Mit dem Spitzen-BH im Stall

Beim Casting für den Bauernkalender legten die Kandidatinnen fast jede Scheu ab.

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Sie haben keinen Aufwand gescheut. Landwirte und Bauerntöchter aus dem ganzen Land sind am Freitag in aller Früh nach Seegräben ZH gereist. Manche auf dem Traktor, die meisten im Subaru. Einige haben den Hund, ein Kalb oder Pferd als Accessoire mitgebracht. Sie haben neue Unterwäsche gekauft und den Chueli-Gurt auf Hochglanz poliert. Sie haben Wein vom eigenen Rebberg, Erdbeeren oder einen Speckzopf eingepackt. Für die Jury, das kommt gut an. Die kernigen Naturburschen und die feschen Landmädchen haben ein Ziel: Sie wollen in den sexy «Schweizer Bauernkalender». April-Girl oder August-Boy sollen zeigen, welche natürliche Schönheiten unsere Landwirtschaft zu bieten hat.

Fürs Casting auf der Farm der Familie Jucker am idyllischen Pfäffikersee haben sich 150 Frauen und Männer beworben, 50 wurden aufgeboten, einige sagten ab. Der Grund: Es ist Heuwetter! Der Landwirt muss mähen! Fotoshooting hin oder her. Das Casting findet in einem Schopf statt, ein paar Strohballen dienen als Dekor. Eine Motorsäge, Mähmaschine, Mistgabel, ein Hammer und ein Besen stehen fürs Foto bereit. Ab und zu kommt ein Geisslein zum Einsatz.

Als Erster stellt sich Stephan aus Gossau ZH den Blicken und Fragen der Jury – darunter wie jedes Jahr Renzo Blumenthal, der schönste Bauer im Land, und erstmals Schwingerkönigin Sonia Kälin im süssen rosa-hellblauen Dirndl. Stephan hat Kälbchen Nicole im Schlepptau. Die «Requisite», wie er sagt, wird ihm beim Shooting das Gesicht ablecken. Stephan ist 34 und findet, das sei seine letzte Chance, Kalenderboy zu werden. Die Frau stehe voll hinter ihm. Gleich zwei «Bauernkalender» hängen bei ihm zu Hause: Die Girls in seiner Werkstatt, die Boys an der Kellertür, wo sie vor allem die Frau sehe.

Auf das Kälbchen folgt ein Speck. Ruedi, 24, gelernter Metzger aus Hirzel ZH, stellt sich vor: «Ich habe einen Mocken Speck dabei, weil mir Tiere allgemein sehr wichtig sind.» Debora, 20, aus Steg ZH, verteilt Fotos vom elterlichen Betrieb, der in der Bergzone II liegt. Was sehr viel Handarbeit bedeute, sagt sie mit Blick auf den Bündner Bergbauer Renzo Blumenthal. Sie errötet leicht: Sie sei «uh Fan von Renzo».

Wenn oben ohne, dann nur «mit Büsi oder Chüngel»

Renzo Blumenthal, 41, ist, so scheints, der Traummann vieler Bauerntöchter. Das Haar ist etwas lichter, etwas grau geworden, aber die blauen Augen und die weissen Zähne strahlen wie eh und je im gebräunten Gesicht. Die Arbeit auf dem Biohof in Vella GR hält ihn offensichtlich in Form. Der Mister Schweiz von 2005 ist heute «erfolgreich als Landwirt und Unternehmer», steht auf seiner Website. Unter dem Label «Renzo Blumenthal» verkauft er Biofleisch und -wurst sowie «Renzo-Bier». Inzwischen ist er Vater von vier Kindern, aber «jetzt isch Schluss». Seine Ladina ist nach wie vor «als grosse Unterstützung» an seiner Seite. Und sie hat auch nichts dagegen, dass er heute Girls begutachtet.

Seit 2005 ist der erfolgreichste Schweizer Kalender mit den reizenden Landmädchen nicht mehr aus dem Schweizer Stall wegzudenken. Seit 2009 dürfen sich die Bäuerinnen an einer Boys-Edition erfreuen. Renzo findet es wichtig, dass «wir Landwirte unsere positive, schmackhafte, erotische Seite präsentieren». Die Herausgeberin Calendaria AG behauptet kühn: Der Kalender habe im Verlauf der letzten Jahre deutlich zur Verbesserung des landwirtschaftlichen Images beigetragen.

