400 offene Stellen gemeldet, 1 Mitarbeiter rekrutiert

83 Prozent der Hoteliers haben vom Inländervorrang nichts als Mehrarbeit. Die Zahl der vermittelten Stellen ist gering.

Stellenmeldepflicht als Bürokratiemonster: Das Badrutt’s Palace in St. Moritz gehört zu den Hotels, die vom Inländervorrang nichts haben.

Stellenmeldepflicht als Bürokratiemonster: Das Badrutt’s Palace in St. Moritz gehört zu den Hotels, die vom Inländervorrang nichts haben. Bild: Engadin St. Moritz

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Groteskes spielt sich in der Personalabteilung im Badrutt’s Palace Hotel in St. Moritz ab. Die Personalabteilung musste diesen Herbst – behördlich verordnet – so tun, als bestehe gewaltiger Personalbedarf, obwohl man eigentlich gar keine neuen Mitarbeiter brauchte.

Die Nobelherberge beschäftigt im Winter 550 Mitarbeitende. 90 Prozent sind saisonale Stellen. Man setzt auf treues Personal: «Viele Mitarbeitende kehren Saison für Saison zu uns zurück», sagt Personalchefin Regula Peter. Dennoch musste das Palace wegen des am 1. Juli schweizweit eingeführten, umstrittenen Inländervorrangs unter grossem administrativem Aufwand den Behörden Stellenprofile übermitteln: «Wir mussten beim Arbeitsamt rund 400 offene Stellen melden.» Zwei Leute im Personalteam seien eine Woche damit beschäftigt gewesen, die Profile zu melden, sagt Peter. Das Resultat: Ein einziger Mitarbeiter konnte über das regionale Arbeitsvermittlungszentrum RAV rekrutiert werden.

Den meisten Hotels in der Schweiz ist es gemäss einer neuen repräsentativen Umfrage des Verbandes Hotelleriesuisse nicht besser ergangen: Demnach haben 83 Prozent der Hotels, die offene Stellen melden mussten, keinen der amtlich empfohlenen Arbeitslosen eingestellt, weil sie nicht den Vorstellungen entsprachen. Für Andreas Züllig, Präsident des Hotelverbands, ist klar: «Das System funktioniert nicht. So, wie es jetzt aufgestellt ist, ist es ein Bürokratiemonster im Leerlauf.»

Die Stellenmeldepflicht soll die Zuwanderung ausländischer Arbeitnehmer bremsen. Firmen aus Berufsfeldern mit über acht Prozent Arbeitslosigkeit müssen gemäss neuer Regel den Behörden offene Stellen fünf Tage vor der Ausschreibung melden. Diese schicken den Firmen dann Dossiers von Arbeitslosen. Danach müssen die Firmen eine Rückmeldung geben. Damit hat das Parlament die Masseneinwanderungsinitiative der SVP umgesetzt. Die Umsetzung entspricht allerdings nicht den Vorstellungen der SVP. Sie hatte Kontingente gefordert.

Professor für Arbeitsmarkt: «Meldepflicht ist Fehlkonstruktion»

Das Frustrierende an der Meldepflicht sei, dass man – neben dem administrativen Aufwand – Wartezeiten einhalten müsse und am Schluss doch Stellenprofile von Arbeitslosen erhalte, die überhaupt nicht zur Stelle passten, sagt Werner Stoller, Chef des Mercure Hotel Stoller in Zürich.

Nicht nur Hoteliers ärgern sich über die neue Vorschrift: Man habe zwar in der Landwirtschaft noch keine repräsentativen Zahlen zur Stellenmeldepflicht, sagt Peter Kopp vom Schweizerischen Bauernverband. «Aus verschiedenen Kantonen hören wir aber, dass die Meldepflicht auch für Bauern einen beträchtlichen Aufwand bedeute und kaum Erfolg bringe.» Der Bauernverband selbst habe 40 Stellen gemeldet. Die RAV hätten Dossiers von Arbeitslosen geschickt. In keinem Fall sei es zu einer Vermittlung gekommen, so Kopp.

George Sheldon, Professor für Arbeitsmarktökonomie an der Uni Basel, wundert das nicht: Die neue Meldepflicht sei «aus ökonomischer Sicht eine Fehlkonstruktion». Unter anderem, weil es ineffizient sei, Arbeitslose nur innerhalb ihres Berufsfelds zu vermitteln. Die Stellenmeldepflicht sei nicht mehr als «eine Beruhigungspille für jene, die Angst vor zu grosser Einwanderung haben».

Auch amtliche Zahlen bestätigen Sheldons Kritik. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) jubelte zwar kürzlich: Unternehmen hätten viel mehr Stellen gemeldet, als man erwartet habe. Der wahre Erfolg misst sich allerdings nicht an der Zahl der gemeldeten, sondern der tatsächlich vermittelten Jobs. Und diese ist zumindest im Kanton Zürich ernüchternd: Zürcher Firmen hatten zwischen Juli und September insgesamt 6600 der Meldepflicht unterstellte offene Stellen gemeldet, doch nur 240 Arbeitslose fanden auf diesem Weg einen Job. Das entspricht einer Erfolgsquote von 3,6 Prozent. Die Ziffer ist zwar mit Vorsicht zu geniessen, da wohl noch nicht alle Vermittlungen erfasst wurden. Doch Sheldon sagt: «Die sehr tiefe Erfolgsquote aus Zürich deutet darauf hin, dass die Wirkung der Stellenmeldepflicht gering ist.»

Pikant ist: Für die Vermittlung der 240 Stellen waren 20 Beamte notwendig. So viele hatte Zürich wegen der neuen Meldepflicht neu eingestellt. Im Schnitt hatte also jeder Beamte pro Monat gerade mal vier Stellen vermittelt. Professor Sheldon konstatiert: Der Arbeitsmarkt sei derzeit in fast allen Branchen ausgetrocknet und die Stellenmeldepflicht bei dieser Konjunkturlage noch problematischer. Denn «es verursacht bei den Behörden und Unternehmen Aufwand, obwohl die Chancen auf zusätzliche Vermittlungserfolge klein» seien, sagt Sheldon.

Chefbeamter räumt «Schönheitsfehler» ein

Bruno Sauter, Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich und Präsident der Schweizer Arbeitsmarktbehörden, hat wenig Verständnis für die Kritik der Unternehmer: Der administrative Aufwand für Firmen sei klein. «Wenn sie mehrere offene Stellen des gleichen Berufs haben, müssen sie uns nur ein Stellenprofil zukommen lassen und am Schluss eine Rückmeldung geben.»

Selbst Sauter muss aber Probleme einräumen: «Es stimmt, dass derzeit Unternehmer einiger Branchen offene Stellen melden müssen, obwohl es in den betroffenen Berufen derzeit kaum Arbeitslose gibt.» Das sei «ein Schönheitsfehler». Er könne aber korrigiert werden, wenn der politische Wille dazu da sei. Sauter will die geringe Zahl der vermittelten Arbeitslosen «weder als Erfolg noch als Misserfolg werten». Allerdings muss er auch hier zugeben: «Die ausgewiesene Zahl der Vermittlungen ist in der Tat derzeit eher tief.» Er gehe davon aus, dass sie noch ansteigen werde, sagt Sauter.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 21.10.2018, 17:05 Uhr

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