«Bei Libra sollten uns Drogenhändler Sorgen machen»

Internet-Kritiker Evgeny Morozov hält Facebooks neue Währung für gefährlich – und sagt: «Dieses Unternehmen kennt keine Reue.»

«Ich kann überhaupt nichts Positives über Facebook sagen»: Evgeny Morozov. Foto: Getty Images

«Ich kann überhaupt nichts Positives über Facebook sagen»: Evgeny Morozov. Foto: Getty Images

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Herr Morozov, kommt Libra für Sie überraschend?
Eigentlich nicht. Zum einen ist Facebooks Werbemodell zwar profitabel, es birgt aber zunehmend politische Risiken. Daher ist Diversifikation angesagt. Zum anderen könnte ein künftiges Geschäftsmodell darin bestehen, dass Nutzer für Facebook-Dienste ­bezahlen müssen oder ihre Daten etwas ­kosten sollen. Für Zahlungen von oder zu Nutzern spart eine eigene Währung womöglich Transaktions­kosten ein.

Welche Rolle spielt die weltweite Konkurrenz?
Die Facebook-Rivalen aus China, Tencent mit Wechat und Alibaba mit Alipay, verfügen bereits über integrierte Zahlungssysteme. Weil Facebook bei US-Politikern in der Kritik steht, sieht es einen Vorteil darin, das Unternehmen zu sein, das es mit den chinesischen Techgiganten aufnimmt.

Echte Kryptowährungen vertrauen auf Algorithmen und die Blockchain. Bei Libra soll ein fixes Wertverhältnis zu wichtigen Währungen Stabilität garantieren. Warum bezeichnet Facebook es dennoch als Kryptowährung?
Das ist nur zur Tarnung. Facebook erkennt einen Werbenutzen ­darin, sich an die Spitze des Trends zur Demokratisierung und Dezentralisierung des Webs zu setzen. Das ist der Sinn der Ankündigung, man verfolge eine Kryptowährung oder ein Blockchain-Projekt. In populistischer Rhetorik gelten grosse Finanzhäuser und Zentralbanken als Verschwörer, die einfache ­Sparer ausbeuten. Facebook stellt sich als Teil des Aufstands gegen diese festgefahrenen Insti­tu­tionen dar.

Was halten Sie von Kryptowährungen generell?
Ich habe nichts gegen ­Experimente mit neuen Formen von Geld, solange diese mit demokratischen ­Institutionen und Mechanismen verbunden sind. In den letzten Jahren ist die Möglichkeit geschwunden, demokratisch Einfluss auf die Geldpolitik zu nehmen, da Zen­tralbanken zunehmend unabhängig von den Regierungen operieren. Leider werden die heute existierenden Kryptowährungen von Algorithmen bestimmt, somit sind sie noch weiter von einer demokratischen Kontrolle entfernt. Ich würde eine Welt vorziehen, in der Regierungen neue Formen von Transaktionen und Wertspeicherungen ausprobieren.

Die Aufsicht über Libra soll ein in Genf angesiedelter Verein übernehmen, über den Facebook keine Kontrolle ausübt. Nehmen Sie dem Konzern das ab?
Nein. Wer ein Netzwerk in die Welt stellt, kontrolliert es sogar dann, wenn er die Macht darüber verteilt. Bezeichnend ist, dass zu den Libra-Mitgliedern keine Konkurrenten von Facebook zählen, weder Google noch Amazon, noch die chinesischen Rivalen. Facebooks Kontrolle über Libra wird die Dezentralisierung überleben.

«Facebook kennt keine Reue und ist politisch schwerhörig.»

Könnte Libra nicht auch Nutzen ausserhalb von Facebook haben?
Wenn Sie an den erleichterten Zahlungsverkehr in Gegenden mit un­terentwickeltem Bankwesen denken, dann frage ich zurück: zu welchem Preis? Ein kostenloser Zahlungsverkehr hat mit Sicherheit nicht-monetäre Kosten woanders, etwa bei der Demokratie oder der Wirtschaftsstruktur. Libra mag gewisse Dinge erleichtern, doch das Geschäftsmodell dahinter sollte es meiner Ansicht nach nicht geben.

Kommt mit Libra potenziell ein neues Datenschutzproblem auf uns zu, wie manche europäischen Kritiker warnen?
Datenschutz ist schon jetzt ein Problem bei allem, was Facebook tut. Das ist allerdings nicht der Punkt. ­Libra ist attraktiv für Weltgegenden ohne entwickelte Finanzinfrastruktur. Dort ist aber der Datenschutz kein drängendes Problem. Um Datenschutz sorgen sich wohlgenährte Leute in der westlichen Welt.

Worum sollte man sich denn bei Libra sorgen?
Wir wissen inzwischen, dass Facebook nur eine minimale Fähigkeit hat, in seinem Netzwerk b­ösartige von nicht bösartigen Akteuren zu unterscheiden. Bei Libra sollten uns Drogenhändler und Waffenschieber viel mehr Sorgen machen als die Datensicherheit.

Trauen Sie Facebook zu, ins Finanzgeschäft einzusteigen?
Facebook fehlt die finanzwirtschaftliche Expertise, daher droht hier Gefahr von seinem Firmenmotto: «Bewege dich schnell und mache Dinge kaputt». Dieses Un­ternehmen kennt keine Reue und ist politisch schwerhörig. Ich kann überhaupt nichts Positives über Facebook sagen.

Angeblich soll der Wert der Libra zu hundert Prozent durch Anlagen in soliden Währungen gedeckt sein. Mit den Profiten soll die Infrastruktur bezahlt werden. Überzeugt Sie diese Struktur?
Das Geschäftsmodell mit null Zinsen für die Nutzer macht nur Sinn, solange die Zinsen tief sind. Bei steigenden Zinssätzen wird aber auch Libra moralisch nicht darum herumkommen, auf Guthaben Zinsen zu zahlen.

Überschätzt sich der Facebook-CEO Zuckerberg mit seinen Währungsplänen?
Der CEO mag grössenwahnsinnig sein, aber für Facebook gilt das Gegenteil: Das Unternehmen verkauft bloss Werbung. Im Vergleich wollen Amazon und Google alles tun, etwa Krebs heilen, Drohnen einsetzen und selbstfahrende Autos losschicken. Facebooks Diversifikation in den Zahlungsverkehr kommt spät. Google Pay und Apple Pay gibt es schon.

Das heisst, Sie sehen den Sinn nicht ganz?
Wer braucht schon eine neue Währung? Facebook hat diese Frage mit Libra noch nicht überzeugend beantwortet.



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Erstellt: 22.06.2019, 19:13 Uhr

Einflussreicher Skeptiker

Der in den USA lebende ­Weissrusse Evgeny Morozov beschäftigt sich als Autor von Büchern wie ­«Smarte neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen» mit den Folgen der Technologisierung für die Gesellschaft. «Politico» zählte ihn 2018 zu den 28 ­einflussreichsten Europäern.

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