Durchbruch im Fall Vincenz

Der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich ist es gelungen, entscheidende Akten freizubekommen.

Ex-Raiffeisen-Chef: Pierin Vincenz. Foto: Esther Michel

Ex-Raiffeisen-Chef: Pierin Vincenz. Foto: Esther Michel

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Eigentlich glaubte Lorenz Erni, dass er einen Weg gefunden hat, das Verfahren gegen seinen Klienten Pierin Vincenz um Monate, wenn nicht gar Jahre, verzögern zu können.

Doch nun scheint es, als würde der Anwalt mit seiner Taktik ins Offside laufen. Wie aus verlässlichen Quellen zu hören ist, ist es der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich gelungen, Akten von Beat Stocker freizubekommen. Dieser war lange Zeit der Geschäftspartner von Vincenz. Er war bei allen umstrittenen Deals, die Vincenz in seiner Zeit als Raiffeisen-Chef initiierte, dabei.

Als am 27. Februar 2018 die Raiffeisen-Affäre eskalierte und Vincenz und Stocker verhaftet wurden, kam es bei beiden zu Hausdurchsuchungen und zur Beschlagnahmung von Akten und elektronischen Datenträgern. Computer, Handys und alles andere, was Daten speichern kann, wurden beschlagnahmt. Stocker und Vincenz liessen alles versiegeln, und Erni kämpfte vor dem Zürcher Zwangsmassnahmengericht erfolgreich dafür, dass jedes Dokument gesichtet werden muss, bevor es für den Staatsanwalt freigegeben wird.

Verdacht auf ungetreue Geschäftsbesorgung

Damit blockierte er erfolgreich die Ermittlungen. Es sah danach aus, als ob er damit auch künftig erfolgreich sein würde, denn jeder Entscheid des Zwangsmassnahmen­gerichts lässt sich ans Bundesgericht weiterziehen, was eine weitere Verzögerung bewirkt. Damit wären ältere Fälle von umstrittenen Firmenkäufen möglicherweise verjährt, ­namentlich der Kauf der Firma Commtrain durch die Kreditkartenfirma Aduno im Jahr 2007. Vincenz war als Raiffeisen-Chef auch Präsident des Aduno-Verwaltungsrats. Beat Stocker war der CEO.

Inzwischen ist klar, dass beide privat am Kauf von Commtrain 1,8 Millionen Franken verdient haben. Es besteht der Verdacht auf ungetreue Geschäftsbesorgung. Hier würde 2022 die Verjährung greifen. Bis dann kann Erni die Aktenfreigabe allenfalls verhindern.

Dokumente enthalten Details zu umstrittenen Deals

Doch nachdem Stockers Akten freigegeben sind, hat das Manöver viel weniger Bedeutung. Denn die Korrespondenz zwischen ihm und Vincenz ist nun zu einem grossen Teil einsehbar. Interessant für die Staatsanwaltschaft sind Stockers Akten, Mails und Aufzeichnungen darum, weil er darin auch Details zu den umstrittenen Deals festgehalten hat.

Dank den Akten gibt es auch Fortschritte im Fall Investnet. Raiffeisen verhandelte ab 2011 mit den alten Eigentümern über die Übernahme dieser Firma. Verhandlungsführer im Auftrag von Raiffeisen war Stocker. Doch 2013 beteiligte er sich persönlich an der Firma. Schliesslich kaufte Raiffeisen Investnet zu 60 Prozent und zahlte dafür den beiden Gründern je 20 Millionen Franken. Dann überwies das Duo Stocker 5,8 Millionen Franken. Dazu gab es einen ­Treuhandvertrag. Kurz darauf zahlte Stocker Vincenz 2,9 Millionen Franken, angeblich als Darlehen zum Kauf einer Immobilie im Tessin. Gekauft wurde die aber nie.

Gemäss Recherchen taxiert die Staatsanwaltschaft das «Darlehen» darum als «Bestechung». Doch es ist ein Darlehensvertrag aufgetaucht, der auf den ersten Blick Vincenz’ Behauptung stützt. Die Frage ist, ob der Vertrag ernst gemeint war oder nur der Tarnung diente. Dazu gibt es in den Akten Hinweise. Ob sie als Beweise reichen, wird sich vor Gericht zeigen. Es gilt die Unschuldsvermutung.



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Erstellt: 07.12.2019, 19:35 Uhr

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