Alle wollen Psychologe sein

Die Zahl der Studentinnen und Studenten des Fachs steigt rasant. Dies könnte sich massiv auf die Krankenkassen-Prämien auswirken.

Für die ersten Semester sind die Hörsäle zu klein (Symbolbild). Foto: Dominik Butzmann/laif

Für die ersten Semester sind die Hörsäle zu klein (Symbolbild). Foto: Dominik Butzmann/laif

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Wenn die Universitäten zum Informationstag für Gymnasiasten einladen, werden die angehenden Studenten von allen Seiten umgarnt. Jede Fachrichtung stellt ihre Vorzüge dar. Ausser die Psychologen. Diese ­betonen die Nachteile ihres Studiengangs, warnen vor falschen Erwartungen und der hohen Ausfallquote nach dem ersten Jahr.

Das tun sie mit gutem Grund: Die Psychologie erlebt einen Ansturm wie kein anderer Bereich. Während klassische geisteswissenschaftliche Studiengänge wie Germanistik oder Geschichte seit Jahren an Attraktivität verlieren und die Studentenzahlen in einstigen Modefächern wie Publizistik rückläufig sind, steigen sie in der Psychologie zuletzt rasant an. In zehn Jahren um fast 50 Prozent. 2018/19 studierten an Schweizer Univer­sitäten rund 11'100 Personen Psychologie. Damit rückt das Fach den Spitzenreitern Recht (15'800) und Betriebswirtschaftslehre (13'300) immer näher.

Selbst die grössten Unihör­säle sind für die Psychologievorlesungen auf Bachelor-Stufe zu klein. In Bern müssen Studentinnen und Studenten zum Teil auf der Treppe Platz nehmen. Zudem werden die Vorlesungen aufgezeichnet, damit sie zu Hause als Podcasts abgerufen werden können. In Zürich findet der Erstsemestrigen-Kurs zur Entwicklungspsychologie in einem Hörsaal mit 463 Plätzen statt. Beim Einlass herrscht ein Gerangel wie zu Stosszeiten bei den SBB. Wer keinen Sitzplatz findet, muss wieder raus: Die Vorlesung wird per Video in zwei weitere Säle mit je über hundert Plätzen übertragen.

Der Boom ist allerdings ein einseitiger: 80 Prozent der Studierenden sind Frauen. Bei denjenigen, die bis zum Ende durchhalten, ist der Frauenanteil sogar noch etwas höher.

Weshalb drängen so viele junge Menschen in die Psychologie? Der Verdacht liegt nahe, dass sich die Selfie-Generation auch während des Studiums am liebsten mit sich selbst beschäftigen möchte. Uni-Verantwortliche lassen dies nicht gelten. Das Studium sei heutzutage analytisch ausgerichtet, Statistik und Methodik hätten einen grossen Stellenwert; mittlerweile sei das Fach tendenziell schon eher den Naturwissenschaften zuzuordnen als den Geisteswissenschaften. Man setze alles daran, dies den Interessentinnen im Vorfeld klarzumachen.

Hört man sich unter Erstsemestrigen um, scheint dies jedoch ­keine grosse Rolle zu spielen. Über das Motiv für ihre Studienwahl ­sagen die meisten Dinge wie: «Weil mich Menschen interessieren.» «Weil es mit mir zu tun hat.» Oder: «Ich wusste sonst nicht, was machen.» Bei der spontanen Umfrage vor dem Hörsaal hatte nur eine Studentin konkrete Vorstellungen: «Ich interessiere mich für Neuropsychologie, auf dieses Gebiet will ich mich spezialisieren.»

Kaum ein Lebensbereich kommt noch ohne Psychologen aus

Der Weg vom Studienbeginn zum Berufseinstieg ist lang. Die Regelstudienzeit beträgt fünf Jahre (drei zum Bachelor, zwei zum Master). Ein beträchtlicher Teil der Einsteiger schafft es allerdings nicht zum Bachelor. In Bern beträgt die Durchfallquote nach dem ersten Jahr rund 40 Prozent, einige hören auch freiwillig auf.

Nach dem Abschluss darf man sich zwar «Psychologe» nennen, aber noch nicht als Psychotherapeut arbeiten. Hierfür ist eine Zusatzausbildung nötig, die in der Regel weitere vier bis sechs Jahre dauert, zwei davon in einer Klinik oder einem Ambulatorium. Doch längst nicht alle Absolventen schlagen diesen Weg ein.

