Ständig hungrig

Neandertaler brauchten viel mehr Nahrung und Sauerstoff als der Homo sapiens.

Neandertaler: Sie rannten viel, mussten grosse Tiere jagen und sich warm halten. Foto: SPL/Keystone

Neandertaler: Sie rannten viel, mussten grosse Tiere jagen und sich warm halten. Foto: SPL/Keystone

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Die Neandertaler waren uns in vielem ähnlich, doch ihre Gesichter verraten sie als lediglich entfernte Verwandte des modernen Menschen. So standen die Kiefer der Neandertaler deutlich weiter nach vorne. Und ihre Nasen sahen in unserem heutigen Verständnis wie breite Knollen aus. Lange glaubten die Forscher, die Neandertaler hätten die starken Kiefer vor allem als Werkzeug eingesetzt, weil ihre Zähne Abnützungsspuren zeigen. Und die Knollennase habe ihnen dabei geholfen, die kalte Atemluft besser zu temperieren, vor allem während der Kälteperioden in Europa. Ein internationales Forscherteam hat diese Theorien nun mit modernsten Methoden überprüft und kommt zu einem anderen Ergebnis.

Die Neandertaler waren demnach Superatmer. Sie konnten mit einem Atemzug deutlich mehr Luft inhalieren als der moderne Mensch – und auch als der Homo heidelbergensis, eine Menschenart, die vor 200'000 Jahren ausgestorben ist. Das hatte einen guten Grund. Die Neandertaler brauchten nicht nur enorme Mengen Sauerstoff, sie hatten auch einen Energiebedarf, von dem viele Übergewichtige heute nur träumen können: Rund 4500 Kalorien musste ein Neandertaler pro Tag umsetzen, um sein Überleben vor allem im Winter zu sichern.

«Unsere Resultate zeigen, dass die Neandertaler wohl eine andere metabolische Strategie verfolgten als der moderne Mensch», sagt William C. H. Parr, Biomechaniker an der australischen New South Wales University und einer der Hauptautoren der Studie. Auch der englische Neandertaler-Experte Chris Stringer vom Natural History Museum London war an den Forschungen beteiligt. «Ihr Metabolismus war nicht so effizient wie unserer, bei Anstrengungen verbrannten sie besonders viele Kalorien», sagt Parr. Und ein anstrengendes Leben hatten die Neandertaler auf jeden Fall. Sie rannten viel, mussten grosse Tiere jagen und sich in kalten Klimazonen ohne Daunenjacken warm halten.

Ein moderner Mensch hätte längst japsend auf Mundatmung umgestellt

Um die Atemtechniken zu untersuchen, fertigte das Forscherteam im Computertomografen Scans an von Schädeln heutiger Menschen, von Neandertalern und vom Homo heidelbergensis. Auf der Basis dieser Scans entstanden virtuelle Rekonstruktionen der Schädel. An diesen testeten die Forscher dann verschiedene Computersimulationen, um herauszufinden, wer wie zubiss und wie die Luft beim Atmen durch die Nasen und Rachenräume strömte. Dabei zeigte sich, dass die Neandertaler keinen besonders starken Biss hatten. Sie waren aber beinahe doppelt so effektiv beim Atmen wie der moderne Mensch.

Die Neandertaler konnten deshalb auch bei körperlicher Anstrengung länger durch die Nase atmen, während ein daneben herspurtender moderner Mensch längst japsend auf Mundatmung hätte umstellen müssen.Die Neandertaler lebten während mindestens 100'000 Jahren in Europa. Sie starben vor rund 30'000 bis 35'000 Jahren aus, lebten vorher aber mehrere Tausend Jahre in Europa mit dem aus Afrika eingewanderten Homo sapiens zusammen. Die beiden Menschenarten waren sich so ähnlich, dass sie sich sogar miteinander fortpflanzen konnten. So tragen Europäer noch heute rund zwei Prozent Neandertal-DNA in sich.

Erst kürzlich gelang es Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, die Genome von fünf Neandertalern zu sequenzieren. Die Knochen sind zwischen 39'000 und 47'000 Jahre alt. Ihre DNA passt zu jenen Spuren, die moderne Europäer in sich tragen. Allerdings hatten sie selbst keine DNA-Spuren des Homo sapiens. Noch ist nicht klar, ob die Fortpflanzung nur einseitig klappte oder ob die Anzahl der Funde einfach noch zu klein ist, um einen beidseitigen Austausch zu belegen.

Kunstvoll gefertigte Zeichnungen zeigen «eindrucksvolles symbolisches Denken»

Die Forschungen der letzten Jahre haben das Bild korrigiert, das von den Neandertalern lange kursierte. Sie waren keine primitiven Vormenschen, sondern hatten bereits viele Fähigkeiten, die wir bisher nur für uns beanspruchten. Im Februar bewies eine genauere Analyse der Wandmalereien in der spanischen La-Pasiega-Höhle, dass die Zeichnungen rund 65'000 Jahre alt sind und von Neandertalern stammen müssen. Die mit roter Farbe kunstvoll gefertigten Zeichnungen seien ein «eindrucksvolles Beispiel für symbolisches Denken», schrieben die Forscher. Auch mit Pigmenten gefärbte Muscheln, vermutlich Schmuckstücke, hat man schon aus der Zeit der Neandertaler gefunden. Ebenso begruben sie wohl ihre Toten.

Noch immer nicht ganz geklärt ist, warum die Neandertaler verschwanden. Die neue Studie liefert ein weiteres Puzzlesteinchen in diesem Zusammenhang. Ihr hochtouriger Metabolismus könnte ihnen einen Nachteil gegenüber dem Homo sapiens verschafft haben. Beweisen lässt sich das bisher aber nicht definitiv.

Zudem waren die Neandertaler vermutlich zahlenmässig keine besonders grosse Gruppe. Das hat die genaue Genom-Ana­lyse eines Fundes aus Kroatien und eines viel früheren Fundes aus dem Altai-Gebirge ergeben. Die beiden Neandertaler zeigten eine viel engere Verwandtschaft als zwei zufällig gewählte heutige Europäer, die sogar in der gleichen Zeitepoche leben. «Beim sogenannten Aussterben spielen jeweils biologische, kulturelle und historische Faktoren mit», sagt Christoph Zollikofer, Professor am Anthropologischen Institut der Universität Zürich. Zum Beispiel habe das Aussterben der Urbevölkerung Nordamerikas wenig mit deren Biologie zu tun, und Ähnliches könnte für die Neandertaler gelten.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.04.2018, 18:09 Uhr

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