Ärzte warnen vor Anti-Falten-Spritzen im Schönheitssalon

Wer glatte Haut und einen Schmollmund haben will, geht zur Kosmetikerin. Das sei brandgefährlich, sagen Ärzte.

Es drohen Abszesse und Blindheit: Ärzte warnen vor falsch gesetzten Hyaluronspritzen. (Foto: StockPlanets/iStock)

Es drohen Abszesse und Blindheit: Ärzte warnen vor falsch gesetzten Hyaluronspritzen. (Foto: StockPlanets/iStock)

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Junge Frauen wollen pralle Lippen. Der Trend ist unübersehbar. Schönheitskliniken und Kosmetikstudios, die ihren Kundinnen Schmollmünder aufspritzen, schossen in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden. Ihr Zaubermittel heisst Hyaluronsäure. Unter die Haut gespritzt, lässt sie Lippen, Wangen und ­Nasenflügel anschwellen. Möglich wurde der Trend, weil die eigentlich teure Substanz seit einigen Jahren im Internet zu Dumpingpreisen angeboten wird.

Nun schlagen der Verband der Schönheitschirurgen und andere Ärztevereinigungen aber Alarm: In einem Brief an die Heilmittelbehörde Swissmedic fordern sie ein rigoroses Spritzverbot für Kosmetikerinnen. Hyaluronspritzen sollen «nur noch durch Ärzte verabreicht werden», heisst es im Schreiben.

Denn: Wenn die Nadel am falschen Ort gesetzt werde, könne «das verheerende Folgen haben, angefangen bei Abszessen bis hin zu Blindheit», sagt Mark Nussberger, Schönheitschirurg und Präsident der Gesellschaft für ästhetische Chirurgie. In der Kosmetik-Fachzeitschrift hat er einen abschreckenden Artikel publiziert, illustriert mit Bildern von durch falsch gesetzte Schönheitsspritzen wüst entstellten Gesichtern.

Kosmetikerinnen nutzen Grauzonen im Gesetz aus

Swissmedic hat den Brief der Ärzte postwendend beantwortet. Mit der Antwort sind die Mediziner aber nicht zufrieden. Die Heilmittelbehörde verweist auf ein von ihr publiziertes Merkblatt. Darin wird erläutert, dass bereits nach geltendem Gesetz Kosmetikerinnen ihren Kunden eigentlich kein Hyaluron spritzen dürfen.

Das Merkblatt macht aber auch klar, dass das Gesetz Grauzonen offen lässt, die viele Kosmetikerinnen offenbar zu ihren Gunsten interpretieren. So erlaubt die Vorschrift medizinischen Laien das Spritzen von Hyaluronsäure, wenn nachgewiesen ist, dass die Substanz spätestens nach 30 Tagen aus dem Körper ausgeschafft ist. Ob es überhaupt Hyaluronpräparate gibt, die der menschliche Körper so schnell abbaut, ist umstritten.

Von einem «rigorosen Spritzverbot für Kosmetikerinnen», wie es Schönheitschirurg Nussberger fordert, will die ­Heilmittelbehörde indessen nichts wissen: Die Forderung nach einem absoluten Verbot «bedinge eine Anpassung der rechtlichen Grundlagen, für welche nicht Swissmedic, sondern das Bundesamt für Gesundheit zuständig» sei. Auch das BAG will aber von sich aus nicht aktiv werden.

Das ruft nun Gesundheitspolitikerin und CVP-Nationalrätin Ruth Humbel auf den Plan: Dem ganzen Schönheitswahn müsse man Grenzen setzen. Kosmetikerinnen sei per Gesetz oder Verordnung zu verbieten, Hyaluronsäure zu spritzen. Denn hier seien die Grenzen der gesellschaftlichen Solidarität erreicht. «Wenn bei solchen Behandlungen etwas schiefläuft, zahlt das die Allgemeinheit über die Krankenkasse», sagt Humbel. Es wäre falsch, wenn Prämienzahler Fehler von medizinisch ungenügend ausgebildetem Personal ausbaden müssten.

Kosmetikerin: Den Chirurgen geht es bloss ums Geld

Umstritten ist, ob die Schönheitschirurgen mit ihrem Appell zu einem Spritzverbot selbstlos handeln. Laut Nussberger soll das Hyaluron-Spritzverbot nämlich selbst für diplomiertes Pflegefachpersonal gelten. Ein Blick auf Websites lokaler Schönheitsinstitute zeigt, dass viele ausgebildete Pflegefachfrauen als Kosmetikerinnen arbeiten. Bei ihnen ist ein Spritzverbot schwer zu begründen.

Eine solche medizinisch ausgebildete Kosmetikerin ist Regina Petrik aus Stein am Rhein. Die Pflegefachfrau hat zehn Jahre in einem Spital gearbeitet, wo sie täglich Injektionen durchführte. Vor einem Jahr machte sie sich selbstständig: Ihre Spezialität: Falten und Lippenspritzen mit Hyaluronsäure. Dafür absolvierte sie eine Zusatzausbildung.

Sie wehrt sich gegen das drohende Berufsverbot: «Als medizinisch ausgebildete Person weiss ich, wie man fachgerecht Injektionen verabreicht.» Deshalb fände sie es unverständlich, wenn nur noch Ärzte Hyaluronsäure injizieren dürften. Zudem sei Hyaluron ein natürlicher Bestandteil des Körpers und im Gegensatz zu Botox harmlos. Die Pflegefachfrau vermutet, dass «sich Schönheitschirurgen mit dem rigorosen Verbot vor allem ihre eigenen Geschäftsfelder sichern wollen».


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Erstellt: 22.05.2019, 13:31 Uhr

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