Wer sich ausziehen will, wird nicht gehindert

«Die Kalender-Boys und -Girls müssen zwingend mit der schweizerischen Landwirtschaft in Verbindung stehen und in der Schweiz wohnhaft sein», sagt Organisator Hansjürg Walder. Wobei es reicht, auf einem Hof aufgewachsen zu sein oder einen Landwirt geheiratet zu haben. Jurymitglied Julia Spar von der Zeitung «Schweizer Bauer», dem Hauptsponsor, fragt die Kandidaten nach der Grösse des Hofes, dem Maschinenpark und der Rasse der Rinder, Holstein oder Brown Swiss? Eine Alterslimite nach oben gibts nicht: André, August-Boy im aktuellen «Bauernkalender» 2018, ist immerhin schon 55, er präsentiert sich mit offenem Sennenchutteli, sein Bauch ist behaarter als sein Kopf.

Heute, beim Casting, dürfe man sich «völlig frei präsentieren», so Walder, wer sich ausziehen wolle, werde nicht daran gehindert. Die Männer haben sich keine Gedanken zum Outfit gemacht, sie ziehen fürs Foto das Leibchen aus und fertig. Aus manch einer Unterhose lugt die Etikette hervor. Die jungen Frauen tragen praktisch alle Hotpants, die ganz Verwegenen lassen den obersten Knopf offen. Alle posieren im Spitzen-BH. Steinchen glitzern im Bauchnabel, viele, viele Tattoos auf nicht nur schlanken Körpern. Was Renzo gar nicht stört, es dürfe ruhig «es bitzeli meh sii». Denn wer hart arbeite, müsse auch richtig essen.

Nadia, 19, aus Zuzwil SG wird von der Mutter begleitet. Die Bauerntochter sagt, sie fahre gern mit Landmaschinen rum. Und sie wollte immer schon in den «Bauernkalender», der seit je in Vaters Büro hängt. Dieser wäre enorm stolz, wenn die Tochter ausgewählt würde, sagt die Mutter. Der Kalender schaffte es dann wohl in die Küche. Wie weit die Tochter denn gehen dürfte? Wenn oben ohne, dann nur «mit Büsi oder Chüngel» verdeckt, so die Mutter.

Ganz ohne Schminke

Vier Schwestern aus Bettlach SO lassen sich begutachten – Nicole, 19, Andrea, 20, Claudia, 23, und Nadia, 25. Mit dabei Hund Johnny, ein beachtlicher Schweizer Senn, auch sein Halsband ist mit Chueli verziert. Es folgt der Auftritt von Cowgirl Michelle, 21, «aus Lozärn» mit Hengst Elwano, der zur Begrüssung eine Ladung Pferdeäpfel zu Boden klatschen lässt. Eine echte, gelernte Landwirtin ist Erika, 26, die auf dem Juckerhof arbeitet. Spontan hat sie sich überreden lassen und steht nun etwas verschwitzt und in Arbeitsklamotten vor der Jury. Ganz ohne Schminke im Gesicht lässt sie sich im schwarzen Sport-BH fotografieren und verschwindet gleich wieder zum Mosten.

Es ist nach zwölf, die Jury hat Hunger, wirkt zuweilen unkonzentriert. Jamie, 26, aus Bern, kommt wie gerufen: Sie hat selbst gebackenen Speckzopf mitgebracht. «Das gibt Extrapunkte!», ruft Renzo. Die Bauerntochter trägt Blumen im Haar und bezeichnet sich selbst als Landei. Es folgt Bauersgattin Barbara, 40, aus «Wau», also Wauwil LU, wo die Strafanstalt sei. Barbaras Hobby: Sie bepflanzt alte Schuhe. Hat einen Wanderschuh des Sohnes dabei – mit Edelweiss gefüllt. Barbara sagt, ihre Brüste seien ihr grösstes Plus, «sie sind garantiert echt», sagt sie und fasst sich an den Busen.

