Aufstand auf der Männer-Insel

Nur wenige Frauen schaffen es im Berner Inselspital in Chefpositionen. Ein Gesetz soll das ändern.

OP am Insel­spital Bern: Unter dem Klinikleiter für Anästhesiologie hat sich die Situation für Frauen weiter verschlechtert. Foto: Keystone

OP am Insel­spital Bern: Unter dem Klinikleiter für Anästhesiologie hat sich die Situation für Frauen weiter verschlechtert. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Unispital Bern bestehe hinsichtlich Gleichstellung kein Handlungsbedarf. Das teilte Pierre Alain Schnegg, SVP-Regierungsrat, Gesundheitsdirektor des Kantons Bern und somit oberster Chef des Inselspitals, am Montag als Antwort auf zwei parlamen­tarische Vorstösse mit.

Wirklich nicht? Die Insel, das grösste Spital der Schweiz und der grösste Arbeitgeber des Kantons, hat im oberen Kader, ab Stufe Leitender Arzt, einen Frauenanteil von 16 Prozent. Berücksichtigt man alle ärztlichen Kader, sind es 41 Prozent. Zum Vergleich: Bei den Hirslanden Bern sind es 53 Prozent. Bei der Privatklinik Wyss sogar 56 Prozent.

Unter Verschluss war bis jetzt ein Bericht über die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts am universitären Arbeitsplatz, verfasst Ende 2014 von der Abteilung für Gleichstellung der Uni Bern. Insgesamt 159 Personen aus der Medizinischen Fakultät Bern, der Institute der Uni und Kliniken der «Insel» angehören, haben den Online-Fragebogen ausgefüllt. Die Analyse, die Rückschlüsse auf die Gesamtheit der Betroffenen zulässt, liegt dieser Zeitung vor und zeigt: Es besteht Handlungsbedarf.

Besonders weibliches akademisches Personal aus den höheren Hierarchiestufen ist von Diskriminierung betroffen. Und zwar aufgrund des Geschlechts. Eine verbreitete Wahrnehmung der Befragten beider Geschlechter ist: Männer werden mehr geschätzt, ihnen wird mehr zugetraut, und es werden ihnen verantwortungsvollere Aufgaben zugeteilt. Eine, die diese Ungleichbehandlung am eigenen Leib erfahren hat, ist die Anästhesistin Natalie Urwyler. «Ich war der Meinung, dass, wenn ich hart arbeite, ich gleich behandelt würde wie ein Mann. Ein Irrtum.» Eine Frau müsse zehnmal so gut sein, um Chefin zu werden.

Urwyler, Nachwuchshoffnung der Insel und damals angehende Professorin, setzte sich für gleichwertige Karrieremöglichkeiten sowie besseren Mutterschutz ein und bezahlte mit dem Stellenverlust. Zu Unrecht. Das Inselspital wurde erst- und zweitinstanzlich verurteilt und akzeptierte zähneknirschend den Entscheid.

Urwyler ist eine der ersten Frauen, die hierzulande mit einer Diskriminierungsklage aufgrund des Gleichstellungsgesetzes durchgekommen sind. Rechtsexperten sind sich einig: Das Urteil sei ein Signal an alle Chefs in männlich geprägten Berufswelten, überholte Vorstellungen zu überwinden. Am Inselspital ist denn auch schon ein gewisser «Urwyler-Effekt» auszumachen. So sind 2017 erneut mehr Teilzeitstellen gutgeheissen worden, und befristete Arbeitsverträge von Schwangeren werden neu bis Ende Mutterschutz verlängert.

Solange die alte Garde an der Macht ist, ändert sich nichts

Noch immer aber haben dieselben Personen das Sagen, die Urwyler bekämpften. Allen voran der Klinikleiter für Anästhesiologie. Unter ihm hat sich die Situation für Frauen verschlechtert. Es gibt keine Frau mehr im obersten Kader. Und im mittleren und unteren sind sie stark untervertreten. Dabei mangelt es in der Anästhesie-Klinik nicht an weiblichem Nachwuchs. 60 Prozent der Assistenzärzte sind Frauen, und bei den Fachärzten, die bereit sind für eine Beförderung, sind es 80 Prozent.

Was ist passiert? 134 Ärzte und Pflegepersonen haben der Anästhesie-Klinik der Insel den Rücken gekehrt – das übersteigt die Rate der natürlichen Fluktuation bei weitem. Vor allem Ärztinnen haben reihenweise in Privatspitäler gewechselt, weil sie an eine gläserne Decke gestossen sind.

Geschäftsleitung, Verwaltungsrat und auch der Regierungsrat ­sehen seit mittlerweile zehn Jahren stillschweigend zu. Auf Anfrage gibt die Insel keine konkrete Antwort, ausser: «Eine Fachstelle setzt sich für eine faire Behandlung aller Mitarbeitenden ein.» Ob sich dadurch die Situation für Ärztinnen verbessert hat, ist unklar. Eine neuere Untersuchung zu Diskriminierung gibt es nicht.

Nun formiert sich Widerstand. «Da der Regierungsrat und auch die Spitalleitung keine Verantwortung übernehmen wollen, braucht es eine Änderung des Spitalversorgungsgesetzes», sagt die Berner Grossrätin Natalie Imboden (Grüne). So sollen Listenspitäler künftig verpflichtet sein, Frauen in leitenden Positionen gemäss ihrem Anteil in der Berufsgruppe anzustellen. Ihre Ratskollegin Ursula Marti (SP) ist überzeugt, dass es ohne Quote keine Veränderung geben wird. «Erst wenn jedes Geschlecht zu 40 Prozent in einem Leitungsgremium vertreten ist, ­ticken Teams anders», sagt Marti. Auch sie plant einen Vorstoss.

Fest steht: Die Antwort des Regierungsrats hat die Wogen nicht geglättet, im Gegenteil. «Sie ist eine Frechheit. Und es ist höchste Zeit, dass der Regierungsrat grundsätzliche Fragen der strategischen Spitalführung anpackt», sagt Adelheid Schneider-Gilg, Präsidentin von Medical Women Switzerland. Und Janine Junker, Rechtsberaterin beim Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärzte Bern, sagt: «Solange die alte Garde Männer an der Macht ist, wird sich nichts ändern.» Ein Generationenwechsel sei daher zwingend.

Dafür kämpft auch Katrin Flückiger. 23 Jahre war sie am Inselspital, zuletzt als Leitende Ärztin. «In jedem anderen Konzern hätte ein solcher Klinikdirektor gehen müssen.» Doch an der Insel seien der Regierungsrat, die Geschäftsleitung und auch der Verwaltungsrat sowie die Klinikleiter miteinander verbandelt. «Was sie alle nicht wollen, ist Veränderung.»

Urwyler arbeitet heute am Spital Sitten, das Inselspital müsste sie eigentlich wieder einstellen, hat sie aber bereits wieder freigestellt: «Mein Ziel ist nicht meine Karriere, sondern dass meine Tochter einmal bessere Bedingungen hat.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.10.2018, 22:44 Uhr

Artikel zum Thema

700 Stellen am Inselspital Bern in Gefahr

Die Insel-Gruppe diskutiert den Abbau von bis zu 700 Vollzeitstellen. Anlass gibt das negative Halbjahresergebnis. Mehr...

Superkeim breitet sich in Berner Spital aus

Trotz sofortiger Isolationsmassnahmen hat sich in den letzten acht Monaten ein Keim auf 230 Patienten des Berner Inselspitals übertragen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...