Adoption? Lieber nicht

In der Schweiz sinkt die Zahl der adoptierten Kinder dramatisch. Warum eigentlich?

2016 hat die Organisation Pflege- und Adoptivkinder Schweiz (Pach) in der Deutschschweiz gerade mal 16 einheimische Babys vermittelt. Foto: Getty Images

2016 hat die Organisation Pflege- und Adoptivkinder Schweiz (Pach) in der Deutschschweiz gerade mal 16 einheimische Babys vermittelt. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Liste ist lang und hochkarätig: Madonna, Angelina Jolie, Char­lize Theron, Halle Berry, Sharon Stone, Meg Ryan, Sandra Bullock und Hugh Jackman – sie alle ­haben Kinder adoptiert, einige davon taten das sogar überaus publikumswirksam. Aber während die Prominenz in vielen Belangen als Sprachrohr für eine bestimme Sache wirken kann, bleibt der Werbe-Effekt bei der Adoption aus: In der Schweiz ist sie so selten wie nie.

Anfang der Achtzigerjahre waren es jährlich rund 1600 Kinder aus dem In- und Ausland, die hier ein neues Zuhause fanden. Heute sind es noch 363. Und wenn man die Zahlen genau anschaut, handelt es sich bei zwei Dritteln davon um Stiefkindadoptionen: hauptsächlich um Männer, die die Kinder ihrer Partnerin adoptieren (dass Frauen die Kinder ihrer Partner adoptieren, kam 2016 nur dreimal vor). Bleiben noch 143 Adoptionen übrig – obschon es gemäss Schätzungen der Unicef weltweit 143 Millionen Waisenkinder gibt.

Erschwert wird deren Vermittlung ausgerechnet durch einen internationalen Vertrag, der Gutes bewirken soll: das Haager Abkommen zum Schutze des Kindes. Es wurde von der Schweiz 1993 ratifiziert und hält unter anderem fest, dass eine Adoption ins Ausland nur dann zulässig ist, wenn sich kein Platz im Herkunftsland finden lässt. Gewisse Länder, sagt Karin Meierhofer, Geschäftsführerin der Organisation Pflege- und Adoptivkinder Schweiz (Pach), seien «zu». Die offiziellen Schweizer Vermittlungsstellen für Indien, Vietnam, Äthiopien, Marokko und Kolumbien etwa nehmen keine neuen Dossiers adoptionswilliger Paare mehr entgegen. Hinzu kommt, dass immer mehr Kinder nicht mehr im Säuglingsalter oder gesundheitlich beeinträchtigt sind – das erschwert ihre Platzierung zusätzlich.

In der Schweiz sind zur Adoption freigegebene Kinder rar; das Stigma der alleinerziehenden oder minderjährigen Mutter etwa ist weggefallen, die Abtreibung wurde legalisiert. 2016 hat die Pach in der Deutschschweiz gerade mal 16 einheimische Babys vermittelt.

Wer es trotzdem versuchen möchte, braucht einen langen Atem. Bis zu vier Jahre müssen sich ­Paare gedulden, unzählige Gespräche führen, sich auf Herz und ­Nieren prüfen lassen. Während alle anderen einfach so Eltern werden können, haben Adoptiveltern einen Tauglichkeitsmarathon zu absolvieren, bis sie sozusagen den Titel «amtlich bewilligte Erzieher» erhalten. Das, sagt Meierhofer, sei zwar richtig, aber eben nicht ­immer nur angenehm. Die Kosten sind ­zudem beträchtlich: Bis zu 50'000 Franken können für die ­Beschaffung von ausländischen Dokumenten, Bewilligungen, für Anträge, Übersetzungen, Reisen und Vermittlungsgebühren zusammenkommen. Allerdings: Eine fortpflanzungsmedizinische Behandlung kann ebenfalls dauern, die Kosten können ebenfalls mehrere Zehntausend Franken betragen, hinzu kommt die körperliche Belastung für die Frau. Trotzdem nahmen 2015 laut Bundesamt für Statistik 6055 Frauen eine «medizinisch unterstützte» Fortpflanzungs­behandlung in Anspruch. Mittlerweile kommt jedes fünfzigste Kind dank einer künstlichen Befruchtung zur Welt.

Der dramatische Rückgang der Adoptionen hat also womöglich nicht nur mit äusseren Faktoren zu tun. Sondern auch mit ­Vorurteilen. Kommt das Thema in einer Runde auf, weiss immer irgendwer eine Geschichte zu erzählen, wonach die adoptierten Cousins oder die Adoptivkinder einer Freundin trotz viel Wärme daheim einfach nicht zurechtkamen mit dem Leben. Man kaufe die Katze im Sack, heisst es, wisse nicht, was die Kinder an Traumata erlebt hätten und noch weniger, welche Gene da mitspielten, gegen die auch die liebevollste Erziehung nichts ausrichten könne.

Kaum Entwicklungsunterschiede

Das Klischee hält sich hartnäckig. Dabei ist die Datenlage unklar. Die Untersuchungen widersprechen sich weltweit: In Schweden kam man zum Schluss, dass Adop­tivkinder häufiger Schwierig­keiten hätten, in Dänemark zum Gegenteil. Die aktuellste US-­Studie von 2015 spricht vom «Adoptions-Paradox», also davon, dass Paare, die Kinder adoptieren, über­durchschnittlich gebildet und ­vermögend seien und sich auch überdurchschnittlich um sie kümmerten, ­deren Kinder aber dennoch häufiger scheiterten, sowohl schulisch wie auch zwischenmenschlich.

