Stahlhartes Erbe

Alles im Fluss: Wie sich die österreichische Industriestadt Linz zum Kulturvergnügen wandelt.

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Von der Terrasse im fünften Stock des kühnen Baus sieht man nicht nur die schöne blaue Donau, man überblickt auch das gesamte Firmengelände: die braunen Schlote der Hochöfen, den rot-weiss gestreiften Kamin des gigantischen Kraftwerks, den blauen Turm, in dem das Management residiert, zwei Gasometer und in Rostrot das eigentliche Stahlwerk. Fünf Quadratkilometer umfasst das Areal von Voestalpine; 10 000 Leute arbeiten hier. Zur Linken entsteigt brauner Dampf weiteren Schloten. «Das sind fremde Chemiewerke», beschwichtigt Ursula Hirscher. Ihre Mission besteht darin, Besucher durchs Museum eines der weltweit bedeutendsten Stahlproduzenten zu führen.

Die auf den ersten Blick wenig aufregende Materie in der «Stahlwelt» an der Peripherie von Linz fesselt je länger, desto mehr: Wir erfahren, dass der Konzern 500 Standorte auf dem Globus unterhält und in Linz vor allem millimeterdünne Bleche für Autos und Haushaltsgeräte herstellt. 8500 Tonnen Rohstahl fliessen täglich aus dem Hochofen. Die wichtigsten Mitarbeiter sind die Schmelzer, die zu viert den sogenannten Abstich machen. Schutzanzüge bewahren sie vor 2200 Grad Celsius heissen Metallspritzern.

In Hirschers Gruppe wandern zwei ranghohe Eisenbahner aus dem nahen Tschechien mit; sie interessieren sich vor allem für Weichen und Gleise. Voestalpine ist führend in deren Produktion – ­allerdings nicht in Linz, sondern in der Steiermark.

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Der Konzern mit der dunklen Vergangenheit im Dritten Reich prägte die Stadt. Die Hermann-Göring-Werke waren ein unentbehrlicher Rüstungsbetrieb der Nazis und beschäftigten auch Zwangsarbeiter und KZ-Häft­linge. Hitler hatte den Narren an Linz gefressen. Er plante hier eine 60 Meter breite Prachtstrasse für Aufmärsche und einen gigantischen Museumsdom, in dem Raubkunst gezeigt werden sollte. Die Stadt und das Stahlwerk erlitten zwei Dutzend Bombardierungen der Alliierten – und kamen in den Aufbaujahren nach dem Krieg wieder zu wirtschaftlicher Blüte.

Der Wandel kam auch mit einem Schweizer

«Linz galt aber als schmutzig, unattraktiv für Gäste», sagt Georg Steiner. Der CSU-Politiker aus dem bayerischen Passau versieht seit einer Dekade das Amt des Tourismusdirektors in der oberösterreichischen Landeshauptstadt. Steiner hat zu einem erstaunlichen Wandel beigetragen: «Unglaublich, was hier an Museen und Kulturschauplätzen entstanden ist – nicht für Touristen, sondern vor allem für die Einheimischen.»

Der Wechsel vom Industriemief hin zur Lebensqualität beschleunigte sich 2009, als Linz den Titel «Europäische Kulturhauptstadt» trug und der Schweizer Intendant Martin Heller 220 Projekte überwachte. «Er fokussierte auf den Menschen», sinniert Steiner, «durch Heller bin ich schon fast zum Philosophen geworden.» Die Botschaft von 2009 lautete: «Entschleunigen, zur Ruhe kommen.» «Die Neugierigen sollen Linz besuchen», sagt der oberste Touristiker «nicht jene, die schon alles gesehen haben.»

Das Erbe der Kulturhauptstadt lebt: Ein paar Meter von der schönen Fussgängerzone entfernt, kann man Sommer für Sommer in den Himmel entfliehen. Der Kunstparcours «Höhenrausch» im Oberösterreichischen Kulturquartier (OK) verbindet mittels Treppen, Stegen und Brücken sechs Dächer. Über der Stadt erhebt sich ein 30 Meter hoher Turm wie ein Mast mit einem fliegenden Schiff – ein Werk des russischen Künstlers Alexander Ponomarev. «Das andere Ufer» lautet das rauschhafte Thema 2018. Dank der Donau ist Linz die Stadt des Wassers, alles scheint hier ständig im Fluss zu sein. Internationale Künstler haben auf einem Einkaufszentrum, im Estrich der St.-Ursulinen-Kirche oder auf einem Parkdeck eine Welle aus ­Absperrgittern geschaffen, eine audiovisuelle Installation mit Donaugeräusch oder eine mahnende ­Figur aus Treibgut. «Wir möchten den Besuchern eine andere Sicht auf Linz und die Welt anbieten», sagt Genoveva Rückert, eine der Kuratorinnen des erfolgreichen Ausstellungsformats.

