch gegen die Auf­fassungen seiner Fachgremien.

«In keinem Fall ist er gebunden. Dies trifft auf alle Bereiche der öffentlichen Aufgaben zu, nicht nur für Kunst und Kultur.» Der Stadtrat kann sich also über fast alle hinwegsetzen. Auch wenn er über ­keinerlei Kenntnisse in einem bestimmten Bereich verfügt. Und sich in dieser Hinsicht auch nicht in die Karten schauen lässt: Danach befragt, über welches Wissen er im Bereich Kunst und Kultur verfügt, gibt der Stadtrat keine Antwort. «Der Stadtrat entscheidet kraft seines Amtes», heisst es lapidar.

Der Ärger und das Unverständnis über die Entscheidung der Stadtregierung ist nicht zuletzt deshalb so gross, weil diese sich so uneinsichtig zeigt. Das Ansehen des St. Galler Kulturpreises hat jedenfalls schwer gelitten, auch wenn der Stadtrat das nicht einsehen will. Denn wie soll sich der Preisträger freuen, wenn seine Wahl so umstritten ist, es zu so vielen Querelen kommt?

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.06.2018, 18:42 Uhr

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