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«Ich gehe davon aus, dass er mich betrogen hat. Ja, und?»

Die Strafverfolger des Kantons Schwyz ermitteln gegen den ehemaligen Seelsorger von Küssnacht am Rigi. Ein Betrogener nimmt den Pfarrer in Schutz.

Will sein Geld nicht zurück: Organist Kneubühler. Bild: Michele Limina

Will sein Geld nicht zurück: Organist Kneubühler. Bild: Michele Limina

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Armin Kneubühler, 67, hat dem Pfarrer schon vergeben: «Ich bin nicht nachtragend. Das Geld, das ich ihm gegeben habe, betrachte ich als Spende für ihn. Ich will es nicht zurück.» Kneubühler sitzt am Tisch in seiner Wohnung – vor ihm liegen Papiere: ein Brief des Pfarrers, ein Bankbeleg, das Schreiben eines Anwalts, Zeitungsausschnitte.

Kneubühler ist seit zehn Jahren Kirchenmusiker in Küssnacht. Und als solcher arbeitete er eng mit dem langjährigen katholischen Pfarrer zusammen. Mit dem Geistlichen, der vor den Sommerferien wegen einer abenteuerlichen Geschichte in die Schlagzeilen geriet: Der 47-Jährige leidet an einer schweren Spielsucht, und diese finanzierte er jahrelang, indem er vertraute Personen um Geld anpumpte. Heute hat er bei fast 50 Gläubigern rund 1,5 Millionen Franken Schulden.

Am 20. Januar war es, als der Pfarrer auch Kneubühler ins Vertrauen zog. Er schrieb ihm ein zweiseitiges Mail. Darin schilderte er, wie alles anfing, damals, vor zehn Jahren im Casino Luzern. Wie er 200 Franken gewann und dachte, so könne er seinen Lohn aufbessern. Er erzählte, wie er immer tiefer in den Strudel geriet, nächtelang Roulette und Blackjack spielte. Und wie er, als er Schulden hatte, um Geld bettelte – zum Teil auch mit Lügen. Im Brief an Kneubühler pochte er auf Verschwiegenheit, appellierte ans Beicht­geheimnis. Und bat um einen fünfstelligen Geldbetrag – so kom-me er vorerst aus dem Gröbsten raus. Das Geld würde er in Raten von monatlich 800 Franken zurückzahlen.

Karitative Zwecke als Vorwand angegeben

Kneubühler las den Brief und glaubte, er sei der Einzige, der um Geld angegangen werde. Er zögerte keine Sekunde. Schon am nächsten Tag überwies er die Summe. Wenige Tage später sass der Pfarrer in seiner Wohnung und unterzeichnete den Darlehensvertrag.

Einiges deutet darauf hin, dass sich der Pfarrer mit seinem Verhalten strafbar gemacht hat. Offenbar hat er seinen Gläubigern teilweise auch vorgegaukelt, er werde das Geld für karitative Zwecke einsetzen, was aber nicht stimmte. Zudem ging er auch betagte Menschen an.

Tatsächlich befasst sich nun die Staatsanwaltschaft des Kantons Schwyz mit dem Fall. Martin Ochsner, der zuständige Ermittler, bestätigt, dass gegen den ehemaligen Küssnachter Pfarrer eine Strafuntersuchung eingeleitet wurde. Offen bleibt, ob die Justiz von sich aus oder wegen einer Strafanzeige eines Gläubigers tätig geworden ist. Weitere Fragen beantwortet der Staatsanwalt nicht. Auch der Anwalt des Pfarrers und der Betroffene äussern sich nicht. Der Anwalt bestätigt einzig, dass der Pfarrer immer noch stationär in einer Klinik wegen seiner Spielsucht therapiert wird.

«Sehr nett, hilfsbereit, sehr dankbar und sehr charismatisch – alle lieben ihn im Dorf. Es ist magisch.»

Wenn ein Staatsanwalt eine Untersuchung eröffnet, muss er einen konkreten Verdacht auf strafbares Verhalten haben. Es ist davon auszugehen, dass im vorliegenden Fall insbesondere Betrug und Urkundenfälschung in Betracht kommen.

Kirchenmusiker Kneubühler kümmert sich nicht um solche Fragen – seine Loyalität bleibt ungebrochen. Er sagt: «Ich gehe sogar davon aus, dass er mich betrogen hat. Ja, und? Ich habe zehn wunderschöne Jahre mit ihm in Küssnacht verbracht.» Der Pfarrer sei «sehr nett, hilfsbereit, sehr dankbar und sehr charismatisch – alle lieben ihn im Dorf. Es ist magisch.» Wenn er jeweils über die Schwelle in die Kirche getreten sei, «wuchs er über sich hinaus». Und bei Beerdigungen «fand er immer die richtigen Worte mit der nötigen Distanz». Sie hätten viele gute Gespräche gehabt. «Sie waren nicht tiefsinnig oder emotional. Mit ihm konnte ich gut über Fussball reden. Er ist ein Fussballfan. Sein Verein ist der FCZ.»

Als müsse er seine Worte beweisen, setzt sich Kneubühler hinter sein Klavier, stimmt ein altirisches Segenslied an. «Mögen sich die Wege vor deinen Füssen ebnen, mögest du den Wind im Rücken haben», singt der Organist aus voller Kehle. Als er fertig ist, lächelt er – und sagt: «Ich bin überzeugt, dass der Pfarrer das Lied hören wird.»

Erstellt: 18.08.2018, 22:44 Uhr

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