Am Krankenbett der Tante Ju

Was wird aus dem Flugplatz Dübendorf? Die Gemeinden haben eigene Pläne – im Mittelpunkt steht die gegroundete Ju-52.

Eine Ju-52 steht zur Generalüberholung im Hangar auf dem Dübendorfer Flugplatz. Fotos: Michele Limina

Eine Ju-52 steht zur Generalüberholung im Hangar auf dem Dübendorfer Flugplatz. Fotos: Michele Limina

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Eigentlich geht es am Tag der offenen Tür im Dübendorfer Air Force Center um die Zukunft des Militärflugplatzes. Doch der Star des Anlasses stammt aus der Vergangenheit: die Ju-52. Mit ausgestrecktem Zeigfinger steht ein Knirps vor dem Hangar, tritt aufgeregt von einem Fuss auf den anderen. «Papi, Papi, warum ist das grosse Flugi so zugeklebt? Und warum steht der Propeller auf dem Boden?» Die «alte Tante», erklärt sein Vater, dürfe im Moment nicht fliegen. «Sie wird gerade gründlich repariert.»

Tatsächlich ruhen nach dem Grounding der historischen Maschinen durch das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) auch die Ju-Mechaniker. Denn: Das Bazl hat die Bewilligung der zuständigen Unterhaltsbetriebe aufgehoben – bis sämtliche Auflagen der Aufsichtsbehörde erfüllt sind.

Gemeinden setzen auf die historische Fliegerei

Am Tag der offenen Tür gestern Samstag sind die Handwerker trotzdem zugegen – so als würden sie am Krankenbett der alten Tante Wache stehen. Neben einem Tisch, auf dem die Innereien der Maschine ausgelegt sind, geben sie Auskunft. Immer dreht sich das Gespräch um die Zukunft der Ju-52, meist um die Frage, wann sie wieder abheben wird.

Ohne ihre Sternmotoren und mit zugeklebten Öffnungen gibt der historische Flieger ein tristes Bild ab. «Der Anblick tut mir weh», sagt eine Besucherin aus Dübendorf. «Es wäre schön, würden sie die Ju wieder in die Luft bringen.»

Das hoffen wohl auch die Vertreter der drei Gemeinden, die an den Flugplatz grenzen. Denn Dübendorf, Volketswil und Wangen-Brüttisellen setzen auf die historische Fliegerei als künftige Hauptnutzerin der Pisten. Mit dem Tag der offenen Tür weibelten sie für das Projekt «Historischer Flugplatz mit Werkflügen». Demnach werden auch Unterhaltsbetriebe in Dübendorf Platz finden, wenn die Armee dereinst das Areal freigibt.

Am Tag der offenen Tür konnten die Besucher Papierflieger falten und Andenken an die Ju-52 ergattern.

Kuno Gross ist aus dem Zürcher Unterland nach Dübendorf angereist. Der Mann steht unter dem rechten Flügel der Ju-52 und schaut an der Maschine hoch. «Ich bin schon zweimal mit ihr geflogen – ohne mulmiges Gefühl», sagt der Mann. Und er würde es jederzeit wieder tun. Der Fan der historischen Aviatik hat den Weg aber auch auf sich genommen, um sich ein Bild über das Vorhaben der Gemeinden zu machen.

Um ihren Plan zu realisieren, haben diese eine Aktiengesellschaft gegründet und GLP-Nationalrat Martin Bäumle in den Verwaltungsrat entsandt. Als Geschäftsführer amtiert Ju-Air-Chef Kurt Waldmeier. 2017 holten sich die Gemeinden mit einer Abstimmung den Segen des Volks für die Finanzierung der AG und die Deckung des jährlich prognostizierten Betriebsdefizits von rund einer Million Franken.

Doch trotz all dieser Anstrengungen ist höchst fraglich, ob die Gemeinden ihr Vorhaben je umsetzen können. Der Bund hat als Eigentümer des Areals ganz andere Pläne. Er will die Pisten der Geschäfts- und Kleinfliegerei überlassen, um den Zürcher Flughafen zu entlasten. Als Betreiberin hat er 2015 die Flugplatz Dübendorf AG (FDAG) bestimmt, die Vertreter der Business- und der Privatfliegerei sowie die Rega vereint.

Erst Jahre später sind die Anrainergemeinden mit ihrem Konzept in Bern vorstellig geworden. Sie wollten damit die Geschäftsfliegerei in Dübendorf verhindern – und erhielten eine Abfuhr. «Eine Prüfung des Konzepts zeigte, dass wichtige Vorgaben des Bundes nicht erfüllt werden könnten», heisst es beim Bazl. Der Bund würde zudem gegenüber der FDAG ersatzpflichtig, würde er von der mit ihr getroffenen Vereinbarung abweichen. Wie tief er in diesem Fall in die Tasche greifen müsste, verrät das Amt nicht.

Bund will das Treiben nicht kommentieren

Zu den Anstrengungen, mit denen die Anrainer die Pläne des Bundes torpedieren, will sich das Bazl nicht äussern: «Es ist nicht Sache des Bundes, das Vorgehen der Gemeinden zu kommentieren», sagt Sprecher Urs Holderegger. Und bei der designierten Betreiberin des Flugplatzes gibt man sich ob der umtriebigen Konkurrenz unbeirrt: «Wir treiben unser Vorhaben wie geplant voran und zählen darauf, dass der Bund sich an die Vereinbarungen hält», sagt FDAG-Geschäftsführer Urs Brütsch.

Der kleinen Jessica Cavinato aus Gutenswil ZH ist das Seilziehen um die Zukunft des Flugplatzes egal. Sie ist von Fliegern begeistert, weil «sie so schnell fliegen». Das Mädchen will Pilotin werden und hat deshalb ihre Eltern überredet, am Tag der offenen Tür der «kranken» Tante Ju einen Besuch abzustatten. Mutter Sandra hat bereitwillig zugestimmt. Sie ist in Bern-Belp aufgewachsen, schon damals gehörten die Flieger zu ihrem Alltag. «Und heute bin ich da, um die Ju zu unterstützen.»



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(SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.05.2019, 13:32 Uhr

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