Beamte fliegen trotz Klimapaket so viel wie noch nie

Der Bundesrat verlangt, dass die Verwaltung grüner wird. Trotzdem steigt die Zahl der Flüge. Jetzt geraten die Politiker unter Druck.

Ein Plus von rund 40  Prozent in sieben Jahren: Für Dienstreisen wird oft der Flieger gewählt. (Foto: Samuel Schalch)

Ein Plus von rund 40 Prozent in sieben Jahren: Für Dienstreisen wird oft der Flieger gewählt. (Foto: Samuel Schalch)

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Eine neunstündige Zugfahrt nach Wien ist für Bundesbeamte nicht zumutbar. Zu gross ist der Zeitverlust, sie dürfen deshalb das Flugzeug nehmen. Dies geht aus einem Papier hervor, in dem die Umweltstelle der Bundesverwaltung den Angestellten Tipps gibt, um das richtige Verkehrsmittel für Dienstreisen innerhalb von Europa zu finden. Dabei fällt auf: Oft drückt sich die Stelle vor klaren Ratschlägen. Für Reisen nach Berlin, Brüssel, London oder Rom empfiehlt sie Zug und Flugzeug.

Im Zweifelsfall wählen die Beamten wohl eher das Flugzeug. Dieser Verdacht liegt nahe, weil die Flugreisen zunehmen. In der zivilen Bundesverwaltung stieg die Zahl der Flüge in den letzten sieben Jahren von 21'200 auf 29'700, wie das Bundesamt für Energie (BFE) mitteilt. Das entspricht einem Plus von rund 40 Prozent.

Diese Entwicklung erstaunt. Seit ein paar Jahren verlangt der Bundesrat, dass die Verwaltung ihre Umweltbelastung senkt. Obwohl die Beamten animiert werden, vermehrt auf Telefon- und Videokonferenzen zu setzen, geht die Zahl der Flüge nicht zurück – im Gegenteil. «Das hat mit der zunehmenden Internationalität und mit neuen Aufträgen des Parlaments zu tun», heisst es beim BFE. Die politischen Geschäfte erforderten «häufig die physische Vertretung von Mitarbeitenden» an Terminen, Verhandlungen, Vermittlungstätigkeiten und Konferenzen im Ausland. Tabelle vergrössern

Immerhin könnten die Flüge im laufenden Jahr leicht abnehmen, Halbjahreszahlen der Bundesreisezentrale deuten in diese Richtung. Dennoch bleiben die Beamten unter Druck. Kürzlich beschloss der Bundesrat ein Klimapaket für die Verwaltung, darin ist eine Reduktion der Kurz- und Mittelstreckenflüge vorgesehen. Zudem ist auch das Parlament aktiv. Der grüne Nationalrat Michael Töngi verlangt etwa, dass Dienstreisen bis zu acht Stunden per Bahn erfolgen müssen.

Gemäss Töngi hat beim Klimaschutz aber nicht nur die Verwaltung eine Vorbildfunktion, sondern auch das Parlament. Er fordert zusätzlich eine 8-Stunden-Regel für offizielle Reisen von National- und Ständeräten: Wer es eiliger hat und das Flugzeug nimmt, soll die Kosten selber übernehmen. «Es muss selbstverständlich werden, dass man für Reisen mehr Zeit einberechnet. Trotz Klimakrise sind viele immer noch nicht bereit, einen Gang herunterzuschalten.»

FDP-Parlamentarier sind uneins

Im ersten Halbjahr 2019 weilten mindestens 18 offizielle Parlamentsdelegationen im Ausland, 13 davon in europäischen Ländern. Fast alle Gruppen flogen – nach Berlin, Spanien, Griechenland oder Rumänien, wie die Parlamentsdienste bestätigen. Nach Wien und Rom reisten Einzelne mit der Bahn. Nur für Besuche in Paris und Strassburg sassen die gesamten Delegationen im Zug.

Mit dem freisinnigen Nationalrat Peter Schilliger findet jetzt aber sogar ein Kritiker des neuen FDP-Klimakurses, dass Parlamentarier weniger fliegen sollten. «Von ihnen darf erwartet werden, dass sie einen Beitrag an den Klimaschutz leisten.» Er fordert seine Parteikollegen in den Aussenpolitischen Kommissionen auf, sich für eine Reduktion der Reisen einzusetzen.

Damit ist auch Ständerat Damian Müller gemeint, ein Verfechter der grüneren FDP-Politik. Er findet aber, dass man auf die meisten Reisen nicht verzichten könne. Der persönliche Kontakt zum Ausland sei wichtig. «Parlamentarierreisen sind keine Ferienreisen.» Er betont zudem, dass er alle Flugreisen als Parlamentarier bei Myclimate kompensiere. «Auch für die Kilometer, die ich mit meinem Wahlkampfmobil zurücklege, zahle ich dort ein.»



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Erstellt: 21.07.2019, 17:18 Uhr

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