Psychologen werden mittlerweile vielerorts ­eingesetzt: als Wirtschaftspsychologen, klinische Psychologen, Präventionsexperten, Verkehrspsychologen und so fort. Für Veronika Brandstätter-­Morawietz, Direktorin des Psychologischen Instituts an der Universität Zürich, macht dies einen grossen Teil der Attraktivität des Studienganges aus: «Das Fach ist enorm vielfältig, ebenso sind es die Berufsmöglichkeiten.»

Suchen die Jugendlichen einen Reflexionsraum?

Der Boom an den Universitäten geht einher mit dem stetigen Anstieg der psychischen Beschwerden bei der Bevölkerung. Fast ­wöchentlich sind Meldungen zu lesen, wonach in der Schweiz immer mehr Psychopharmaka verschrieben würden, dass die Burn-out-Quote nach oben schnelle, dass eine Rekordzahl von Schülern und Studenten dem Druck nicht mehr gewachsen sei und psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müsse.

Ob die psychischen Leiden tatsächlich dermassen zunehmen oder ob die Leute einfach schneller für krank erklärt werden, ist umstritten. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Kombination von beidem. Als sicher gilt: Die Arbeitswelt ist anspruchsvoller, das Leben allgemein komplexer geworden.

Der prominente Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl sagt, eine Diagnose wie Burn-out oder Depression verschaffe den Menschen Raum, um über sich ­selber und über das Leben nachzudenken. Das sei ein urmenschliches Bedürfnis, das früher durch die seelsorgerische Tätigkeit der Kirche befriedigt worden sei. Im heutigen Alltag bleibe dafür kaum Platz. «Gerade bei Jugendlichen ist dieses Bedürfnis sehr hoch. Entsprechend sind sie überdurchschnittlich stark betroffen von psychischen Problemen.» Dass das Psychologiestudium so beliebt ist, erstaunt ihn nicht: «Dies hat wohl damit zu tun, dass die Jugendlichen glauben, dort den ersehnten Reflexionsraum zu finden.»

Die Kostenexplosion ist programmiert

Die zunehmende Pathologisierung kommt die Allgemeinheit teuer zu stehen: Zwischen 2006 und 2016 stiegen die Kosten des Bereichs Psychiatrie in der obligatorischen Grundversicherung um 57 Prozent auf 2,06 Milliarden Franken. Im Vergleich zu dem, was in den nächsten Jahren auf uns zuzukommen droht, ist dies wohl ein bescheidener Anstieg.

Bislang durften Psychologen ihre Leistungen nur dann über die Grundversicherung abrechnen, wenn sie unter Aufsicht eines Psychiaters, also eines Mediziners, arbeiteten. Der Bundesrat möchte von diesem «Delegationsmodell» abkommen und damit einer lange geltend gemachten Forderung der Psychologen nachkommen: Künftig sollen Psychologen selbstständig Leistungen anbieten und bei der Grundversicherung abrechnen können. Unter der Voraussetzung, dass ein Arzt die Therapie angeord­net hat. Ähnlich wie bei Physio­therapeuten.

Psychologen kämpfen für ihre Besserstellung

Die Psychologen kämpfen allgemein um eine Besserstellung. «­Lange waren unsere Berufsleute im Klinikbereich bloss Zudiener. Sie haben Tests gemacht und die Resultate dem Arzt weiterge­geben», sagt Jacqueline Frossard, Vorstandsmitglied des grössten Schweizer Psychologen-Berufs­verbands FSP. Entsprechend tief waren oder sind die Löhne. Dass dies die Psychologen nicht länger hinnehmen wollen, ist angesichts der langen Ausbildung und der ­hohen Verantwortung nachvollziehbar. Für die Prämienzahler ­allerdings bedeutet das wenig ­Gutes.

Der Bundesrat geht im Vernehmlassungsbericht von 100 Millionen Franken Mehrkosten aus, die mit dem neuen Modell nach heutigem Stand anfallen würden. Allerdings zeigt sich im Gesundheitswesen: Wenn das Angebot für gewisse Leistungen steigt, steigt auch die Nachfrage. Die Fachgesellschaft für Psychiatrie (SGPP), die sich gegen die Systemänderung zugunsten der Psychologen wehrt, rechnet mit einer Zusatzbelastung für die Grundversicherung von einer halben Milliarde Franken pro Jahr.

Genau voraussagen lässt sich die Entwicklung nicht. Klar ist nur: Wenn die Anzahl Psychologen kräftig ansteigt – was angesichts der Studentenzahlen noch viele Jahre lang der Fall sein wird –, sich ihr Status erhöht und zugleich die Hürden für eine Kostenübernahme durch die Grundversicherung sinken, so sind massive finanzielle Folgen unvermeidlich.



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Erstellt: 12.10.2019, 23:34 Uhr

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