Aufreizende Langeweile

Der internationale Vergleich lässt die SVP inzwischen fast höflich erscheinen – auch wenn sie sich tapfer anstrengte, die Mittelschichten mit Würmern aus dem Häuschen zu bringen.

Neben Donald Trump wirken Vertreter der SVP, hier «President Switzerland» Ueli Maurer, wie Klosterschüler.

Neben Donald Trump wirken Vertreter der SVP, hier «President Switzerland» Ueli Maurer, wie Klosterschüler. Bild: Keystone

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Hätten wir vor ein paar Wochen nicht die Wahlunterlagen erhalten und stolperten ab und zu über ein Plakat mit einem Kopf, würden wir es kaum bemerkt haben: In der Eidgenossenschaft wird am kommenden Sonntag tatsächlich das Parlament neu gewählt – und die einen nehmen teil, und die anderen bleiben zu Hause, doch vom Ernst der Lage, in dem unser Land sich befinden könnte, ist nichts zu spüren. Es herrscht eine fast aufreizende Langeweile und weiträumige Zufriedenheit.

Haben wir so gute Politiker? Ist unsere Verwaltung so tüchtig, und freuen wir uns über ­jedes Gesetz, mit dem Bern unser Leben bereichert? ­Vermutlich nicht, und dennoch gehört der Wahlkampf 2019 zu den trockensten Sorten je. Besucher aus dem Ausland, denen man klarmachen will, dass Politiker sich derzeit ­speziell um uns bemühen, weil sie um die Wiederwahl ­zittern, glauben uns das nicht, und sie halten das Ganze womöglich für einen Probelauf. Als ob die perfektionistischen Schweizer die Wahlen zuerst üben müssten, damit am Ende ganz sicher keine Überraschung herauskommt. Man wählt, um vorzu­geben, man habe gewählt, dabei wurde gar nichts gewählt, sondern bloss das gewählt, was man das letzte Mal gewählt hatte. Das muss eine raffinierte Demokratie sein – von der man gar nichts merkt.

Gewiss, ein paar Verschiebungen dürften sich ereignen, im einstelligen Prozentbereich immerhin, was wir ausgehungerten Journalisten dann wie eine Beute vor uns hertragen – und so das Elend verdrängen, das uns alle vier Jahre übermannt. Warum haben wir keinen Trump? ­Warum keinen Brexit? Warum sind alle so nett?

Vielleicht liegt es gerade daran. Dass wir ins Ausland blicken und dass das, was wir sehen, derart horrormässig wirkt, dass wir froh sind, in diesem geschützten Land zu leben. Die Welt hat uns überholt, was Populismus anbelangt: Was bei uns schon Anfang der 1990er-Jahre begonnen hatte mit dem Aufstieg der SVP, die frech und mit wüsten Plakaten den Eliten auf die Nerven ging – ist nun überall im Westen zu beobachten. Die Rebellion derjenigen, die aus dem Konsens der Mächtigen und Reichen und Gescheiten keinen Nutzen ziehen.

Der internationale Vergleich lässt die SVP inzwischen fast höflich erscheinen – auch wenn sie sich dieses Mal tapfer anstrengte, die gepflegten Mittelschichten mit ein paar Würmern aus dem Häuschen zu bringen. Wer den super groben Trump erlebt, dem erscheint Blocher nun wie ein ganz vernünftiger Staatsmann – auch wenn der gleiche Bürger vor zehn Jahren noch jedes Mal Zeter und Mordio geschrien hatte, wenn der Herrliberger im Fernsehen auftrat.

Ebenfalls sind die jungen Klimakämpfer bei uns geradezu grossväterliche und grossmütterliche Aktivisten der Menschenliebe, wenn man sie den Brutalos der Extinction Rebellion in Berlin oder London gegenüberstellt, die Sodom und Gomorrha über ihre Heimat zu bringen scheinen. Bei uns muss die Limmat grün eingefärbt werden, damit die Bürger sich erschrecken und an den nahen ökologischen Kollaps glauben – weil das Wasser der Limmat mittlerweile so sauber ist, dass sich selbst die Fische beschweren und nach «mehr Dreck» verlangen. Es ist ein Land der Glück­seligen, möchte man meinen, und doch ist das nur die eine Seite der Wirklichkeit. Die andere Seite sieht unattraktiver aus. Es stinkt, es scheppert, es raucht.

Tatsächlich gäbe es grosse Fragen, über die wir jetzt reden müssten, wenn nur unsere Politiker mutig und ehrlich genug wären: Das Verhältnis zur EU etwa, konkret das Rahmenabkommen, steht nach wie vor auf der Agenda, und es handelt sich um eine höchst kontroverse Frage, die darüber entscheidet, ob das Berner Parlament, das wir jetzt wählen, künftig weite Teile unserer Wirtschafts- und Einwanderungspolitik überhaupt noch selber steuern kann – oder ob das namenlose Beamte in Brüssel für uns erledigen. Eine Debatte vor den Wahlen wäre angezeigt – doch das hülfe der SVP, der ungeliebten Partei, die nach wie vor als Aussenseiter gilt.

Gewiss, auch das Klima ist ein drängendes Problem, bloss ist es eines, wo unsere Berner Politiker wenig ausrichten können. Die Schweiz trägt weniger als ein Prozent zum weltweiten CO2 bei. Was immer wir tun, um unsere Emissionen zu drosseln – und ich habe nichts dagegen, da Erdöl und Kohle zu wertvoll sind, um sie zu verbrennen –, das Klima merkt so gut wie gar nichts davon. So gesehen, passt die Klimadebatte zu diesem zufriedenen Land: Es hat etwas Eskapistisches, man spielt Weltuntergang, in einem Land, das noch immer von jedem Weltuntergang profitiert hat.



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Erstellt: 13.10.2019, 00:22 Uhr

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