Eine heisse Scheibe, eingeklemmt in eine Semmel

Zurück auf dem Boden der Tatsachen löst Hunger den Rausch ab. Wir könnten nun die berühmteste Spezialität, die Linzer Torte, in einer der unzähligen Konditoreien naschen. Aber statt des Mürbeteig­gebäcks mit Zimt und Haselnuss und dem typischen Belag aus Johannisbeerenkonfi lockt Währschaftes in der barocken Altstadt. Am riesigen Marktplatz dampfen bei Leberkas-Pepi ein Dutzend Fleischkäsesorten. Simpel, aber köstlich: eine heisse Scheibe, von der Nature-Variante bis zu Leberkas mit Spinat oder Chili, eingeklemmt in eine Semmel. Den Pepi gibt es nicht; hinter der stylischen Imbissbude steckt eine geniale Geschäftsidee, die jetzt auch Wien erreichte.

Lange reiste nur nach Linz, wer nicht umhinkam. Bei Touristen genoss die Hafen- und Handelsstadt keinen nachhaltigen Ruf. Vom Industriedunst war schon die Rede; vielleicht war bis zum Imagewandel die Lage zwischen Wien und Salzburg ein Nachteil, zwischen Walzertraum und Mozartbegeisterung. Dabei hat die 200 000-Einwohner-Stadt auch einen grossen Musikersohn. Der Komponist Anton Bruckner (1824–1896) ruht im Barockstift St. Florian ausserhalb von Linz. Er hat die Bruckner-Orgel im Alten Dom hinterlassen. Der Zeitgenosse Wagners, der unvergleichliche Symphonien schrieb und fast krankhaft gottesfürchtig war, gab die Anleitung zum Umbau des schwer zu spielenden Instruments, aus dessen 3000 Pfeifen die Töne zeitversetzt dringen.

Einer, der sich von Amtes wegen besonders mit dem Meister auseinandersetzt, ist Markus Poschner. Der junge Chefdirigent des Bruckner-Orchesters fühlt sich in Linz pudelwohl: «Die Stadt ist nach vorne gerichtet, auch in der Musik.» Poschner, der im Nebenamt das Orchestra della Svizzera Italiana in Lugano leitet, führt in Linz das zweitgrösste Orchester Österreichs mit 130 Musikern. Es bespielt neben dem Landestheater das 2013 eröffnete Musiktheater am Volksgarten. Poschner und das Bruckner-Orchester fördern niederschwellige Angebote, etwa mit kommentierten Lunchkonzerten. Der Spross einer Münchner Musikerfamilie will Bruckners Symphonien «den Weihrauch nehmen». Seine Vision: «Du stellst das ­Radio ein, hörst eine Bruckner-Symphonie und spürst: Das ist die Interpretation aus Linz.»

Und so gehen in dieser ungewöhnlichen Stadt viele durchaus selbstbewusst einen eigenwilligen Weg – mal stahlhart, mal himmelhochrauschend, mal leberkasweich.

Die Reise wurde unterstützt von der Österreich Werbung. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.06.2018, 15:31 Uhr

Tipps und Infos

Anreise Mit ÖBB Rail-Jet mehrmals täglich via Buchs SG, Innsbruck, Salzburg nach Linz. www.oebb.at

Unterkunft Schwarzer Bär, familiäres Hotel in der Innenstadt, www.linz-hotel.at

Essen Linzertorte zum Beispiel in der Konditorei Jindrak, www.jindrak.at; Fleischkäse bei www.leberkaspepi.at

Industrie
www.voestalpine.com/stahlwelt

Kultur Höhenrausch täglich bis 14. Oktober, www.hoehenrausch.at

Programm Bruckner-Orchester www.landestheater-linz.at

Sightseeing Neuer Dom und Alter Dom mit Bruckner-Orgel, barocke Altstadt mit Schloss, Ars Electronica.

Allgemeine Infos www.linztourismus.at

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