Angst vor Negativzinsen: Reiche und Firmen horten Bargeld

Die Nachfrage nach Versicherungen von Geldbeträgen steigt stark an.

Vom Bankkonto in den Tresor: Verglichen mit den Belastungen durch Negativzinsen, kommt das Lagern grosser Bargeldmengen günstigerFoto: Reuters

Vom Bankkonto in den Tresor: Verglichen mit den Belastungen durch Negativzinsen, kommt das Lagern grosser Bargeldmengen günstigerFoto: Reuters

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Negativzinsen, so klagen Banken und Pensionskassen immer lauter, seien schlecht fürs Geschäft. Im Fall der Versicherungen sieht es etwas anders aus: Auch sie müssen sich zwar mit geschmälerten Erträgen auf ihren festverzinslichen Kapitalanlagen zufriedengeben. Zugleich stimulieren Negativzinsen aber auch das Bedürfnis nach Versicherungsschutz, jedenfalls bei einzelnen Gesellschaften. Denn: Immer mehr Personen und Unternehmen horten lieber Bargeld, als für Konten Negativzinsen zu zahlen.

«Die Nachfrage nach Versicherungslösungen für das Einlagern von Bargeld hat sich in den letzten Monaten noch einmal stark erhöht», sagt René Harlacher, Leiter des Sach- und Haftpflichtgeschäfts bei der Zurich Schweiz. Auslöser hierfür seien Andeutungen der Schweizerischen Nationalbank ­gewesen, wonach die Negativzinsen wohl noch für längere Zeit bestehen bleiben und wenn nötig gar unter das heutige Niveau von –0,75 Prozent gesenkt würden.

Wir erhalten pro Monat rund ein Dutzend Anfragen von Privatkunden, die grössere Geldbeträge zu Hause aufbe­wahren.Fabian Bühlmann, Baloise Versicherungen

Interesse an einer Bargeldversicherung bekunden laut Harlacher insbesondere grosse Industrie- und Dienstleistungsfirmen sowie neuerdings auch Pensionskassen. Vor gut drei Jahren, in den Anfangszeiten der Negativzinsen, hatten Vorsorgeeinrichtungen noch nicht zum Kreis der möglichen Kunden gezählt. Auch die Axa verzeichnet eine «erhöhte Nachfrage bei grösseren und grossen Unternehmen sowie bei ver­mögenden Personen», wie Firmensprecherin Nicole Horbelt sagt. «Dabei handelt es sich um Branchen und Privat­personen mit grossen Bargeld- oder Edel­metallbeständen.»

Ähnlich tönt es bei der Baloise: «Wir erhalten pro Monat rund ein Dutzend Anfragen von Privatkunden, die grössere Geldbeträge zu Hause aufbe­wahren und entsprechend versichern wollen», erklärt Fabian Bühlmann, ­Leiter Underwriting im Sach- und ­Haftpflichtgeschäft. Das Interesse sei merklich gestiegen – insbesondere, nachdem die Credit Suisse im Oktober bekannt gegeben hatte, auch Negativzinsen von –0,75 Prozent auf Kundeneinlagen von mehr als 2 Millionen Franken zu verrechnen.

Sicherheitsanlagen der Lagerorte werden genauestens überprüft

Diese Grossbeträge – meist in Bündeln von 1000-Franken-Noten und versorgt in Spezialbehältern – lagern bei professionellen Anbietern von Tresorräumen und Hochsicherheitsanlagen. Hierzulande haben sich etwa die Firmen Swiss Gold Safe in Altdorf UR und Loomis Schweiz in Kloten ZH auf dieses diskrete Geschäft spezialisiert.

«Bevor wir eine solche Versicherung abschliessen», so Zurich-Mann Harlacher, «bewerten wir den Standortschutz.» Dies schliesse die Stärke von Wänden, Decken, Böden und Türen ebenso mit ein wie Zugangskontrollen, Schleusen, Video- und Infrarotüber­wachungen, Bewegungsmelder oder Erschütterungssensoren. Davon hänge ab, wie hoch die Zurich die maximal versicherbare Bargeldsumme ansetze.

Axa-Sprecherin Horbelt spricht in dem Zusammenhang von massgeschneiderten Versicherungslösungen. Diese würden individuell abgestimmt auf Finanzgeschäfte, die den Transport und die Lagerung von Geldwerten, aber auch Wertpapieren und Edelmetallen umfassten. «Falls nötig, machen wir Auflagen, um die Voraussetzungen für eine Versicherung zu erfüllen», ergänzt die Firmensprecherin.

Bargeld im Umfang von rund 10 Milliarden Franken versichert

Aus Sicht von Grosskunden lohne sich die Lagerung und Versicherung von Bargeld ab Beträgen von 100 Millionen Franken, lässt Harlacher durchblicken. «Im Einzelfall», so der Zurich-Manager, «hängt der Betrag von verschiedenen Umständen ab, etwa davon, wie gut Unternehmen bereits auf die Lagerung grosser Bargeldmengen vorbereitet sind oder welche zusätzlichen Investitionen in Sicherheitsmassnahmen erforderlich sind.» Werde das Geld einem professionellen Anbieter anvertraut, müssten noch die Lagerkosten einkalkuliert werden.

Die Versicherungsprämie selbst liegt laut René Harlacher im ­«tiefen einstelligen Promille­bereich der versicherten Geld­summe». Die genaue Höhe und Ausgestaltung hänge stark vom Grad der Sicherheitsstandards und der Kundenbeziehung insgesamt ab. Abgedeckt würden neben den Risiken Diebstahl und Raub auch Feuer und Überschwem­mungen.

Während die meisten Versicherungen es dabei belassen, ihren bestehenden Kunden auf Anfrage hin eine Deckung für eingelagertes Bargeld anzubieten, verhält sich die Zurich Schweiz proaktiv. «Wir gehen mittlerweile auf Grosskunden zu, wenn wir aus Direktkontakten wissen, dass sie über hohe Geldbestände verfügen», sagt Harlacher. Auch Privatkunden werde man künftig vermehrt ansprechen. Ihr Bedürfnis, Erspartes ohne belastende Negativzinsen aufzubewahren, werde ebenfalls umso grösser, je mehr die Banken ihren Kunden Strafzinsen verrechnen.

Nach eigener Schätzung hat die Zurich Schweiz mittlerweile eingelagertes Bargeld im Umfang von rund 10 Milliarden Franken versichert. Die Axa will keine Zahl nennen. Befördern die Versicherer mit solchen Angeboten nicht das Horten von Geld – was die Kontrolle des Geldumlaufs erschwert und damit den Interessen der Nationalbank zuwiderläuft? «Wir stellen einfach fest», so René Harlacher, «dass ein wachsendes Bedürfnis seitens unserer Kunden besteht. Darauf reagieren wir.»



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Erstellt: 17.11.2019, 16:12 Uhr

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