Am Schweizer Himmel häufen sich die «Beinahe-Unfälle»

Innert nur eines Jahres haben sich die Risiko-Situationen in der Luftfahrt verdoppelt – besonders gross ist die Kollisionsgefahr.

Während die Zahl der «schweren Vorfälle» zunimmt, ist jene der Unfälle im Vergleich zu 2017 gesunken. (Foto: Keystone)

Während die Zahl der «schweren Vorfälle» zunimmt, ist jene der Unfälle im Vergleich zu 2017 gesunken. (Foto: Keystone)

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Im Jahr 2018 verzeichnete die Schweizer Luftfahrt einen Rekord, der die Sicherheitsexperten aufhorchen lässt: Noch nie wurden der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) so viele «schwere Vorfälle» gemeldet. So bezeichnet die Sust die 68 Situationen, die 2018 «beinahe zu einem Unfall geführt haben». Ein Jahr zuvor waren es gerade mal halb so viele – in den letzten fünf Jahren nur durchschnittlich 36.

Von diesen 68 schweren Vorfällen sind 28 Annäherungen zwischen Luftfahrzeugen, bei denen die Sust von einer «hohen oder erheblichen Kollisionsgefahr» ausgeht. Laut Daniel Knecht, Bereichsleiter Aviatik bei der Sust, hat sich ein grosser Teil dieser Vorfälle im gemischten Luftraum ereignet. Also da, wo sich Grossflugzeuge den Himmel unter anderem mit Segelfliegern teilen.

Zum Beispiel am 22. Juni 2018 nordwestlich des Zürcher Flughafens: Ein Ambulanzjet der Rega befand sich im Anflug, als ein Segelflieger ihm zu nahe kam, der sich über dem Atomkraftwerk Leibstadt im Aufwind befand. Weil sich an Bord des Seglers kein Transponder befand, war weder die Rega-Be­satzung noch die Flugsicherung ­gewarnt – aufgrund der guten ­Wetterbedingungen entdeckten sich die Piloten noch rechtzeitig.

Bazl zeigt sich besorgt

Ein gefährliche Annäherung – in diesem Fall von nur 500 Metern – ereignete sich im April 2018 auch zwischen einem Swiss-Airbus A321 und einem Heissluftballon. Mit sieben Passagieren im Korb befand sich der Ballonfahrer im kontrollierten Luftraum des Flughafen Genfs – auch er ohne Transponder. Der Swiss-Jet flog die Genfer Pisten an, als die Cockpit-Crew den Ballon auf derselben Höhe sichtete. Dank eines Ausweichmanövers der Passagiermaschine ging dieser Vorfall glimpflich aus.

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) nimmt den Anstieg dieser Fälle «besorgt» – aber auch «erfreut» zur Kenntnis, wie Sprecher Christian Schubert sagt. «Besorgt, weil uns noch nicht abschliessend klar ist, woher diese Zunahme stammt.» Das Bazl analysiere die Fälle deshalb gemeinsam mit der Sust, um Schlüsse ziehen zu können. Für den Bazl-Sprecher ist die Zunahme der Meldungen aber auch ein gutes Zeichen. «Wir stellen fest, dass sich die Meldekultur besonders bei der Leichtaviatik verbessert hat», sagt Schubert. Noch sei für das Bazl aber unklar, ob dies der alleinige Grund für die steigenden Zahlen ist.

Der Ju-52-Absturz fällt schwer ins Gewicht

Die Zahl aller sogenannten Ereignismeldungen nimmt bei der Sust seit sechs Jahren zu. 2018 verzeichnete die Behörde einen «markanten» Anstieg, wie sie in ihrem Jahresbericht festhält: Mit 1557 waren es 14 Prozent mehr als im Vorjahr und 60 Prozent mehr als 2013.

Während die Zahl der «schweren Vorfälle» zunimmt, ist jene der Unfälle im Vergleich zu 2017 gesunken (von 47 auf 31). Diese Kategorie umfasst Ereignisse, bei denen Personen schwer oder tödlich verletzt worden sind oder das Flugzeug erheblich beschädigt ist.

Die Schweizer Luftfahrt hat 2018 so viele Todesopfer zu beklagen wie seit zehn Jahren nicht mehr: 36 Menschen verloren ihr Leben. 20 davon beim Absturz einer Ju-52 am Piz Segnas im August. Die Unfallursache ist noch ungeklärt. Ohne diesen Unfall würde die Zahl der Todesopfer mit 16 knapp unter dem Wert des Vorjahres liegen.



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Erstellt: 21.07.2019, 16:38 Uhr

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