Nicht immer war alles echt. 2014 erschütterte ein Skandal die heile Welt des «Bauernkalenders». Plötzlich hatten die Landwirte keine Brusthaare mehr – posierten in engen Unterhosen. Glatt rasierte Naturburschen? Tatsächlich waren fast die Hälfte der Boys professionelle Models, die noch nie im Leben eine Mistgabel in den schwielenlosen Händen hielten. Der Schweizer Bauernverband distanzierte sich von diesem Produkt. Renzo Blumenthal war besonders erbost. Und weil er findet, die Schweizer Landwirte müssten sich nicht verstecken, stellte er sich gleich selber für die Ausgabe 2015 zur Verfügung: als August-Boy mit Lämmlein auf den nackten Schultern.

Auch dieses Jahr würden die Veranstalter wohl gern auf Renzo zurückgreifen. Das Angebot an flotten Männern hält sich in Grenzen. Christian, 32, aus Escholzmatt LU, Strohhut auf dem Kopf, goldenes Chueli im Ohr, Hände im Sack, stellt sich vor als «stolze Bsitzer vo zwei Rösser, zwölf Chüngle und zwei Hüener». Er ist gelernter «Baumschulist», arbeitet auf einem Pferdebetrieb, dessen Logo er auf der Weste trägt. Simon, 29, aus Zuzgen AG, bringt Eier mit. Er sagt, «wir haben zu Hause Eier, also Hühner, 500 Biohühner». Man sage, seine Zähne seien das Schönste an ihm. Simon sollte den Kaugummi rausnehmen, das macht keine Falle. Er posiert mit Mistgabel – wieder kein Waschbrettbauch.

Endlich ein Sixpack. Und erst noch Single

Dabei hatte sich die Schwingerkönigin sehr auf trainierte Körper gefreut. In ihrer Wohnung hängt kein «Bauernkalender», sie zieht Fotos von sich und Freund Stefan vor. Als Bauerntochter aus Einsiedeln hat sie sich «in jungen Jahren» selber einmal beworben. Sich dann aber nicht ans Casting getraut. Was hätte wohl die Schule gesagt, wenn sich die Sekundarlehrerin so offenherzig gezeigt hätte?

«Hoi mite­nand, ich bi de Nick.» Endlich ein Mann nach Sonias Geschmack. Smart sieht er aus, dunkles Hemd, dunkle Hose, charmant und selbstbewusst. Nick, 34, aus Wernetshausen ZH, Landwirt im Nebenerwerb, besitzt 200 Hühner und ein paar dieser kleinen robusten Galloway-Rinder. «Soll ich das Hemd ausziehen?», fragt er. «Ja bitte!», ruft die Schwingerkönigin. Und tatsächlich! Endlich ein Sixpack! Und dieses Sixpack ist erst noch Single. Deshalb werde er auch immer wieder auf die Kuppelsendung «Bauer, ledig, sucht . . .» angesprochen. Und? «Jesses Gott, nein!»

Ein Auge für kernige Burschen

Nick punktet auch bei Jurymitglied Jeroen Heusser, 49. Der Toggenburger hat ein Auge für kernige Burschen. 2014 war er Kandidat bei «Bauer, ledig», als schwuler Landwirt. Und er brachte es zum März-Boy 2018. Seit April ist Jeroen verheiratet mit Adil aus Marokko, zusammen leben sie auf dem Tobel-Hof in Mühlrüti SG. Haben es Schwule schwer in der Landwirtschaft? Nein, sagt Jeroen, «nicht, wenn man sich normal verhält». Das heisst, wenn man sich nicht «tuntig» benimmt.

Diejenigen, welche die Jury überzeugt haben, werden Ende Juni zum Kalendershooting aufgeboten. Generell lege man Wert auf Natürlichkeit, sagt Organisator Walder, «es wäre aber schon schöner, wenn die Frauen rasierte Körper hätten». Persönlich gefällts ihm am besten, wenn die Girls und Boys auf dem Kalenderblatt «etwas mit einer Maschine machen, Gras mähen, Traktor fahren oder Holz sägen». Wie Jennifer, August-Girl 2018, sie trägt ein weisses Röcklein und hat ein rotes Spritzgerät der Marke Birchmeier an den nackten Rücken geschnallt. Wohl zur Schädlingsbekämpfung in der Blumenwiese. Die ausgewählten Frauen und Männer bekommen einen finanziellen Zustupf, zehn Kalender gratis und weitere Kalender mit Rabatt. Und vor allem: einen prominenten Platz in jedem Stall im Schweizerland.

Erstellt: 29.05.2018, 07:12 Uhr

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