Auch der Gewinn schmilzt

Weil der Permafrost auftaut, kommen auf Seilbahnen steigende Kosten zu.

Auch im Engadin spielt Permafrost eine Rolle: Seilbahn auf den Corvatsch. Foto: PD

Auch im Engadin spielt Permafrost eine Rolle: Seilbahn auf den Corvatsch. Foto: PD

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Bald soll es wieder losgehen. Nach drei Monaten Stillstand nimmt die Pendelbahn Fiescheralp–Eggishorn auf dem Walliser Aletschplateau ihren Betrieb wieder auf – spätestens zum offiziellen Saisonstart am 21. Dezember. Es waren dringende Arbeiten im Bereich der Bergstation nötig. Im Oktober wurde der Betrieb per sofort eingestellt, nachdem man bei Routinemessungen Terrainabsenkungen festgestellt hatte. Die Ursache: auftauender Permafrost.

Permafrost ist, wonach es tönt: Permanent gefrorener Boden – das Eis spielt also eine wichtige Rolle bei der Stabilität des Untergrunds. Schmilzt es, können die Bodenschichten zusammensacken. Im schlimmsten Fall drohen Murgänge und Erdrutsche. Aber auch kleinere Verschiebungen können Konsequenzen haben. Ist im Permafrost zum Beispiel ein Mast einer Bergbahn verankert, kann das drastische Folgen haben. In der Schweiz sind die Seilbahnen in der Aletsch-Arena bei weitem nicht die Einzigen, die mit der Problematik zu kämpfen haben.

«Vereinfacht kann man sagen, dass Permafrost ab etwa 2500 Metern über Meer anzutreffen ist», sagt Andreas Keller, Sprecher des Verbands Seilbahnen Schweiz. Beispiele für Gebiete, in denen Permafrost vorkommt, seien St. Moritz/Diavolezza, Saas-Fee, Titlis, Zermatt, Verbier, Andermatt-Sedrun. «Indirekt können aber auch tiefer gelegene Gebiete betroffen sein, etwa durch Murgänge, Felsabbrüche oder Fliessbewegungen», so Keller.

Moser bleibt dennoch entspannt. In Berggebieten stehe man eben anderen Herausforderungen gegenüber als im Flachland.

Für Seilbahnunternehmen ergibt sich durch die Permafrostschmelze ein erheblicher Mehraufwand. Sie sind gesetzlich verpflichtet, die Sicherheit auf ihren Anlagen zu gewährleisten. Dazu gehören regelmässige Bodenkontrollen und – wenn Veränderungen festgestellt werden – entsprechende Anpassungen. Für die Kontrollen sind sie selbst verantwortlich. «Die Permafrostgrenze ist vor allem am Andermatter Hausberg Gemsstock ein Thema, der auf 3000 Metern über Meer liegt», sagt Stefan Kern, Sprecher von Andermatt Swiss Alps. Der Berg werde mit laufenden Messungen überwacht. Zudem verhindere auch die Abdeckung des Gletschers im Sommer ein weiteres Abschmelzen.

All das sind neue Aufwendungen für die Seilbahnen. «Früher waren periodische Messungen des Geländes und der Masten kaum nötig», sagt Markus Moser, Geschäftsführer der Corvatsch-Bergbahnen. Jetzt führt sein Unternehmen regelmässige Messungen durch. Die Kosten für eine solche Überprüfung: 60'000 bis 70'000 Franken. Die Ausgaben steigen nochmals, wenn tatsächlich eine Veränderung am Boden festgestellt wird. Am Corvatsch war das nun bei einer Bahn der Fall, berichtet Moser. «Bei einer Sesselbahn mussten wir bauliche Anpassungen vornehmen», so der Manager. In diesem Fall musste man am betroffenen Mast ein Gestell anbringen, das aussieht wie ein auf der Seite liegendes H. Der Eisenträger lässt sich dann an die Bewegungen des Bodens anpassen. Moser bleibt dennoch entspannt. In Berggebieten stehe man eben anderen Herausforderungen gegenüber als im Flachland. «Der Betrieb wurde durch die Arbeiten in diesem Fall nicht beeinträchtigt», sagt er. Und es sei auch nur ein Mast von insgesamt 12 Bahnen gewesen.

Die Kosten für die Überwachung tragen die Seilbahnen selbst

Beim Bau neuer Bahnen achte man bereits im Vorfeld auf Permafrostgebiete. «Früher hat man einfach den Abstand zwischen den Masten geplant und dann gebaut», so Moser. Heute arbeite man mit Geologen zusammen. «Wenn man sieht, dass ein Mast in einem gefährdeten Gebiet stehen könnte, nimmt man eine Probebohrung vor und muss den Mast allenfalls um mehrere Meter verschieben», erklärt er.

Die Kosten für all die Zusatzmassnahmen – ebenso wie für die Überwachung– müssen die Seilbahnen selbst tragen. «Wir generieren die Mittel dafür aus dem laufenden Umsatz», so Moser. Denn: Versichert sind Schäden durch Permafrost nicht. Während «plötzliche Schäden», also solche, die durch Lawinen oder Erdrutsche entstehen, in der Regel von entsprechenden Versicherungspolicen gedeckt sind, bleiben «kriechende Schäden» ungedeckt. «Permafrost ist nicht in der Elementarschadenversicherung als versicherte Gefahr aufgeführt», bestätigt auch Helvetia, die im Geschäft der Seilbahnversicherungen aktiv ist.

«Im Prinzip ist es ein Unternehmensrisiko, das man tragen muss», sagt Kurt Roth, Geschäftsführer des Versicherungs-Verbands Schweizerischer Transportunternehmungen (VVST). Grundsätzlich sieht Roth die Bergbahnen in der Schweiz aber «sehr gut aufgestellt». «Die regelmässigen Messungen garantieren, dass rechtzeitig gehandelt wird.»



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Erstellt: 23.11.2019, 19:15 Uhr

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