Die Studie wiederum, die Thomas Gabriel und Samuel Keller von der ZHAW Soziale Arbeit, seit 2009 im Auftrag des Kantons Zürich durchführen, kam zu einem anderen Schluss: Die Entwicklung von adoptierten und leiblichen Kindern unterscheide sich kaum, Erstere seien sogar weniger ängstlich. Und: Das Alter, in welchem das Kind in seine neue Familie komme, spiele nahezu keine Rolle. Die positiven Befunde hängen vermutlich auch mit der sogenannten Honeymoon-Phase der ersten Jahre zusammen. Genaueres sollen die abschliessenden Ergebnisse Anfang 2018 zeigen.

Biografie des Kindes ist der Schlüssel

Die Unterschiede in der Forschungslage, erklärt Thomas Gabriel, Leiter des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie an der ZHAW, rührten daher, dass die Ausgangslage in jedem Land komplett anders sei: «In England werden vor allem Kinder aus Institutionen adoptiert, in der Schweiz gibt es eher Auslands- oder Verwandtschaftsadoptionen. Es ­ändert die Situation enorm, ob das Kind zuvor lange in einem Heim lebte, aus dem Ausland stammt oder von den Eltern zu nahen Verwandten wechselt.»

Das Verstehen der Biografie des Kindes, sagt Gabriel, sei oft der Schlüssel. Wenn sich ­beispielsweise ein Kind mit längerer Heimerfahrung auffallend benehme beim Essen, könne das darauf ­hindeuten, dass es sich früher am Tisch jeweils durchsetzen musste. Gleichzeitig sind dieses Wissen und dieses Inter­pretieren auch die grösste Gefahr: Weil Eltern – wie die gesamte Umgebung – vorschnell jedes Verhalten des Kindes auf dessen Adoption zurückführen. Selbst wenn es sich so unmöglich gebärdet wie Gleichaltrige – etwa während der Pubertät –, werden viele seiner Verhaltensweisen mit nicht beeinflussbaren Faktoren begründet.

Die Entwurzelung hat lebenslang Folgen

Diesbezüglich herrscht in der Tat Unklarheit. Zwei Dinge indes weiss man mittlerweile sehr genau: Erstens, dass eine Adoption nicht zwingend das Beste ist für ein Kind, auch nicht, wenn es aus einem Drittweltland stammt: Weil die Entwurzelung Folgen hat, meist ein Leben lang. Beinahe alle adoptierten Kinder suchen ihre biologischen Eltern, da ist diese tiefe Sehnsucht zu wissen, woher man kommt. Deshalb schätzen Fachleute die Babyklappe nicht: Deren Sinn und Zweck ist es ja gerade, die Anonymität der Mutter zu gewährleisten – was es dem Kind verunmöglicht, je zu erfahren, wer seine Eltern sind. Dieses absolute Nichtwissen, sagt Karin Meierhofer, sei ein Risikofaktor, denn man weiss, dass die Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit den leiblichen Eltern bei der Identitätssuche hilft.

Dann, zweitens: Das, was sich aufgeschlossene, engagierte Paare in den Achtzigerjahren sagten – «Es gibt doch genug Kinder, denen es nicht gut, was sollen wir eigene in die Welt setzen, wenn wir helfen können?» –, wird als Motivation nicht mehr als ausreichend erachtet. Der «Rettungsgedanke», so Thomas Gabriel, sei aus fachlicher Sicht nicht erwünscht: «Was nach unserer westlichen Auffassung gut ist für ein Kind, ist nicht zwingend auf alle anderen Regionen der Welt übertragbar.» Kinder dürften kein Projekt sein, sagt auch Karin Meierhofer, Adoptiveltern müssten sich vielmehr bewusst sein, dass auf sie eine Reihe zusätzlicher Probleme zukommen könnte.

Dabei sind sie, im Unterschied zu leiblichen Eltern, meist besser vorbereitet, zumindest theoretisch. Durch die lange Vorbereitung werden sie gezwungen, sich intensiv mit ihrer Rolle auseinanderzusetzen. Womit sie indes nicht rechnen, ist die Ablehnung der Umgebung. Thomas Gabriel sagt, dass Schwiegereltern und Eltern dem Ansinnen nicht selten ablehnend gegenüber stünden, was enorm belastend sei. Und es gibt es auch die offene Feindseligkeit, wie dann, wenn ein Paar mit einem dunkelhäutigen Knirps an der Migros-Kasse gefragt wird, «was denn die Kleine gekostet hat».

Daran sind die medial inszenierten Adoptionen der Prominenz nicht unschuldig. Wenn Madonna mit einem Tross nach Malawi reist, um dort ein Mädchen in Empfang zu nehmen, wirkt das tatsächlich auf unangenehme Weise so, wie wenn sie auf Shoppingtour ginge. Da hat dann das vermeintliche Engagement gerade nicht den akzeptanzsteigernden Effekt, den man den 143 Millionen Waisenkindern doch wünschen würde.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.09.2017, 19:43 Uhr

Zum Hören

Die SonntagsZeitung gibts jetzt auch zum Hören: audio.sonntagszeitung.ch.

Artikel zum Thema

«Es ist eine emotionale Frage, die viele Leute mobilisiert»

Gegner der geplanten Stiefkind-Adoption für Homosexuelle haben das Referendum angekündigt. Welche Chancen es hat. Mehr...

«Die Volladoption aufs Tapet zu bringen, ist ungeschickt»

SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt sagt, warum sich seine Partei gegen die Stiefkind-Adoption und die Ehe von Homosexuellen wehrt – entgegen einer Mehrheit im Volk. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fruchtige Platte: Ein Hund trägt ein Ananaskostüm an der jährlichen Halloween-Hundeparade in New York (21. Oktober 2017).
(Bild: Eduardo Munoz Alvarez (Getty Images)) Mehr...