400 Prozent Rendite in einem Jahr

Der damalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz verdiente Millionen – gedeckt durch ein Gutachten von Starjurist Forstmoser.

Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser zu Pierin Vincenz. (Video: Lea Koch, Patrick Kühnis)

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Pierin Vincenz, langjähriger Chef von Raiffeisen, sitzt seit bald zwei Wochen hinter Gittern, weil er sich bei Übernahmen durch Raiffeisen und den Kreditkartenanbieter Aduno, an dem die Bank beteiligt ist, persönlich bereichert haben soll. Lange stritt er das ab und verwies auf angeblich unabhängige Gutachten, die bescheinigen würden, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei.

Beim Kauf der Commtrain Card Solutions AG (CCS) durch Aduno stützte sich Vincenz auf ein geheimes Gutachten des renommierten Aktienrechtlers Peter Forstmoser. Es liegt der SonntagsZeitung vor. Nun zeigt sich: Forstmoser war befangen. Gleich auf der ersten Seite weist er selber darauf hin, dass er Partner von Peter Honegger sei. Dieser war damals Vincenz’ Rechtsberater – und ist es bis heute.

Bei der Lektüre des Gutachtens sticht einiges ins Auge, so der zeitliche Ablauf der Vorgänge:

  • Am 9. Mai 2005 gibt Vincenz’ Rechtsanwalt Beat Barthold eine Vollmacht, treuhänderisch tätig zu werden, damit er sich an Commtrain beteiligen könne. Am 30. Juni wird die Firma i-Finance Management gegründet, «offenbar zum Zwecke der Beteiligung an der CCS». Vincenz beteiligt sich mit 50 Prozent am Beteiligungsvehikel. Die andere Hälfte hält der damalige Aduno-Chef Beat Stocker. Am 11. August wird eine Zusammenarbeitsvereinbarung mit Aduno abgeschlossen. Das ist eine Bedingung der i-Finance Management für die Beteiligung an Commtrain.
  • Am 6. Februar 2006 beauftragt der Aduno-Verwaltungsrat mit Vincenz an der Spitze eine dreiköpfige Taskforce unter der Leitung von Stocker, die Möglichkeit einer Übernahme von Commtrain zu prüfen. Das, nachdem Stocker dem Verwaltungsrat Commtrain als mögliches Zielunternehmen vorgestellt hatte. Man will schnell vorwärts machen; bis im April soll der Investitionsantrag vorliegen.
  • Am 27. März gibt Aduno ein Kaufangebot für 6 Millionen Franken ab. Die Commtrain-Aktionäre schliessen einen Aktionärsbindungsvertrag und bestätigen das Verkaufsinteresse. Im Sommer 2006 verhandelt Aduno mit Commtrain. Am 8. August einigt man sich auf einen Preis von 7 Millionen Franken. Davon gehen 4,2 Millionen Franken an i-Finance Management , «wovon Herr Vincenz 1,7 Millionen Franken erhielt» – nach Abzug der Einstandskosten, die offenbar für Stocker und Vincenz zusammen 800'000 Franken betrugen.

Für Vincenz galten keine Regeln

Ein gutes Geschäft für Vincenz und Stocker: Mit einem Einsatz von je 400'000 Franken fuhren sie innerhalb eines Jahres einen Gewinn von mehr als 400 Prozent ein. Forstmoser urteilt: «Ein erheblicher Gewinn in kurzer Zeit.» Trotzdem kommt er nach einem Gespräch mit Vincenz zu dem für Aussenstehende nicht nachvollziehbarem Schluss, bei diesem Geschäft habe es sich um eine Transaktion «at arm’s length» gehandelt, und Vincenz habe nicht wissen können, dass es zu einer Übernahme von Commtrain durch Aduno kommen würde. Forstmoser behauptet auch, es habe kein «Handeln auf beiden Seiten» gegeben. Dies, obwohl Vincenz Stocker, der gleichzeitig Aduno-Chef und Teilhaber an i-Finance Management war, mit der Bildung einer Kauf-Taskforce beauftragte. Auf der anderen Seite diktierte die i-Finance Management zwei Verträge, erst die Zusammenarbeit und dann den Verkauf der Commtrain. Zudem liess Vincenz ein Gutachten zum Wert der Commtrain erst im Nachhinein erstellen.

Über die rechtlichen Aspekte hinaus prüfte Forstmoser auch, ob Vincenz sich an die Regeln von Aduno und Raiffeisen hielt. Hier ist Erstaunliches zu lesen. Nämlich, dass das Handbuch für die Mitarbeiter nicht für den Verwaltungsrat galt und dass es zudem keine Bestimmung enthielt, die solche Geschäfte verbieten.

