Ständig unter Strom

Während wir Smartphones nutzen, werden Stresshormone ausgeschüttet. Das ist auf Dauer ungesund

Immer griffbereit: Das Smartphone ist längst zum unverzichtbaren Accessoire geworden. Foto: Getty Images

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Die meisten Menschen würden eigentlich lieber weniger Zeit mit ihrem Smartphone verbringen. Eigentlich. Und das wäre auch eine gute Idee, denn die Hinweise mehren sich, dass der Smartphone-­Gebrauch eine ganze Palette negativer Folgen haben kann: Eine exzessive Handynutzung beeinträchtigt den Schlaf, die Beziehung, das Gedächtnis, die Aufmerksamkeitsspanne, die Kreativität, die Produktivität sowie die Fähigkeiten, Probleme zu lösen und Entscheidungen zu treffen.

Es gibt indes noch einen weiteren Grund, die Beziehung zu den Geräten zu überdenken. Indem sie die Spiegel des Stresshormons Cortisol chronisch anheben, bedrohen die Handys nämlich die Gesundheit generell und verkürzen möglicherweise sogar das Leben.

Bis jetzt haben sich die Diskussionen um die biochemischen Auswirkungen des Smartphone-Gebrauchs meist auf Dopamin fokussiert. Dieser Hirnbotenstoff spielt eine zentrale Rolle bei der Belohnung, aber auch bei Gewohnheiten, Sucht und Abhängigkeit. Wie einarmige Banditen im Spielca­sino sind Smartphones und Apps so designt, dass sie die Ausschüttung von Dopamin ankurbeln – immer mit dem Ziel, dass es uns schwer und schwerer fällt, die Geräte wegzulegen oder die Apps zu schliessen. Das sei der Grund, glauben viele Experten, dass wir von den Handys abhängig werden.

Apps schaffen ein konstantes Pflichtgefühl

Aber die Effekte, welche die Smartphones auf Cortisol haben, sind möglicherweise noch alarmierender. Wenn Cortisol, das primäre Kampf-oder-Flucht-Hormon, ausgeschüttet wird, steigen der Blutdruck, die Herzfrequenz und der Blutzuckerspiegel. Das alles hilft uns, gegen eine akute Bedrohung wie etwa den Angriff eines Bullen zu reagieren und diesen zu überleben. Unser Körper schüttet Cortisol allerdings auch als Reaktion auf emotionale Stressfaktoren aus. Nur: Eine erhöhte Herzfrequenz bewirkt nichts Gutes, wenn man auf dem Smartphone eine Nachricht des verärgerten Chefs liest.

Wenn sie nur gelegentlich vorkommen, schaden Cortisol-­Flashes nicht gross. Der durchschnittliche Schweizer starrt aber rund zwei Stunden pro Tag auf sein Smartphone (Amerikaner verbringen sogar vier Stunden damit) und hat sonst das Gerät fast immer in Reichweite. «Mobilgeräte, die voll sind mit Social-Media-, News- und E-Mail-Apps schaffen ein konstantes Pflichtgefühl und verursachen so persönlichen Stress», schreibt dazu Google in einem Report.

Chronisch erhöhte Cortisolspiegel

«Die Cortisolspiegel sind schon erhöht, wenn das Telefon in Sichtweite ist, wenn man es hört oder auch nur denkt, man höre es», sagt David Greenfield, Professor für Klinische Psychiatrie an der University of Connecticut. «Das ist eine Stressreaktion, die sich unangenehm anfühlt.» Es sei dann eine natürliche Reaktion, das Smartphone zu checken, um den Stress dadurch zu beseitigen.

Das ständige Nachschauen mag für ein paar Sekunden beruhigen, doch langfristig verschlimmert es die Sache. Denn jedes Mal, wenn man das Handy checkt, findet man wieder etwas anderes, was einen potenziell stressen kann. Dies bedeutet ein erneutes Cortisol-Flash und ein abermaliges Verlangen, das Gerät zu checken, um sich zu beruhigen. Wiederholt sich dieser Zyklus ständig, führt das zu chronisch erhöhten Cortisolspiegeln.

Man weiss, dass chronisch erhöhte Cortisolspiegel mit einer Reihe von ernsthaften Gesundheitsproblemen im Zusammenhang stehen: Depression, Fettleibigkeit, Diabetes, Bluthochdruck, Fruchtbarkeitsprobleme, Herzinfarkt, Hirnschlag und Demenz. «Jede chronische Krankheit, die wir kennen, wird durch Stress verschlimmert», sagt Robert Lustig, emeritierter Professor für pädiatrische Endokrinologie an der University of California in San Francisco. «Unsere Telefone tragen dazu massgeblich bei.»

Neben den möglichen Langzeitgesundheitsfolgen kann Smartphone-induzierter Stress auch kurzfristig lebensbedrohlich sein. So schwächen erhöhte Cortisolspiegel die Funktion des präfrontalen Cortex, einer Hirnregion, die unter anderem für die Entscheidungsfindung und das rationale Denken zuständig ist. Ist die Funktion des präfrontalen Cortex durch die Stressreaktion beeinträchtigt, leidet die Selbstbeherrschung. Wenn nun noch der Drang dazukommt, sich zu beruhigen, kann das uns dazu verleiten, Dinge zu tun, die potenziell sehr gefährlich sein können, wie etwa SMS schreiben beim Autofahren.

Natürlicher Rhythmus aus dem Gleichgewicht

Die Effekte von Stress können sich noch verstärken, wenn wir uns konstant Sorgen machen, es könnte etwas Schlimmes passieren, sei dies eine körperliche Attacke oder ein ärgerlicher Kommentar in den sozialen Medien. In Bezug auf Smartphones manifestiert sich der Zustand der erhöhten Aufmerksamkeit manchmal in sogenannten Phantomvibrationen: Dabei fühlen Menschen ihr Telefon in der Tasche vibrieren, obwohl dieses gar nicht in der Tasche ist.

«Alles, was wir tun und erleben, kann unsere Physiologie beeinflussen und Schaltkreise im Gehirn so verändern, dass sie uns empfänglicher für oder resistenter gegen Stress machen», sagt Bruce Mc­Ewen, Leiter des Labors für Neuroendokrinologie an der Rockefeller University in New York. Die Cortisolspiegel unterliegen laut Mc­Ewen Schwankungen im Tagesverlauf. Dieser natürliche Rhythmus kann aus dem Gleichgewicht geraten, wenn man weniger als acht Stunden schläft. Und dies sei leicht möglich, wenn man vor dem Zu-Bett-Gehen noch das Handy checkt.



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Erstellt: 11.05.2019, 18:18 Uhr

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So können Sie den Smartphone-Stress reduzieren


  • Schalten Sie alle Benachrichtigungen aus, die Sie nicht zwingend brauchen.


  • Verbannen Sie jene Apps vom Homescreen, die sie am meisten stressen, oder löschen Sie diese gleich.


  • Nehmen Sie regelmässig digitale Auszeiten: Legen Sie das Smartphone beim Essen weg, lassen Sie es während einer Wanderung im Rucksack, oder versuchen Sie gar, mal 24 Stunden ganz auf das Handy zu verzichten.


  • Erklären Sie das Schlafzimmer zur handyfreien Zone.


  • Finden Sie heraus, mit welchen Apps Sie am meisten Zeit verbringen, und versuchen Sie gezielt, dort zu reduzieren.

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