Der umstrittene Aktientausch im Jahr 2012, von dem angeblich auch Pierin Vincenz indirekt profitierte, zeigt das Verwaltungsratsprotokoll.

Im Regelwerk der Raiffeisen findet sich hingegen eine Bestimmung, die eine Ausstandspflicht für Organpersonen vorsieht, wenn Geschäfte behandelt werden, mit denen sie verflochten sind. Gegen diese Regel habe Vincenz verstossen, ist auf Seite 35 zu lesen. Trotzdem heisst es in der Zusammenfassung auf Seite 37, es habe keine Regelverstösse gegeben.

Interessant ist eine weitere Bemerkung, nämlich, dass das Mitarbeiterhandbuch auch bei Raiffeisen für Vincenz nicht galt. Insbesondere nicht die Bestimmung, wonach private Anlage- und Handelsgeschäfte über die eigene Bank abgewickelt werden müssten.

Dies war nicht der Fall im zweiten umstrittenen Geschäft, das die Untersuchungsbehörden beschäftigt, nämlich beim Kauf der Beteiligungsgesellschaft Investnet durch Raiffeisen. Dort erfolgte nach dem Kauf eine Zahlung von knapp 3 Millionen Franken an ein Konto von Vincenz bei der Bank Julius Bär, wie «Inside Paradeplatz» im Sommer 2016 berichtete.

Nach der Übernahme durch Raiffeisen machte Investnet grosse Verluste, zeigt das Protokoll der Generalversammlung von 2013.

Dieser Bericht führte zu einiger Aktivität, namentlich in Verwaltungsrat und Geschäftsleitung der Raiffeisen und im Verwaltungsrat von Aduno. Bei Aduno fragte ­Harald Nedwed, Chef der Migros-Bank, ob es stimme, dass im zeitlichen Umfeld mit dem Investnet-Kauf Beat Stocker an Pierin Vincenz Geld auf ein Konto bei Julius Bär überwiesen habe. Vincenz gab auch dies zu, behauptete aber, das sei fehlinterpretiert worden.

Raiffeisen übernahm faktisch überschuldete Firma

Interessant ist der Kauf von Investnet allemal. Das zeigt sich bei der Durchsicht von Verwaltungsrats- und Generalversammlungs-Protokollen, die der SonntagsZeitung vorliegen. So war die Firma beim Kauf durch Raiffeisen, der total 40 Millionen kostete, faktisch pleite. Im GV-Protokoll vom 30. April 2012 steht, dass bei einem Aktienkapital von 150'000 Franken Verlustvorträge von 102'911.80 Franken bestanden.

Die Beteiligungsverhältnisse im Jahr 2016 an der Investnet-Holding: Vinzenz hält 15 Prozent des Aktienkapitals.

Ein Jahr später, nach dem Einstieg von Raiffeisen und dem Beizug der Revisionsgesellschaft PWC, entstand ein weiterer Verlust von 550'000 Franken, weil sich die Bewertungen der Investnet-Beteiligungen als nicht haltbar erwiesen. An der GVvom 14. Juni 2012 wurde zudem ein seltsamer Aktientausch durchgeführt. Die Investnet-Aktionäre konnten ihre Anteile an einer praktisch überschuldeten Gesellschaft mit doppelt so vielen Anteilen an der Firma KMU Capital tauschen, einer Gesellschaft, die von Raiffeisen gehalten wurde. Der Nennwert der erhaltenen Aktien war sogar fünf mal höher. Von diesem Tausch profitierte angeblich Vincenz über einen Mittelsmann. Die Beteiligung an Investnet wurde ohne Buchprüfung durchgeführt, was der dafür verantwortliche Patrik Gisel fünf Jahre später bestätigte. Während seinem letzten Amtsjahr, im Sommer 2015, entfernte Vincenz Gisel aus dem Investnet-Verwaltungsrat und übernahm selber das Präsidium.

Auch gründete er die Investnet-Holding, in der die beiden Gesellschaften KMU Invest und Investnet zusammengeführt wurden. In die Gründung der Investnet-Holding investierte Raiffeisen auf Befehl von Vincenz 10 Millionen Franken. Später konnte er sich mit gut einer Million Franken einen Anteil von15 Prozent sichern. Angeblich ein fairer Preis, wie er immer behauptete. Wenn dem so ist, dann wäre die Investnet AG, die Teil der Holding wurde, viel weniger wert gewesen als die 40 Millionen Franken, die Raiffeisen zahlte. Insofern wäre bei diesem Deal der Bank ein Millionenschaden entstanden.


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Erstellt: 10.03.2018, 20:54 Uhr

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